Showdown um einen Schiessplatz

Linke und Grünliberale wollen einen Zürcher Schiessstand stilllegen – und bringen damit die Schützen gegen sich auf.

«Es ist traurig, dass immer wieder gegen uns Schützen vorgegangen wird»: Thomas Osbahr, Präsident der Schützengesellschaft Züri9, in der Anlage Hasenrain. Foto: Andrea Zahler

«Es ist traurig, dass immer wieder gegen uns Schützen vorgegangen wird»: Thomas Osbahr, Präsident der Schützengesellschaft Züri9, in der Anlage Hasenrain. Foto: Andrea Zahler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er liegt idyllisch in einer Waldlichtung zwischen Albisrieden und der Waldegg: der Schiessstand Hasenrain. Die 300-Meter-Anlage für den Schweizer Traditionssport steht im Zentrum eines exemplarischen Konflikts in der Zürcher Stadtpolitik, bei dem links-progressive und ­bürgerlich-konservative Weltanschauungen aufeinanderprallen.

Auslöser des Streits ist eine Motion der Gemeinderäte Pascal Lamprecht (SP) und Markus Baumann (GLP). Ihr Vorstoss mit verbindlichem Charakter verlangt eine Zonenplanänderung für das Gebiet Hasenrain, welche den Schiessbetrieb künftig verunmöglichen würde. Der Stadtrat lehnt die Motion ab und will an der Anlage festhalten.

Morgen Mittwoch entscheidet der Gemeinderat. Angesichts der rot-grünen Mehrheit dürfte die Motion überwiesen werden, zumal auch die AL den Vorstoss mitunterzeichnet hat und die Grünen den Schiessbetrieb bisher ebenfalls abgelehnt haben.

Hassmails gegen Gemeinderäte

«Es ist ein heisses Eisen», sagt Pascal Lamprecht. Er habe «bitterböse Mails» von Schützen erhalten. «Das war nahe an einer Bedrohung», sagt der SP-Mann, der allerdings keine Anzeige erstattet hat. «Die haben in einer ersten Reaktion wohl überrea­giert.» Es sei klar, dass man sich mit einem solchen Vorstoss exponiere, das Thema sei emotional. Immerhin hätten ihn auch viele aufmunternde Reaktionen von Leuten aus dem Quartier erreicht, die den Schiessplatz als Störfaktor empfinden. «Ich bin nicht gegen den Schiesssport», versichert Lamprecht. Er habe Militärdienst geleistet, die obligatorische Schiesspflicht erfüllt – und als Bub am Knabenschiessen teilgenommen.

Aber ein 300-Meter-Schiessstand in diesem Erholungsgebiet sei «nicht mehr zeitgemäss». Wegen der baulichen Verdichtung und des Wachstums der Stadt brauche es eine ökologischere und weniger lärmintensive Nutzung. Zudem genügten die beiden Schiessstände Albisgüetli und Höngg. Lamprecht hält es für unverständlich, dass sich der Stadtrat gegen die Motion sträube und zu keinerlei Kompromissen bereit gewesen sei, obwohl der Gemeinderat bereits zwei Postulate mit ähnlichen Forderungen überwiesen hat.

Wieso nicht unterirdische «Schiess-Casinos»?

GLP-Politiker Markus Baumann spricht gar von einem «Vertrauensbruch», weil der Stadtrat den Auftrag des Parlaments ­ignoriere. Auch er hat «aktive Bedrohungen von unbekannter Seite» erhalten; Anzeige hat auch er nicht erstattet. «Anfeindungen gehören zur Politik, allerdings war es schon grenzwertig», sagt Baumann. Er betont, überhaupt nichts gegen Schützenvereine zu haben. Aber wegen der Anlage im Hasenrain, die nur einer Minderheit zugutekomme, sei ein wichtiges Naherholungsgebiet für die Allgemeinheit nicht zugänglich, zudem störe der Lärm. Es gebe mittlerweile gute Alternativen für Schiessfreunde, etwa unterirdische «Schiess-Casinos» wie auf dem Brünig.

«Es ist traurig, dass immer wieder gegen uns Schützen vorgegangen wird», sagt Thomas Osbahr, Präsident der Schützengesellschaft Züri 9, welche die Anlage Hasenrain von der Stadt gemietet hat und auf eigene Kosten den Kugelfang saniert. ­Sollte die Motion überwiesen werden, stehe die Schützengesellschaft vor einer völlig ungewissen Zukunft.

«Sie sind generell gegen den Schiesssport»

«Es geht den Gegnern generell ums Schiessen und um den Schiesssport», ist Osbahr überzeugt. ­Dabei störten die Schützen im abgelegenen Hasenrain kaum jemand und hielten sich strikt an die Schiesszeiten. Das Argument, die Anlage sei nicht mehr zeitgemäss, kann Osbahr nicht nachvollziehen. «Es geht um eine Schweizer Tradition.» Die Zahl der Obligatorisch-Schützen sei zwar rückläufig, doch der Schiesssport sei am Wachsen. Sein Schützenverein verzeichne eine Zunahme an Mitgliedern, etliche junge Leute entdeckten den Sport für sich.

GLP-Gemeinderat
Markus Baumann spricht von Vertrauensbruch, weil der Stadtrat das Parlament ignoriere.

Unterstützung erhalten die Schützen von Bürgerlichen. Der Schiessstand Hasenrain «stört niemanden dort oben», sagt SVP-Fraktionschef Roger Bartholdi, der in der Nähe wohnt. Von übermässigem Lärm könne keine Rede sein. Ein Wegzug der Schützen wäre «sehr bedauerlich».

Auch für FDP-Fraktionschef Michael Schmid muss der Schiessbetrieb im Hasenrain weitergehen. Der Vorstoss sei ein weiteres Beispiel einer rot-grünen Fundamentalopposition gegen Emissionen, die jahrelang niemanden gestört hätten und die früher notabene viel grösser gewesen seien. Schmid: «Wegen der gesteigerten Empfindlichkeit Einzelner soll eine traditionsreiche Anlage aufgegeben werden.»

Schiessplatz Probstei wird Ende Jahr geschlossen

Der Zürcher Stadtrat hat im letzten September angekündigt, wie es mit den drei anderen Schiessanlagen auf Stadtgebiet weitergehen soll. Der Schiessplatz Probstei in Schwamendingen wird per Ende 2020 geschlossen. Das Sportamt will die Anlage aber als Sportzentrum weiterführen, etwa für Pistolenschiessen, Bogensport- oder Armbrustschiessen. Die beiden privaten Schiessanlagen im Albisgüetli und in Höngg werden saniert und erhalten weiter Geld von der Stadt. Sie stehen den Obligatorisch-Schützen zur Verfügung.

Erstellt: 20.01.2020, 22:39 Uhr

Artikel zum Thema

Der Schiesslärm in Zürich wird weniger

Die Stadt schliesst den Schiessstand Probstei, und im Hönggerberg werden Schallschutzwände installiert. Sie sollen den Schiesslärm markant – um zehn Dezibel – reduzieren. Mehr...

«Die werfen uns nicht hinaus. Die haben unser Geld gerne»

Die Schützen wehren sich gegen die EU-Waffenrichtlinie – mit viel Wut im Bauch. Besuch am Fahrtschiessen in Mollis. Mehr...

So entscheidet der Gutachter, wer eine Waffe kriegt

Interview Psychologe Kenan Alkan-Mewes erklärt, welche Fälle häufig bei ihm landen. Und wann Schusswaffen eingezogen werden. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...