Sie demonstrieren jeden zweiten Tag

In Zürich protestieren kurdische Aktivisten in einer erstaunlichen Konstanz. Nun solidarisieren sich auch Gemeinderäte mit ihnen.

Um auf die Situation in der Türkei und Syrien aufmerksam zu machen, gingen Ende Januar mehrere Tausend in Zürich auf die Strasse. Video: Tamedia/Leser-Reporter

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Fackeln brennen, grüne, gelbe und rote Fahnen wehen, ein Umzug mit Hunderten Menschen schiebt sich durch Zürichs Strassen. Auf Transparenten und Schildern steht: «Schweizer Waffen töten Kurdinnen», «Diktator Erdogan», «Afrin ist nicht allein». Aus den Lautsprechern an den VBZ-Haltestellen schallt es: «Wegen einer Demonstration in der Innenstadt verkehren diverse Tram- und Buslinien in unregelmässigen Zeitabständen. Wir bitten um Verständnis. Piiiip.»

Jeden zweiten Tag wiederholen sich solche Szenen in Zürich. Kurdinnen und Kurden tragen ihre Wut auf die Strasse. Manchmal sind es einige Hundert, plötzlich sind es mehrere Tausend, wie an einem Wochenende Ende Januar. Seit Anfang Jahr hat die Stadtpolizei Zürich 40 Kundgebungen oder Demonstrationen von Kurden gezählt. Heute folgt Protest Nummer 41 – mit prominenter Un­terstützung. Linke Gemeinderätinnen und Gemeinderäte halten eine Mahn­wache auf der Rathausbrücke. Es sei ein «Zeichen der Solidarität mit den Menschen in der besetzten Stadt Afrin. Eine Partnerstadt der kurdischen Stadt Amed/Diyarbakir, die über den Brückenschlag auch mit Zürich verbunden» sei, heisst es in der Medienmitteilung.

Es herrscht «Ausnahmezustand»

Alin, eine 42-jährige Kurdin, hat höchstens ein oder zwei Demonstrationen in Zürich verpasst. Sie engagiert sich im Demokratischen Gesellschaftszentrum der Kurden, Dem-Kurd. Alin heisst eigentlich anders, sie will anonym bleiben. Die kurdische Aktivistin hat Angst vor Konsequenzen, falls sie in die Türkei reisen möchte. «Ich weiss gar nicht mehr, wie sich ein normales Leben anfühlt», sagt sie. Einen Abend für sich planen könne sie nicht: Arbeit, Feierabend, Sitzungen, Demonstrationen. Für das Treffen mit dem Journalisten opfert sie ihre Mittagspause. «Es herrscht Ausnahmezustand.» Sie arbeitet 90 Prozent und ist alleinerziehende Mutter. Beschweren will sie sich nicht: «Ich muss das tun.» Sie habe immer das Gefühl, zu wenig für die Kurdinnen und Kurden in Afrin zu machen.

Seit rund zwei Monaten dauert die türkische Militäroffensive «Operation Olivenzweig». Sie richtet sich gegen kurdische Gebiete in Nordsyrien und gegen die YPG-Milizen, die Ankara als integralen Teil der in der Türkei verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) betrachtet. Bomben und Granaten trafen immer wieder zivile Einrichtungen. Helfer des Roten Halbmonds gerieten unter Beschuss. Am Sonntag eroberte die türkische Armee die Stadt Afrin. Während der Offensive starben laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 1500 kurdische Kämpfer, auf der Gegenseite 400 von der Türkei angeheuerte Re­bellen und Hunderte Zivilisten, was Ankara bestreitet. Hunderttausende flohen.

Vom Protest in Zürich versprechen sich die Kurden zwei Dinge, wie verschiedene Aktivisten im Gespräch sagen. Erstens sollen die Bilder und Nachrichten der Demonstrationen aus der ganzen Welt den Menschen in den Krisengebieten Kraft geben. Dass die Medien ihre Kundgebungen oft ignorieren, frustriert sie. Zweitens will man die hiesige Bevölkerung auf die Problematik aufmerksam machen und den Druck auf UNO und EU erhöhen, etwas gegen die türkische Offensive zu unternehmen. «Als die Kurden gegen den IS gekämpft haben, waren sie Helden», sagt Alin, «jetzt ist der IS geschwächt, und die Welt überlässt die Kurden ihrem tragischen Schicksal.»

In Zürich leben laut Schätzungen mehrere Tausend Kurden, genaue Zahlen gibt es nicht. Jeden zweiten Tag auf die Strasse zu gehen, braucht Kraft. Mobilisiert wird heute hauptsächlich via Internet und Textnachrichten. Die Kurden können auf ein erprobtes Netzwerk zurückgreifen. Seit Jahrzehnten gehen sie auf die Strasse, sind gut organisiert, viele wurden in ihrer Familie politisiert. Auch Alin. Sie kam vor 22 Jahren als politischer Flüchtling in die Schweiz.

Verquickung mit Linksradikalen

Die 40 Kundgebungen verliefen meist friedlich. 11 Personen sind verhaftet worden: 10 alleine bei einer Nachdemo von rund 30 Personen am Sonntagabend vor einer Woche. Zuvor protestierten 2500 friedlich. Ein Sprecher der Stadtpolizei sagt es so: «In ihrer Mehrheit verhält sich die Masse gemässigt. Militantes Verhalten durch Einzelpersonen oder Kleingruppen kann dennoch nie ganz ausgeschlossen werden.»

Zum Beispiel vor einer Woche im Zürcher HB, um etwa 23 Uhr. Dort eskalierte die Situation kurzzeitig. Fahnder der Kantonspolizei entdeckten unter den Demonstranten einen ausgeschriebenen Mann. Er sollte auf den Polizeiposten mitkommen. Es kam zum Gerangel, Polizisten versprühten Pfefferspray. «Ich habe auch etwas abbekommen», sagt Alin. Solche Szenen seien zwar selten, sie zeigten aber exemplarisch, wie angespannt die Kurdinnen und Kurden seien. Die Wut ist gross, die Menschen seien emotional. «Es braucht wenig und die Stimmung kann kippen», sagt Alin. Sie erwartet von den Polizisten etwas Empathie und Toleranz – diese würden sie ihnen auch oft entgegenbringen.

Nicht erfreut ist die Polizei über die Verbindungen der Kurden mit der linksradikalen Szene. Der Revolutionäre Aufbau oder die Revolutionäre Jugend Zürich rufen jeweils ebenfalls zu den Demonstrationen auf und nehmen daran teil. Auf einschlägigen Internetseiten werden jeweils Bekennerschreiben nach Angriffen auf das türkische Konsulat veröffentlicht. Wie zum Beispiel Ende Januar, als Unbekannte auf der Rückseite der Liegenschaft im Stadtkreis 6 ein abgestelltes Fahrzeug in Brand zu setzen versuchten. Sie blieben erfolglos.

Die Verbindungen zwischen Kurden und Linksradikalen sind intensiver geworden. Im Oktober 2014 rief der Revolutionäre Aufbau dazu auf, Geld und Waffen für den Kampf gegen den IS in Rojava zu sammeln, den autonomen kurdischen Gebieten im türkischen Grenzgebiet. Begründung: In Rojava würde vieles verteidigt, was sie als Kommunisten befürworten. Anhänger des Revolutionären Aufbaus reisten anschliessend in das Gebiet. Auf die Verquickung mit links­radikalen Organisationen angesprochen, sagen Kurdinnen und Kurden, dass alle solidarischen Menschen an den Demonstrationen teilnehmen könnten. Und so begrüsst es Alin auch, dass nun Lokalpolitiker ihre Solidarität heute in einer Mahnwache ausdrücken. Und am Donnerstag Studierende zu einer «Defend Afrin»-Demonstration aufrufen. Das wäre dann Protest Nummer 42.

Erstellt: 20.03.2018, 23:19 Uhr

Die Rolle der PKK

NDB warnt vor Konflikten

An den Demonstrationen ist immer wieder das Konterfei von Abdullah Öcalan zu sehen, dem inhaftierten Chef der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Die PKK gilt in der Schweiz nicht als terroristische Organisation und ist, anders als in der EU und in der Türkei, nicht verboten. Welche Rolle die PKK bei den Protesten spielt, ist unklar. Deutliche Aus­sagen kann oder will niemand machen. Aber: «Die PKK setzt in Europa und auch in der Schweiz ihre Finanzierungsaktivitäten sowie Rekrutierungen neuer Mitglieder, Kader und Kämpfer fort», wird eine Sprecherin vom Nachrichtendienst des Bundes in der NZZ zitiert. Im aktuellen Sicherheitsbericht des NDB heisst es zudem, dass die PKK ihre Anhänger in Westeuropa jederzeit rasch mobilisieren und ihr Gewaltpotenzial nutzen könne. Weiter warnt der NDB vor Aufeinandertreffen von kurdischen und türkisch- nationalistischen Gruppen. (sip)

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