Showdown am Zürcher Taxistand

Höhere Preise verlangen nun die unabhängigen Taxifahrer am Hauptbahnhof – im Gegensatz zu den grossen Taxizentralen. Wer gewinnt diesen Preiskampf?

Karikatur: Felix Schaad

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Zürich – Viele mögen gar nicht mehr hinhören, denn jedes Mal, wenn es in Zürich um die Taxis geht, geht es im Kern um das Gleiche: um die Zustände am Hauptbahnhof, die sich trotz bestän­diger Kritik nicht verbessern. Aber diesmal ist es anders. Es geht darum, warum es bald zu einer Art Flurbereinigung kommen könnte.

Angefangen hat alles im vergangenen März mit einer Änderung, die zunächst kaum ins öffentliche Bewusstsein drang: Der Stadtrat erhöhte die Maximaltarife, die ein Taxifahrer seinen Kunden verrechnen darf. Der Markt sollte mehr spielen als bisher, die Zeit staatlich verordneter Fixpreise endgültig überwunden werden. Markante Aufschläge werde es aber nicht geben, hiess es damals.

Seither hat sich jedoch ein seltsames Muster herausgebildet. Obwohl die beiden grossen Taxizentralen und die Mehrheit der unabhängigen Taxiunternehmer die alten Tarife beibehielten, sind rund um den Hauptbahnhof fast nur noch Taxis mit erhöhten Preisen zu sehen. Die Fahrer, durchs Band unabhängige, verlangen dort eine Grundtaxe von 8 Franken und weitere 5 Franken für jeden Kilometer – ein Plus von fast ­einem Drittel gegenüber früher.

Kein schlauer Entscheid

Grégoire Allet, Geschäftsführer der Zentrale Taxi 444, hat sich kürzlich selbst ein Bild vor Ort gemacht. Wenn er beschreibt, was er gesehen hat, hebt er zu einer Philippika an, die gespickt ist mit den prächtigsten Schimpfwörtern für den dortigen Fuhrpark. Die Essenz: Es seien heruntergekommene Autos und unfreundliche Fahrer, die am Bahnhof den neuen Höchsttarif verlangten.

Laut Anna Spengler, der Präsidentin des Zürcher Taxiverbands, ist etwa jeder siebte der rund 800 unabhängigen Taxifahrer mit den Preisen raufgegangen – ihrer Ansicht nach kein schlauer Entscheid. «So nehmen sie sich selbst aus dem Geschäft», sagt sie. Als Kunde finde man beim Hauptbahnhof problemlos eine günstigere Alternative.

Ähnlich äussert sich Allet in einem internen Schreiben an seine Leute. Die Preispolitik der unabhängigen Fahrer am HB sei kontraproduktiv, heisst es dort. Die Konsequenz sei absehbar: «Die teuren Anbieter mit bescheidener Qualität werden vom Markt verschwinden.» Das bedeute umgekehrt, dass mehr Kundschaft für die Fahrer von Taxi 444 übrig bleibe, die die alten Tarife beibehielten. Um diesen Prozess zu beschleunigen, müsse die Öffentlichkeit über die «Abzocke» informiert werden – und darüber, dass der Kunde überall in Zürich ein Recht auf freie Fahrzeugwahl habe. Dass er also nie verpflichtet ist, am Taxistand das teure, vorderste Taxi zu nehmen. Taxi 444 hat bereits Inserate geschaltet, in denen das Unternehmen den Vorteil der eigenen Tarife unterstreicht.


Hochpreisinsel HB: Rund um den Zürcher Hauptbahnhof sind fast nur noch Taxis zu finden, die die Fahrpreise erhöht haben. Fotos: Urs Jaudas

Finte der Taxizentrale?

Bei einem löst diese Entwicklung Skepsis aus. Stefan Löble, unabhängiger ­Taxiunternehmer von Einfach-Pauschal, der mit Fixpreisen zu punkten versucht, zeigte sich schon im Frühjahr überzeugt: Die Tariferhöhung ist eine Finte der beiden grossen Zentralen, um die anderen Taxifahrer aus dem Markt zu drängen. Hintergrund dieser Vermutung sind die Umstände, unter denen die neue Tarifordnung zustande gekommen ist. Der Stadtrat hörte nämlich stark auf die Zürcher Taxikommission, bevor er die Preise festsetzte – und in dieser Kommission haben die beiden Zentralen ein Übergewicht. Eines, das allerdings nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist.

Offiziell besetzen die beiden Unternehmen nur zwei von zuletzt sechs Sitzen. Tatsächlich ist aber Kommissionspräsident Felix Engelhard – ausgewiesen als Mitglied des Schweizerischen Nutzfahrzeugverbands – auch Verwaltungsratspräsident der Firma 7 × 7 Fahrdienste, zu der 7 × 7 Taxi gehört. Und die als Frauenvertreterin einsitzende Annemarie Achermann ist eine Fahrerin von Taxi 444 und war dort früher Verwaltungsratsmitglied. Es müssen diese Verbindungen sein, die die unabhängige Vertreterin Dolores Zanini dazu brachten, von «mafiösen Zuständen» zu sprechen und von einer Kommission, die den Zentralen in die Hände spiele.

Löble glaubt, dass die Zentralen die Tariferhöhung von Anfang an wollten, ohne sie selbst anzuwenden. Zumindest vorerst nicht. Sie würden stattdessen abwarten, bis sich die unabhängigen Taxifahrer ins Abseits manövrierten. «Diese sind nun auf bestem Weg und merken es nicht einmal», sagt er. Er kritisiert auch die städtischen Behörden, weil sie diese «monopolistischen Strategien» nicht unterbinden. Man gewinne dadurch den Eindruck, dass sie die sich anbahnende Flurbereinigung positiv fänden.

Imageschaden befürchtet

André Küttel, der Geschäftsführer von 7 × 7 Taxi, und Grégoire Allet von Taxi 444 widersprechen: Von einem solchen Kalkül könne keine Rede sein. Sie seien vielmehr überrascht, wie viele Taxifahrer inzwischen ans Preislimit gegangen seien, ohne dafür einen Mehrwert zu bieten. Denn das sei der Sinn der Erhöhung gewesen: jenen Fahrern Spielraum nach oben zu geben, die dies durch besondere Leistungen rechtfertigen können. Was hingegen jetzt am Hauptbahnhof passiere, schade dem Image der gesamten Branche, gibt Allet zu bedenken.

Es gibt noch einen anderen Grund, weshalb es für die Zürcher Taxiunternehmen derzeit kaum angezeigt ist, die Preise zu erhöhen – auch wenn sie es nicht gern hören: den internetbasierten Fahrdienst Uber. Seit dieser vor einem Jahr mit Tiefpreisen in den Zürcher Markt eingedrungen ist, stehen herkömmliche Geschäftsmodelle unter Druck. Taxifahren gelte in Zürich ohnehin schon als teuer, sagt Allet.

Das Polizeidepartement der Stadt Zürich teilt auf Anfrage mit, man habe das neue System mit Höchsttarifen gewählt, um die Taxikundschaft vor überteuerten Preisen zu schützen. Innerhalb dieses Systems seien die Taxifahrer aber frei, ihre Preise zu gestalten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.06.2015, 21:38 Uhr

SP sieht Liberalisierung bedroht

Die Kantonsregierung sperrt sich angeblich gegen einen einheitlichen Taximarkt mit gleichen Regeln für alle.

Bis gestern konnte man damit rechnen, dass die aktuellen Positionskämpfe im Stadtzürcher Taximarkt bald obsolet sein würden. Dies, weil der Kantonsrat die Regierung letztes Jahr verpflichtet hat, ein kantonales Taxigesetz zu entwerfen, das die Spielregeln von Grund auf ändert. Anstelle des kommunalen Gärtchendenkens sollten gleiche Regeln für alle treten. Das heisst insbesondere: strengere Qualitätskontrollen und ein einziger, liberalisierter Taximarkt übers ganze Kantonsgebiet. Damit zeichnete sich ab, dass ausserstädtische Fahrer künftig in der Stadt Zürich rechtmässig Kunden aufladen könnten, was die Konkurrenz angeheizt hätte – zum Unwillen der städtischen Platzhirsche.

Diese Erwartungen dämpft nun aber die SP des Kantons Zürich. Sie hatte Einsicht in den Gesetzesentwurf der Regierung, der sich derzeit in der Vernehmlassung befindet. Ihr Urteil: In der derzeitigen Form werde der Entwurf kaum etwas zur Verbesserung der «desolaten Situation» im Taximarkt beitragen. So steht es in einer Medienmitteilung, die sie gestern veröffentlichte. Vom Kern­anliegen der Initianten Alex Gantner (FDP), Priska Seiler Graf (SP) und Marcel Lenggenhager (BDP), einem liberalisierten Taximarkt, sei nicht viel übrig geblieben, heisst es auf Anfrage.

Ganz überraschend käme das nicht: Der heutige Regierungspräsident Ernst Stocker (SVP) hatte schon vor der Abstimmung im Kantonsrat keinen Hehl daraus gemacht, dass er das neue Gesetz für eine unnötige staatliche Einmischung in den Taximarkt hält. Rund die Hälfte aller Taxifahrten fänden heute ohnehin in der Stadt Zürich statt, argumentierte er, und dort sei das Gewerbe bereits genau geregelt. (hub) (Tages-Anzeiger)

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