Sie wird der Roger Köppel der Linken

Min Li Marti, die Zürcher SP-Fraktionschefin, löst den Verleger der linken «P.S.» ab. Mit 5000 Franken Lohn liegt sie deutlich über ihrem Vorgänger – der Kaufpreis liegt dafür im Dumping-Bereich.

Auf der Suche nach der besten Story für ihre Zeitung: Min Li Marti.

Auf der Suche nach der besten Story für ihre Zeitung: Min Li Marti. Bild: Reto Oeschger

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Grösser könnte der Wechsel auf dem Verlegerstuhl des P.S. an der Zürcher Langstrasse nicht sein. Der bärtige und kauzige Koni Loepfe (67) – eine Figur in der Zürcher Polit- und Journalistenszene – übergibt seine Zeitung der 40-jährigen
SP-Gemeinderätin, Soziologin und PR-Fachfrau Min Li Marti. Diese hat sich bisher zwar als umsichtige Fraktionspräsidentin und Politstrategin hervorgetan, weniger aber als Edelfeder und Verlegerin. In einem entscheidenden Punkt unterscheidet sie sich sogar besonders stark vom währschaften Journalisten des letzten Jahrhunderts: Sie ist gemäss eines Rankings der Zeitung «Schweiz am Sonntag» die digital am besten vernetzte Kommunalpolitikerin der Schweiz.

Während der heutige Verleger Koni Loepfe kaum weiss, was Facebook und Twitter sind, tanzt Min Li Marti virtuos auf dem Parkett der Social Media – übrigens zusammen mit ihrem Lebenspartner Balthasar Glättli, der wiederum als grüner Nationalrat einer der digital am besten vernetzten nationalen Politiker ist. Beste Voraussetzungen also für die neue Verlegerin, das P.S. «digital ins 21. Jahrhundert zu katapultieren», wie Marti selber schreibt.

Auf den Spuren von Köppel und Somm

Doch der Reihe nach: Loepfe hat soeben eine Spendenaktion abgeschlossen – wieder einmal – und fast 200'000 Franken gesammelt, um dem P.S. zwei weitere Lebensjahre zu sichern. Weil Loepfes Ehefrau als Ärztin gut verdient, hatte er seine Arbeit als Verleger und Journalist für einen Monatslohn von 1700 Franken geleistet. Marti hingegen gibt einen gut bezahlten Job als Senior Consultant der Kommunikationsagentur HSCC auf.

«Es hat sich noch kein Blocher und kein Tito Tettamanti gemeldet», sagt Min Li Marti. So bleibe die Zeitung halt «links und arm». Und doch reiht sich Marti in die Galerie der politisch überzeugten Verleger ein. Sie wird quasi ein Roger Köppel der Linken oder der Markus Somm des P.S. – «doch mir fehlt neben dem Sponsor auch die Verbissenheit der beiden», sagt sie. Zudem gibts in Zürich keine Hoffmann-La-Roche-Erben, die wie in Basel eine alternative Zeitung finanzieren würden.

Verlegerin zum Preis eines Kaffees

«Ich nehme eine Lohneinbusse in Kauf», sagt Marti, «aber ich habe dafür mehr Freiheiten in der Ausgestaltung meines Jobs.» Weil beim P.S. in linker Tradition die Löhne transparent sind, weiss man auch, was Min Li Marti ab 1. Februar verdient, wenn sie ihr Amt antritt: 5000 Franken im Monat. Hingegen muss sie nicht allzu tief in den Sack langen, um das Blatt als Verlegerin zu übernehmen. Loepfe schreibt die 20'000 Franken ab, die er 1998 in die P.S. GmbH eingeschossen hatte, und verkauft Marti sein Blatt für einen Café crème. Sie muss sich allerdings verpflichten, die Zeitung zu gleichen Bedingungen weiterzugeben.

Min Li Marti dürfte trotz bescheidenem Verlegerinnenlohn nicht lange am Hungertuch nagen müssen. Erstens behält sie ihr Gemeinderatsmandat. Vor allem aber hat sie gute Chancen, im Herbst 2015 in den Nationalrat gewählt zu werden. Andreas Gross tritt bei der Zürcher SP zurück, und Jacqueline Fehr hat gute Aussichten, im Frühling Regierungsrätin zu werden. Um die voraussichtlich zwei freien Sitze bewerben sich auf den Spitzenplätzen neben Marti vor allem auch noch Julia Gerber Rüegg als erste Ersatzfrau, Ruedi Lais, Priska Seiler Graf sowie Botschafter und Topdiplomat Tim Guldimann, bei dem ein vorderster Listenplatz allerdings alles andere als sicher ist.

Loepfe bleibt als Kult-Schreiber

Koni Loepfe war gemäss eigenen Aussagen kein sehr erfolgreicher Verleger. Er schrieb viel lieber, als dass er sich um die Akquisition von Abonnenten und Inserenten kümmerte. Deshalb wartet auf Min Li Marti eine dreifache Aufgabe. Sie muss die Zeitung grafisch modernisieren, ins Internetzeitalter überführen und endlich mehr Abonnenten und Inserenten gewinnen. In dieser Sparte hat Min Li Marti grosse Erfahrung. Die studierte Soziologin und Publizistikwissenschaftlerin leitete schon viele Polit- und Werbekampagnen: für den VPOD als Zentralsekretärin und für die SP Schweiz als Co-Leiterin Kampagnen und Kommunikation.

Als neue Verlegerin hat Marti werbemässig bereits ein Killerargument. Koni Loepfe bleibt dem P.S. neben den bisherigen Journalisten Nicole Soland und Thierry Frochaux erhalten. Loepfe, dessen Wochenkolumnen Kult sind, erhält kein Zeilenhonorar. Dafür darf er sein bisheriges Büro behalten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.10.2014, 14:25 Uhr

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