Sie ist die Madame Langstrasse

Alexandra Heeb vermittelt zwischen Clubs, Anwohnern und der Polizei. Das Zürcher Nachtleben besitze «Sprengkraft», wie sie sagt.

Alexandra Heeb vermittelte zwischen hässigen Clubbetreibern und Anwohnern. Foto: Fabienne Andreoli

Alexandra Heeb vermittelte zwischen hässigen Clubbetreibern und Anwohnern. Foto: Fabienne Andreoli

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Gemessen wird Alexandra Heeb an der Langstrasse. Dort, wo alles «intensiv» ist, wie sie sagt. Dort, wo die Stadt ein gewisses Ungleichgewicht in Kauf nimmt. In Kauf nehmen muss. Ungleichgewicht ist just der Zustand, den Heeb gemäss ihrer eigenenJobdefinition auffangen muss. Scheitern als Teil des Jobs – spricht man mit Heeb, scheint es, als lerne man damit umzugehen.

Heute präsentiert die Stadt Zürich den Abschlussbericht des «Projekts Nachtleben». 2015 hat der Stadtrat das Thema auf die oberste Ebene gehoben, zum Strategieschwerpunkt ernannt. Nun, dreieinhalb Jahre später, liegt das Papier vor: 18 Seiten, wenig Konkretes, nichts Spektakuläres. Letzteres ist das grösste Kompliment an Heebs Arbeit. Je stiller es um ihre Arbeit ist, desto besser. Sie steht zwischen zwei Fronten, deren Ansprüche unvereinbar sind. Spektakel wäre da gleichbedeutend mit ­Eskalation.

Feindliche Blöcke

Madame Nachtleben übernahm 2010 den Job von Rolf Vieli, dem Mister Langstrasse, der pensioniert wurde. War Vieli als Leiter des Projekts Langstrasse Plus noch mit den Auswüchsen und Nachwehen der offenen Drogenszene beschäftigt, wurde der Job für Heeb neu definiert. Als ­«Delegierte Quartiersicherheit», ebenfalls im Sicherheitsdepartement angesiedelt, war ihre Aufgabe nun der Umgang mit einem Grossstadtproblem: der Sicherheit im öffentlichen Raum, dem Nebeneinander von Nacht- und Quartierleben.

Exemplarisch dafür: die Langstrasse. Ein Strassenzug, einen Kilometer lang, wo sich zwei Blöcke formiert haben: hier das Quartier- dort das Nachtleben. «Feindschaft» beschreibe die Ausgangssituation am besten, sagt Heeb. «Auf beiden Seiten ­bestanden Ängste, beide waren frustriert, beide waren hässig aufeinander.»

Der Konflikt trat an die Oberfläche, als sich Anfang 2015 das Quartier mit einem offenen Brief an die Stadt wandte: Die Zustände, fanden mehr als 100 Unterzeichner, seien unhaltbar. Es war ein Hilfeschrei: Wir leben hier! Die Antwort folgte postwendend: «Wir auch.» Die Bar- und Clubbetreiber lancierten die Onlinepetition «Langstrasse bleibt Langstrasse», mehrere Tausend unterzeichneten sie. «Das war die Bestätigung, dass wir ein Thema aufgegriffen haben, das bewegt», sagt Heeb. Die Masse der Unterzeichner habe der Sache nun aber ein Gewicht verliehen, das auch aufseiten der Stadt nach mehr verlangte.

«Ein krasser Abend»

Bevor die beiden Blöcke an einem runden Tisch zusammentrafen, führte Alexandra Heeb unzählige Gespräche. Mit Betroffenen, mit Leuten in der Verwaltung, mit Polizisten oder Mitarbeitern der Stadtreinigung. Sie wollte wissen: Wie tief sind die Gräben? Wo tun sie sich auf? Wie verhärtet sind die Fronten? Sie spürte nach, wollte wissen, weshalb die Leute aufeinander «hässig» sind, woher der Frust kam.

Eine Erkenntnis: Der Lärm steht im Zentrum, Littering («im Nachtleben ist Littering besonders eklig», Stichwort Wildpinkler und Wildbrecher) ist ebenso Thema. Frust entsteht aber vor allem, wenn das Gefühl aufkommt, machtlos ausgesetzt zu sein. Und das fühlten sich viele, auf beiden Seiten. Viele waren wütend auf die Stadt, die zu wenig tue. Was hier verhandelt wurde, war existenziell. Für das Leben auf der einen, für das Überleben auf der anderen Seite. Zu viel Lärm zerstört Lebensqualität, Lärmklagen können für einen Beizer das Ende bedeuten.

«Man hörte einander zu. Das ist das Schwierigste, wenn man wütend ist.»Alexandra Heeb

Dann kam das, was Alexandra Heeb als «krasser Abend» in Erinnerung blieb: der erste runde Tisch. Fünfzehn runde Tische eigentlich, aufgestellt im Kirchgemeindehaus der Bullingerkirche, 120 Leute aus vier Strassenzügen kamen, geteilt in zwei Blöcke – unter ihnen viele, die sich oder die Verantwortlichen der Stadt am liebsten angeschrien hätten. «Der Raum flirrte», erinnert sich Heeb, «Wut, Frust, Verbitterung, Angst, alle negativen Gefühle waren spürbar.»

Irgendwie gelang es, die Blöcke an jenem Abend zu sprengen. Zuerst, indem sich alle so im Raum aufstellen mussten, wie sie an der Langstrasse leben. Leute, die sich vom Sehen kannten, stellten fest, dass sie Nachbarn sind. Um überhaupt richtig zu stehen, mussten sie miteinander reden. Nur wenig – «in welcher Nummer arbeiten Sie?», aber immerhin. An den Tischen kamen Gespräche in Gang. Und vor allem: «Man hörte einander zu. Das ist das Schwierigste, wenn man wütend ist», sagt Heeb.

Balance halten

Das war der Anfang, ein Prozess kam in Gang. Das Ende mit dem Bericht ist nur ein Ende aus politischer Sicht: «Das Zusammenleben in einer Stadt ist ein fragiles Gleichgewicht», sagt Heeb. Da reicht es, dass ein Haus renoviert wird und ganz andere Mieter einziehen, um die Balance zu stören. Dass eine neue Bar eröffnet. Oder, absurd eigentlich, dass eine Strasse beruhigt wird – und nun plötzlich der Partylärm stört. Dann gelte es, das Gleichgewicht neu zu verhandeln. «Das ist das einzige Rezept, das sich aus unserem Bericht ableiten lässt: Man muss vor Ort gehen», sagt Heeb: «Das Zusammenleben verhandeln. Immer wieder.»

Das heisst für ihren Job: Gut arbeite sie dann, wenn niemand ganz, «aber alle etwa 70 Prozent» zufrieden seien. Denn die beiden Extreme «Wiedereinführung Polizeistunde» und «komplette Liberalisierung» seien unvereinbar. «So unspektakulär das tönt: Der Kompromiss hat unglaubliche Sprengkraft.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.12.2018, 22:01 Uhr

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