Sie macht Zürich gross

Die Quaibrücke wird dieses Jahr für 19 Millionen Franken erneuert. Sie verdient aber auch sonst unsere grösste Wertschätzung.

Die Quaibrücke wurde 1884 eröffnet als Kernstück der Quaianlagen, die Zürich, Riesbach und Enge gemeinsam bauten. Foto: ETH

Die Quaibrücke wurde 1884 eröffnet als Kernstück der Quaianlagen, die Zürich, Riesbach und Enge gemeinsam bauten. Foto: ETH

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60'000 Autos fahren jeden Tag über die Quaibrücke. Genauer: Sie stehen auf der Quaibrücke. Dann lässt es sich gut fluchen über diese rot-grüne Schikane, doch liesse sich auch über den kulturellen Wert der Brücke nachdenken. Sie ist das wichtigste Bauwerk des modernen Zürich. Das alte Zürich lag an der Limmat, war in Mauern gepfercht und hatte nur die Rathausbrücke. Das neue Zürich ist eine Stadt am See, gewachsen aus der Eingemeindung 1893, als aus elf Vorortsgemeinden Quartiere wurden.

Die Quaibrücke, 1884 eröffnet, war der Auftakt zur Eingemeindung, das Kernstück der Quaianlagen, die Zürich, Riesbach und Enge gemeinsam bauten. Arnold Bürkli hiess der Baumeister, ­Zürichs begnadeter Stadtingenieur. Wobei bauen vor allem aufschütten bedeutete – Landgewinnung mit Schutt. Zuvor hätte die Quaibrücke keinen Sinn gemacht, denn es gab das Land nicht, das sie verbinden konnte. Würde man die Quaibrücke ins Mittelalter versetzen, stünde sie mitten im See.

Ein Stauraum für Trams

Heute ist sie mit 60'000 Autos und fünf Tramlinien Zürichs stärkst befahrene Brücke. Wobei sich auf ihr nicht nur die Autos stauen, sondern auch die Trams. Zu dritt stehen sie abends hintereinander, weil die Autokolonnen aus dem ­Utoquai grün haben – endloses grün, wie es den Fahrgästen im Tramstau vorkommt. Der Stadtrat in seiner Weisheit wollte einst Abhilfe schaffen und ein drittes Gleis verlegen, doch der Gemeinderat in seiner finanzpolitischen Kurzsichtigkeit lehnte das ab. Deshalb blieb es bei zwei Gleisen, als die Fahrbahn 1984 auf einem provisorischen Gerüst neben der Brücke neu gebaut und am 17. März spektakulär über die alten Pfeiler geschoben wurde.

Das Schweizer Fernsehen widmete der Brückenverschiebung damals eine Sondersendung und machte aus der Quaibrücke einen Schweizer Showstar. Gar zu internationalem Ruhm verhilft ihr jeden Sommer die Street-Parade, wenn sich Hunderttausende über die Brücke zwängen und alle Zeitungen und Sender dieser Welt immer dieses Luftbild zeigen. Die Brücke selbst ist wenig spektakulär: Fünf Stahlbögen, die zwecks Erweckung von Eleganz auf der Seite lotrecht strukturiert sind. Die Ästheten im Amt für Städtebau sehen darin immerhin ein «skulpturales Element», das sie nachts gezielt beleuchten – ­getreu dem Plan Lumière. Die Unterseite der Quaibrücke bleibt wegen Hässlichkeit im Dunkeln, im Unterschied zur Nach­barin Münsterbrücke von 1838, deren schönes Steingewölbe beleuchtet ist.

Nur die Zünfter wollen nicht

Auch wenn die Quaibrücke nicht die schönste ist, so ist sie doch die meist ­fotografierte. Keine bietet solchen Ausblick: auf der einen Seite die Altstadt mit dem Dreigestirn Grossmünster, Fraumünster und St.Peter; auf der anderen der See mit Glärnisch, Tödi und Windgälle. Deshalb wollen alle Sportveranstalter über die Quaibrücke: Ironman, Marathon Zürich, Marathon EM 2014, und sollten wir je ein Formel-E-Rennen erdulden müssen, wird der Kurs gewiss über die Quaibrücke führen. Nur die Zünfter – anders als der Kinderumzug – zieht es am Sechseläuten nicht über die Quaibrücke. Ihnen ist der Kontermarsch auf der Bahnhofstrasse wichtiger.

Am kommenden Montag geht die grosse Sanierung los. Für 19,5 Millionen Franken werden auf der Quaibrücke die Fahrbahn, die Tramgleise, die Entwässerung und Abdichtungen erneuert. Überdies wird die Brücke auf beiden Seiten um 50 Zentimeter verbreitert, was getrennte Wege für Velos und Füsse ­ermöglicht. Es handelt sich um eine Operation, bei der der Patient zu drei Vierteln berufstätig bleibt. Eine derart grosse Anzahl von Autos lässt sich nicht umleiten, weshalb von den vier Fahrspuren drei stets offen sind. Damit sich auf drei Spuren gleich viele Autos durchschleusen lassen, werden die Kolonnen beschleunigt. Drei Abbiegespuren und vier Fussgängerübergänge zwischen Utoquai und Bürkliplatz fallen weg. Die Fussgänger heben ab und queren die Strasse auf zwei Passerellen.

Im Dezember endet der Bauspuk. Die Brücke ist dann frisch renoviert, bleibt aber stauanfällig, da es weder fürs Auto noch fürs Tram mehr Platz oder längere Grünphasen gibt. Vor 19 Jahren hatte der Stadtrat eine kühne Idee, wie sich das Nadelöhr weiten liesse: Die Tram­­gleise werden auf die Limmatseite der Brücke verlegt. Dann müsste der zweispurige Verkehr vom Utoquai Richtung Bürkliplatz die Gleise nicht überqueren. Der ­Konflikt zwischen Tram und Auto wäre am Bellevue halbiert. So stand es im «Gesamtkonzept Bellevue» aus dem Jahr 1996. Realisierung 2015 anlässlich des notwendigen Gleisersatzes. Doch die Idee verschwand in den Verliesen des Tiefbauamts und geriet in Vergessenheit. So bleibt die Quaibrücke eine poli­tische und städtebauliche ­Grosstat, aber ein täglich ärgender Verkehrsknorz.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.03.2015, 20:10 Uhr

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Hochwasserschutz

Nächster Sanierungsfall: Gemüsebrücke

Auch bei der Gemüsebrücke – offiziell: Rathausbrücke – laufen Diskussionen um eine Sanierung oder gar einen Abbruch. Der 1972 erstellte Betonbau des Architekten Manuel Pauli ist in die Jahre gekommen. Schon mehrmals hatte die Stadt eine Sanierung geplant, sie aber wieder vertagt. Jetzt dürfte sie der Hochwasserschutz zum Handeln zwingen. Die Rathausbrücke ist die tiefste Limmat-Brücke, bei Hochwasser könnte sie zum Problem werden. Deshalb überprüft das kantonale Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft die Brücke grundlegend, wie Sprecher Wolfgang Bollack sagt. Bei der Rathausbrücke bestehe in der Limmat ein Engpass, der den Abfluss des Wassers aus dem Zürichsee verzögert. Um das Wasser bei starkem Zufluss in den See (Hochwasser, Schneeschmelze) besser ableiten und den Seespiegel stabiler halten zu können, wäre eine Verbesserung der Abflussverhältnisse bei der Rathausbrücke wünschenswert, so Bollack. Da die Stadt die Brücke sowieso sanieren müsse, könnte sie ­bei gleicher Gelegenheit die Abflussver­hältnisse verbessern.

«Im Extremfall muss die Rathausbrücke einem Neubau weichen», sagt Mike Sgier vom städtischen Tiefbaudepartement. Die Untersuchungsresultate des Kantons sollen im Sommer vor­liegen, dann wisse man mehr. Die jetzige Brücke kam bei der Er­öffnung in den 70er-Jahren nicht überall gut an. Das eigenwillige Dach sorgte für Kritik und wurde nach wenigen Jahren auf Geheiss des Regierungsrats entfernt. Ende der 90er-Jahre wälzte die Stadt Pläne für einen Totalumbau, doch stellte sie diesen 2002 wegen der Kosten von 6,5 Millionen Franken zurück. Für Patrick Gmür, Direktor des Amts für Städtebau, sollte bei einem allfälligen Neubau der Platzcharakter der Brücke bewahrt werden, «aber so, dass wirklich eine offene, freie Fläche entsteht». (mth)

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