Die militante 69-Jährige, die für die Revolution lebt

Andrea Stauffacher kämpft seit ihrer Jugend gegen das Kapital – manche Polizisten nennen sie nur «die Hexe». Jetzt wird «Andi» eines Anschlags verdächtigt.

Mit Megafon und Sturmhaube: Stauffacher an der Nachdemo am 1. Mai 2006. Foto: Keystone

Mit Megafon und Sturmhaube: Stauffacher an der Nachdemo am 1. Mai 2006. Foto: Keystone

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Die Zürcher Marxisten der 1980er-Jahre sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen: etablierte Politikerinnen, Anwälte, die gern schnelle Autos fahren, oder Pensionierte, die in teuren Häusern am Zürichberg wohnen.

Andrea Stauffacher ist die Ausnahme. Sie ist fast täglich im Chräis Chäib anzutreffen. An der Langstrasse grüssen Jugendliche die Mitgründerin des Revolutionären Aufbaus. Restaurantbesitzerinnen fragen sie um Rat. Selbst bei der Polizei, ihrem unmittelbaren Feind, wo manche sie nur «die Hexe» nennen, gibt es Beamte, die ihr Respekt zollen. «Diese Frau hat einen steinigen Weg gewählt, und sie geht ihn konsequent», wird der langjährige Zürcher Polizist Willy Schaffner in einem Buch über sein Leben zitiert. Jeden Tag lebt die 69-Jährige für die Revolution. Für Kommunismus statt Kapitalismus und liberale Demokratie.

Inspiration im Knast

Nun sind die ikonisch anmutenden Bilder von Stauffacher mit dem Megafon in der Hand wieder in den Medien. Seit fast einem halben Jahrhundert propagiert sie ihre Anliegen in Zürich – auch gerne mit illegalen Mitteln. In den Fokus geriet sie diese Woche wegen einer Böller-Attacke auf das türkische Konsulat im Februar 2017. Die Ermittler fanden eine DNA-Spur auf einem Holzstab, der fürs Abfeuern von Feuerwerk benötigt wird – die Spur führte zu Stauffacher. Ob das reicht für ein Verfahren? Nein, meinte die Bundesanwaltschaft, welche die Ermittlungen wegen mangelnder Erfolgsaussichten einstellen wollte. Ja, meint nun das Bundesstrafgericht in einem aktuellen Urteil.

Keine Angst vor der Justiz: Andrea Stauffacher am 18. November 1998 vor dem Bezirksgericht Zürich. Foto: Dominique Meienberg

Wer mehr über die Person Stauffacher erfahren will, beisst in ihrem Umfeld auf Granit. Ihre Mitstreiter, jetzige und ehemalige, lehnen es kategorisch ab, über sie zu sprechen. Auch Stauffacher will sich nicht äussern. Sie weilt gerade im Ausland. Per Kurznachricht teilt sie mit, sie habe dem «Tages-Anzeiger» zurzeit nichts zu sagen. Auch sonst spricht sie nicht gern über Privates. «Das interessiert mich nicht. Das Einzige, was mich interessiert, ist der revolutionäre Prozess und der politische Kampf, den ich führe.»

Wenn Stauffacher in Fahrt kommt, dann spricht sie von «Chancenungleichheit» und «unterdrückter Arbeiterschaft».

Von Altersmilde ist bei ihr nichts zu spüren. Sie bewegt sich bei Demonstrationen immer noch mitten im Pulk, teilweise an vorderster Front. Wie etwa beim Frauenstreik im Juni, als sie auf dem Central ein letztes Tram durchwinkte, bevor der Platz von Aktivistinnen abgesperrt und besetzt wurde. Stauffacher selbst sagt stets, sie sei keine Anführerin, sondern Teil einer Bewegung.

An vorderster Front mit dabei: Andrea Stauffacher am Frauenstreik im Juni 2019. Foto: Keystone

Wenn Stauffacher nun nochmals verurteilt würde, hätte dies kaum Einfluss auf ihr Verhalten. Im Gegenteil. Nach ihrem letzten Aufenthalt im Gefängnis in Winterthur schilderte sie 2014 ihre Eindrücke in einem seltenen Interview mit dem Schweizer Radio SRF. Die Zeit habe sie inspiriert: «Ich fühlte mich am Puls des Lebens.» Im Knast fänden alle gesellschaftlichen Brennpunkte auf engem Raum zusammen. «Es war ein Konzentrat, in das ich eintauchen konnte.» Stauffacher fühlte sich dadurch in ihrer Berufung als unerschrockene Kämpferin im Klassenkampf bestätigt. Im Gefängnis habe sie zwar brav ihr Ämtlein in der Wäscherei erfüllt, sei aber aufgrund «der politischen Gefangenschaft» auch in einen Hungerstreik getreten.

Stauffacher fühlt sich oft missverstanden – in erster Linie vom medialen Boulevard des «Blicks», der sie als «Krawall-Grosi» betitelt. Ständig heisse es nur, sie und der Revolutionäre Aufbau seien die Anführer des Krawalls. Doch über politische Inhalte werde nichts geschrieben, sagte Stauffacher 2007 in einem Interview mit der WOZ.

Stauffacher verfolgt seit Jahrzehnten das gleiche marxistisch-leninistische Programm, das den Kapitalismus zugunsten einer kommunistischen Weltordnung abschaffen will. Wenn Stauffacher in Fahrt kommt, dann spricht sie von «Chancenungleichheit» und «unterdrückter Arbeiterschaft». Von Menschen, die viel krüppeln, aber nichts zu sagen haben, von «Mietpreiswucher» und «Gentrifizierung», vom Kapitalismus, der heute nichts mehr zu bieten habe ausser Krieg und Verelendung. Manche Positionen Stauffachers könnten auch von einer radikal denkenden Sozialdemokratin stammen. Mit dem Unterschied, dass Letztere in ihrem politischen Kampf nie das Gesetz brechen würde. Stauffacher will die Revolution. Für die Erreichung dieses Ziels ist sie bereit, Gewalt auszuüben. Sie nennt es Militanz.

Radikalisierung in Italien

Dabei begann auch Stauffachers Leben im Bürgertum. Als Tochter einer wohlhabenden Familie wuchs sie in den 1950er-Jahren im Zürcher Niederdorf auf, wo ihr Vater als Theaterverleger arbeitete. Politische Aktivisten und die Bohème gingen bei der Familie ein und aus.

Als Stauffacher zwölf Jahre alt war, zog die Familie nach Rom. Mit 14 kam sie mit dem italienischen Arbeiteraufstand in Kontakt. Diese Zeit empfand sie als grosses Glück. Sie habe erleben dürfen, wie eine Bewegung von unten entstanden sei, sagte sie im Radiointerview. In Rom soll Stauffacher zudem Kontakte zu den Roten Brigaden geknüpft haben. Ihre Kontakte zu politisch Gleichgesinnten in Italien sollen bis heute anhalten, schrieb einst die NZZ.

Im Gespräch mit Rechtsanwalt Bernard Rambert vor einem Prozess im November 2018. Foto: Keystone

Stauffacher war Anfang 20, als sie in die Schweiz zurückkehrte und sich zur Sozialpädagogin ausbilden liess. Sie habe jedoch nie als solche gearbeitet – wegen ihrer politischen Gesinnung: «Lieber gehe ich putzen, statt den Staat von innen her zu unterstützen», sagte sie im SRF-Interview. Sie lebe sehr bescheiden. Das zeigt auch ihr aktueller Steuerauszug: Sie versteuerte 2017 ein Einkommen von 44 200Franken. Ihre letzte Wohnadresse lautet auf eine Wohnung im Kreis 4. Ihre mutmassliche Mitbewohnerin – eine selbstständige Psychiaterin – will das Zusammenleben weder bestätigen noch dementieren. Sie verrät nur so viel: «Wir sind sehr eng befreundet.»

Stauffacher möchte das bürgerliche System bekämpfen. Dennoch nimmt auch sie, zumindest sporadisch, daran teil. In den vergangenen Jahrzehnten hatte sie immer wieder ganz bürgerliche Jobs. Bei Ringier arbeitete sie zu Beginn der 1990er-Jahre in der Dokumentation: Kopieren, Scannen, Akten wälzen. Der Verlag kündigte ihr jedoch 1994. Der Grund: Eine unbedingte viermonatige Gefängnisstrafe, die sie damals antreten musste. 2014, nach ihrem letzten Gefängnisaufenthalt, war Stauffacher auf Stellensuche. Sie verkündete öffentlich, dass sie Arbeit als Putzkraft oder Scannerin suche.

In Anwaltskanzlei tätig

Ein Job war besonders prägend für ihren Werdegang: In den 1980er-Jahren arbeitete sie als Assistentin in der Kanzlei von Bernard Rambert. Mit dem Anwalt verbindet Stauffacher eine jahrelange, enge politische Zusammenarbeit. Gemeinsam engagierten sie sich etwa für die Ziele des Komitees gegen Isolationshaft. Die Organisation setzte sich für menschenwürdige Haftbedingungen für Personen ein, die sie als politische Gefangene einstufte. Rambert vertrat drei Mitglieder der deutschen linksterroristischen Vereinigung Rote Armee Fraktion, die in der Schweiz inhaftiert waren.

In der Anwaltskanzlei engagierte sich damals auch Stauffachers späterer Ehemann. Er, Stauffacher und Rambert waren 1992 Gründungsmitglieder des Revolutionären Aufbaus.

Seit den späten 1990er-Jahren arbeitet ihr damaliger Partner als Immobilienunternehmer. Der Ex-Kommunist verkauft unter anderem luxuriöse Häuser mit Minergie-Standard. Während er und Rambert nicht mehr öffentlich mit dem Revolutionären Aufbau in Verbindung gebracht werden wollen, kämpft «Andi», wie Stauffacher von Freunden genannt wird, auf der Strasse weiter.

Erstellt: 09.10.2019, 22:08 Uhr

Die Wiederholungstäterin

Andrea Stauffacher hat ein umfangreiches Vorstrafenregister. Wie lang es genau ist, lässt sich schwierig rekonstruieren. Gesichert ist, dass sie in den vergangenen 25 Jahren zu mindestens fünf unbedingten Freiheitsstrafen verurteilt wurde. Mehrfach sass sie in Untersuchungshaft, teilweise auch nur einzelne Tage. Zuletzt verbüsste die heute 69-Jährige eine 17-monatige Freiheitsstrafe. Das Bundesstrafgericht hatte sie 2012 wegen Gefährdung durch Sprengstoffe in verbrecherischer Absicht und Sachbeschädigung verurteilt. Es ging um Attacken auf das spanische Konsulat im Jahr 2002 und auf ein Polizeigebäude in Zürich 2006. Vergeblich zog Stauffacher das Urteil bis an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg weiter. Im Frühling 2014 wurde sie nach elf Monaten frühzeitig aus dem Gefängnis entlassen. Bei allen anderen Urteilen in den Jahren 1994, 1999, 2003 und 2005 ging es um Landfriedensbruch – zum Teil in Kombination mit anderen Straftatbeständen wie etwa geringfügigen Sachbeschädigungen. Verurteilt wurde Andrea Stauffacher jeweils zu unbedingten Freiheitsstrafen von zwei bis acht Monaten. Personen wurden, soweit bekannt, nicht verletzt bei den Aktionen, die ihr zur Last gelegt wurden. (mrs/zac)

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