Sie braucht Ruhe nach dem Sturm

Regierungsrätin Rita Fuhrer (SVP) hört Ende Monat auf. Die bekannteste Zürcher Politikerin seit Ursula Koch ist charmant, talentiert, fleissig. Aber auch nachtragend und streitlustig.

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Über beliebte Politiker gibt es Witze – oder sie haben einen Kosenamen. Zu Rita Fuhrer gehört beides. Die «Lovely Rita» erfunden hat ihr langjähriger Regierungskollege Markus Notter (SP) beim Bier in der Beiz. Diese Rita ist im bekannten Song der Beatles eine liebliche Hilfspolizistin, die Parkuhren kontrolliert und Bussen verteilt.

«Liebliche Rita» war ihr Image, als Rita Fuhrer vor 15 Jahren überraschend Polizeidirektorin wurde. 41 Jahre jung, Hausfrau und Mutter, Strahlefrau in der Männerpartei SVP. Das «Blondchen von Blochers Gnaden» wurde sie genannt. Ihr Leistungsausweis: Schulpflegerin in Pfäffikon, Lokaljournalistin, Agenturleiterin einer Krankenkasse und drei Jahre lang unauffällige Kantonsrätin.

Krankheiten und Verletzungen

Ihr Kosename hat Rita Fuhrer am Anfang geärgert. Denn erstens ist sie längst nicht immer so lieblich, wie man später merken sollte. Vor allem aber: Sie hatte schon viel mehr durchgemacht, als es der politische Lebenslauf vermuten liess. Als Kind war sie herzkrank, mit 17 erlitt sie eine Hirnverletzung beim Skifahren, Heirat mit 18 und erste Schwangerschaft, ihr drittes Kind starb kurz nach der Geburt, und bei der vierten Schwangerschaft litt sie unter Lähmungen. Als Rita Fuhrer im besten Alter Regierungsrätin wurde, hatte sie schon eine intakte Familie grossgezogen.

Ihre ersten vier Jahre in der Regierung waren gegen aussen die besten. Die Hausfrau führte souverän 3500 Leute, räumte in der Polizeiaffäre entschlossen auf und feuerte Polizeikommandant Eugen Thomann. In dieser Zeit entstanden die ersten Anekdoten. Sie trainiere ganz bewusst ihre Schultermuskulatur, um an den militärischen Abschiedsfeiern eine gute Figur zu machen. Pro Jahr schüttelte sie 10'000 Soldatenhände. Und wenn aus den strammen Reihen der obligate Ruf «Küssen!» kam, lachte sie: «Es wäre schön, wenn ich euch alle küssen könnte.» In vier Jahren stieg sie von null auf hundert und wurde mit einem Traumresultat wiedergewählt: 35'000 Stimmen vor dem zweitplatzierten Markus Notter. Lovely Rita Superstar.

Früh kämpfen gelernt

Doch schon in den ersten Jahren zeigten sich auch ihre Schwächen, die sich durch ihre ganze Karriere zogen. So charmant sie im persönlichen Kontakt ist, so unnachgiebig kann sie Auseinandersetzungen führen. Sie hat früh im Leben kämpfen gelernt. «Ich mache alles mit Leidenschaft», sagt sie. Auch im Sport. Früher fuhr sie mit dem Velo 4500 Kilometer im Jahr und liess beim grossen Alpenbrevet am fünften Pass sogar ihre Polizeioffiziere alt aussehen.

Ihre Hartnäckigkeit zu spüren bekam als Erster Bundesrat Arnold Koller (CVP), dem sie lasches Verhalten in der Asylfrage vorwarf. Im Volk kam diese Haltung gut an. Doch dann verstrickte sie sich in einen Streit mit der Zürcher Polizeivorsteherin Esther Maurer (SP) um die Kriminalpolizei. Die Medien hatten ihren Zickenkrieg. Ursache des Streits war aber nicht die Chemie zwischen den beiden Frauen, sondern der Lastenausgleich zwischen Stadt und Kanton. Dieser Zwist zeigte eine weitere Schwäche: Fuhrer fehlt die Fähigkeit zum grossen Wurf trotz enormem Kommunikationstalent.

Trotzdem wurde das Jahr 2000 zu Fuhrers bestem. Sie wurde Bundesratskandidatin und zum nationalen Star. Im letzten Wahlgang unterlag sie dem «halben SVPler» Samuel Schmid. «Ich sah, wie viel Energie und Disziplin ich habe, und ich genoss die Auseinandersetzung», sagte sie damals.

Der Polizeistreit setzte Fuhrer in den nächsten Jahren zu. Sie reagierte öfters wütend, weil sie in der öffentlichen Meinung ins Hintertreffen geraten war. Heute sieht Fuhrer das entspannter: «Ich hätte damals eher die Haltung der Regierung vertreten sollen, statt die Argumente der Stadt zu kontern.»

2004 folgte ein wichtiger Wechsel: Die Regierung setzte Fuhrer als Volkswirtschaftsdirektorin ein. Statt um dankbare Soldaten und Polizisten musste sie sich um den undankbaren Fluglärm kümmern. Der Traum vom Posten als Bundesrätin platzte, mit dem Flughafen am Bein konnte es nur noch bergab gehen. Zudem legte 2006 ein Kompetenzgerangel mit FDP-Baudirektorin Dorothée Fierz die ganze Regierung lahm. Fuhrer reagierte cleverer als beim Streit mit Esther Maurer und hielt sich völlig heraus – doch die Öffentlichkeit hatte einen zweiten Frauenkrieg.

Zickenformel als Erpressung

Das Brutale für Fuhrer: Ob in ihrer Leistungsbilanz der Fluglärmindex ZFI oder das SIL-Planungsverfahren erfolgreich waren, können nur Fachleute beurteilen. Und die sind geteilter Meinung. Über den Zickenkrieg aber richtet der Stammtisch. Fuhrer hat zusammen mit ihrer Schwester eine Theorie über die unterschiedliche öffentliche Wahrnehmung entwickelt: «Wenn zwei Männer streiten, führen sie eine politische Auseinandersetzung. Wenn zwei Frauen politisch anderer Meinung sind, dann streiten sie.» Fuhrer ist überzeugt, dass sie mit dieser Stammtischformel und dem stetigen Aufwärmen alter Geschichten regelrecht erpresst wurde. Nach dem Schema: Entweder du machst mit, oder wir konstruieren einen neuen Streit.

Fuhrer reagierte auf das Wühlen in alten Wunden immer dünnhäutiger. Und doch sagt sie heute: «Auf Imagefragen habe ich keine Rücksicht genommen, ich wollte mich nicht auf das Image der Strahlefrau reduzieren lassen.» Beispiel: Hätte sie das uralte Problem um die Abgeltung der Kriminalpolizei in der Schublade gelassen, hätte ihr das niemand übel genommen. Sie aber riskierte den Streit mit der Stadt.

Gesundwerden als Fulltime-Job

Die letzten sechs Jahre waren schwierig und wurden immer härter. Zuerst der fast unlösbare Fluglärmstreit. Dann die Erkrankungen: eine schwere Lungenentzündung, ein Velounfall und im Dezember die Diagnose Brustkrebs.

Ab 1. Mai wird Rita Fuhrer zum ersten Mal, seit sie ein Kind war, keine Tagesstruktur mehr haben. Die Kinder sind ausgeflogen, ihr Mann arbeitet. «Ich bin in meinem Leben noch nie herumgehängt», sagt Fuhrer. Zuerst will sie als Fulltime-Job gesund werden. Sie steckt mitten in einer belastenden Chemotherapie. Sie trägt eine Perücke, hat Gelenkschmerzen und ein paar Kilo abgenommen. Ihr Arzt hat ihr gesagt, sie sei ein «Ross» – widerstandsfähig und stark. Im Sommer folgt die Bestrahlung. «Und dann will ich wieder Velo fahren.»

Über ihre Zukunft hat Fuhrer genaue Vorstellungen, will aber nichts Genaues verraten. «Ich möchte ein Mandat, das mit Wirtschaft zu tun hat», sagt sie. «Und eine soziale Aufgabe, am liebsten etwas Emotionales mit Kindern.» Wer Fuhrer am Montag am Sechseläuten gesehen und die Hunderten von «Rita»-Rufen gehört hat, ist überzeugt: Sie wird nicht aus der Öffentlichkeit verschwinden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.04.2010, 22:29 Uhr

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