Sie sollen Zürich in Szene setzen

Die Ausstellungsmacher Schmauder Rohr haben den Wettbewerb für das Züri-Museum gewonnen. Ob sie ihr Konzept realisieren können, wissen sie aber erst nach der Abstimmung vom 14. Juni.

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Es geht derzeit gerade aufwärts mit Schmauder Rohr. Soeben sind Claudia Schmauder und Martin Rohr vom dritten Stock des Bürohauses Hardturmstrasse 66 in den grösseren, lichtdurchfluteten vierten Stock umgezogen. Dort, mit schönem Blick über den Kreis 5, tüfteln die beiden Szenografen an Ausstellungskonzepten und Inszenierungen.

«Es läuft nicht schlecht», sagt Martin Rohr mit Blick auf die Auftragslage. Der 56-jährige Kulturmanager und die visuelle Gestalterin Claudia Schmauder (46) arbeiten seit fünf Jahren zusammen. Sie und ihr siebenköpfiges Team haben ­diverse Ausstellungen konzipiert und umgesetzt, für das Verkehrshaus der Schweiz ebenso wie für die Migros oder das Freilichtmuseum Ballenberg. Jetzt sollen sie für «Zürich im Landesmuseum» tätig werden. Schmauder Rohr haben sich in einem Wettbewerb mit ihrem Ausstellungskonzept durchgesetzt. Dabei arbeiten sie mit den Historikern Jacqueline Häusler und Ruedi Weidmann zusammen. Allerdings: Ob die Ausstellung im Jahr 2017 eröffnet wird, ist derzeit ungewiss. Wegen des Referendums von SVP, GLP und AL kommt es in Zürich am 14. Juni zur Volksabstimmung. Die Gegner halten das Züri-Museum für unnötig und angesichts der finanziellen Lage der Stadt für zu teuer.

«Alle Register ziehen»

«Zürich im Landesmuseum» soll eine permanente multimediale Installation werden, die auf 350 Quadratmetern Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Raums Zürich darstellt. «Bei der Gestaltung werden wir alle Register ziehen», kündigt Rohr an. Stadt und Kanton sollen nicht nur erklärt, sondern von Besuchern erlebt und erforscht werden können – Zürich als audiovisuelles Erlebnis, so der hohe Anspruch der Ausstellungsmacher. Man wolle überraschen, informieren, Geschichten erzählen und Emotionen wecken, sagt Schmauder. Darüber hinaus soll «Zürich im Landesmuseum» als Wegweiser zu andern Sehenswürdigkeiten dienen, sei es Grossmünster oder Schnebelhorn.

Die Art, wie man in Museen Dinge zeige, habe sich in den letzten Jahren stark verändert, gibt Schmauder zu bedenken. Besucherinnen und Besuchern werden kaum mehr lange Texte an Schauwänden zugemutet. Statt Exponate in Schaukästen mit teils elitär anmutenden Geschichtslektionen zu zeigen, gehe der Trend in Richtung Geschichten erzählen und Erlebnisse schaffen, wobei man sich diverser Medien bedient. Was den Szenografen im Landesmuseum vorschwebt, deuten vergangene Ausstellungen an, die sie konzipiert haben.

Bei «Flatternde Nerven, heilende Wasser» im Aargauer Schloss Wildegg versuchten sie 2014, mit Ton- und Bildinszenierungen das Gesundheitswesen um 1900 zu veranschaulichen. Dazu konnten die Besucher selber Kräutermischungen herstellen oder einen Kneippweg absolvieren. Für «Cargo – Faszination Transport» im Verkehrshaus bauten sie eine Containerstadt auf, die den Eindruck von Häfen und Terminals vermitteln sollte. Mit dem «Orangen Garten» in Rüschlikon versuchten sie 2012, die Geschichte der Migros anhand eines Gartens erlebbar zu machen. Und das letztes Jahr eröffnete Besucherzentrum der Chocolat Frey in Buchs AG wartet mit Duftlabor und Schokotank auf, um Besuchern die Welt der Schokoladenherstellung möglichst nahe zu bringen.

«Zürich darf ruhig stolz sein»

Doch warum braucht Zürich überhaupt ein Stadtmuseum? Rohr und Schmauder finden, eine solche Einrichtung fehle bisher, würde der Stadt aber durchaus zustehen. «Zürich darf ruhig etwas stolz auf sich sein und auch mal zeigen, was es hat», sagt Rohr. Schmauder ergänzt: «Die Bewohner dürfen auch einmal sagen: ‹Wir sind Zürcher, und das ist gut so.›» Mit dem jetzigen Projekt komme Zürich zudem ziemlich günstig zu einem Stadtmuseum: Weil man sich in einem bestehenden Gebäude einquartieren und an einen funktionierenden Museumsbetrieb anschliessen könne und sich auch der Kanton und das Landesmuseum ­finanziell beteiligen. «Eine solche Gelegenheit ergibt sich wohl kaum mehr», glaubt Rohr. Darüber hinaus komme das Züri-Museum im Vergleich zu ähnlichen Einrichtungen anderer Städte geradezu bescheiden daher. Stuttgart und Frankfurt richteten mit viel grösserer Kelle an.

Im Moment müssen die Szenografen ihre Arbeit fürs Züri-Museum allerdings ruhen lassen. Denn kaum stand Ende Jahr das Referendum fest, erhielten sie ein Mail aus dem Stadthaus mit der dringenden Aufforderung, die Arbeiten bis zum Volksentscheid zu sistieren.

Dass sie mitten in einer politischen Auseinandersetzung gelandet sind, nehmen sie gelassen. «Dazu ist die Demokratie da», findet Rohr. Für das Ausstellungsprojekt könne es gar ein Vorteil sein. «Nun wird es breit diskutiert, und falls es ein Ja gibt, kann ihm das zusätzlichen Schub verleihen.» Dass die Gegner das Züri-Museum schon als «begehbare App» veräppelt haben, nimmt Rohr ebenfalls locker: «Etwas sehr verkürzt zwar, aber gar nicht ganz so abwegig.» Schliesslich werde man auf eine sehr zeitgemässe Art der Vermittlung setzen. Und wenn das Projekt an der Urne scheitert? «Dann müssen wir halt wieder zügeln, hinunter in den kleineren dritten Stock», meint er trocken.

(Erstellt: 14.04.2015, 20:07 Uhr)

«Zürich im Landesmuseum»

Von Maggi-Würze bis Stephan Eicher

Am 14. Juni enscheiden Zürichs Stimmberechtigte über einen Objektkredit von 1,76 Millionen Franken sowie jährliche Betriebsbeiträge von 300'000 Franken für «Zürich im Landesmuseum». Das Themenspektrum der kostenlos zugänglichen Ausstellung soll von der Reformation bis zur 24-Stunden-Gesellschaft, von der Seegfrörni über das Sechstagerennen bis zur Entwicklung von Zürich-West reichen.

Laut der Abstimmungszeitung erfahren Besucher, wie sich Stadt und Kanton im Lauf der Zeit veränderten und sich Einkommen, Bevölkerung oder Kriminalität entwickelten. Leben und Alltag von Zürcherinnen und Zürchern im Lauf der Jahrhunderte sollen ebenso zum Thema werden wie die Entwicklung von Unternehmen oder die Geschichte von Zürcher Produkten wie der Maggi-Würze oder dem Stewi-Ständer.

Eine Video-und-Ton-Installation soll ein «poetisches Porträt der Stadt und des Kantons» entwerfen, heisst es in der Abstimmungszeitung weiter. Zarli Carigiets «Miis Dach isch de Himmel vo Züri» soll dabei ebenso erklingen wie Stephan Eichers «Les filles du Limmatquai». Spezieller Blickfang wird ein interaktives Kantonsmodell sein, auf dem Besucher ein Thema auswählen können, um dessen Entwicklung nachzuvollziehen. Im selben Raum sollen sie auch mehr erfahren über prägende Zürcher Figuren wie Katharina Sulzer, Max Frisch oder Udo Jürgens.

Auch spielerische Elemente dürfen nicht fehlen, wofür ein multimediales Zürich-Spiel geplant ist. Wichtiger Bestandteil der Ausstellung ist schliesslich eine grosse, berührungsempfindliche Videowand, auf der sich Ausflugsziele abrufen lassen – von der Kyburg bis zum FCZ-Museum. «Zürich im Landesmuseum» soll so gestaltet werden, dass eine ständige Weiterentwicklung möglich ist.

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