Sie wollen Polizisten werden – und versagen beim Deutschtest

Jeder zweite angehende Polizist kämpft mit der Sprache. Die Polizei setzt auf Kurse und Teamwork: «Wir wollen keine perfekten Menschen.»

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Sie spüren Drogenschmuggler auf, verfolgen Diebe, überführen Mörder. Wer Polizist oder Polizistin wird, muss fit und schlau sein. Schon das mehrmonatige Auswahlverfahren hat es in sich: Die Stadtpolizei Zürich wählt einen von acht Bewerbern aus, bei der Kantonspolizei schafft es nur jeder Zehnte, in Winterthur jeder Zwölfte. Die meisten versagen aber nicht etwa beim Sporttest oder bei der «Charakter­festigkeit» – das Killerfach ist Deutsch. In den letzten Jahren scheiterte bei der Kapo mehr als die Hälfte an der Sprache, in Winterthur kam manchmal gar nur ein Drittel der Bewerber bis zum anschliessenden Sporttest.

Ein Polizist muss zwar kein Deutschprofi sein, aber doch ­einigermassen fehlerfrei schreiben können: Alles polizeiliche Handeln muss notiert werden. Die Rapporte, Berichte und Einvernahmen gehen an die Staatsanwaltschaft und ans Gericht. Sie gelten als Beweismittel. «Eine präzise und fehlerfreie Ausdrucksweise ist deshalb unabdingbar», sagt Kapo-Sprecherin Rebecca Tilen. Marco Cortesi von der Stapo Zürich sagt: «Hat ein fünfseitiger Bericht mehr als zehn Fehler, hinterlässt das einen schlechten Eindruck.» Die Glaubwürdigkeit leidet.

Deutschtest auf der Website

Dass Deutsch vielen Mühe bereitet, ist der Kapo offenbar bewusst, sie schreibt schon auf ihrer Website: «Viele Bewerbungen scheitern an ungenügenden Deutschkenntnissen, durch gezielte Vorbereitung können Sie Ihre Erfolgschancen deutlich verbessern.» In Onlineforen geben sich Polizeibewerberinnen gegenseitig Tipps, wie man das Auswahlverfahren übersteht – der Deutschtest ist immer wieder ein Thema. Und auf der Website der Zürcher Polizeischule kann man mit einem kurzen Deutschtest herausfinden, ob man es überhaupt versuchen soll und wenn ja, mit wie vielen Stunden pro Woche das Deutsch aufgebessert werden muss.

Sprachschulen haben sich die Not jetzt zunutze gemacht: Sie bieten Deutschkurse an, die speziell auf Polizeibewerber zugeschnitten sind. In kleinen Gruppen, Videotutorials oder gar im Einzelunterricht büffeln die Bewerber Grammatikregeln, lernen Gross- und Kleinschreibung, üben Konjunktiv und Passiv. Markus Senn, ehemaliger Beamter der Stapo Zürich, bietet seit einigen Jahren einen Onlinekurs an. Seine Schüler hätten es nicht so mit der Rechtschreibung, sagt er. Da wird war mit wahr ­verwechselt; statt Kommissar schreiben sie Komisar. Beim Diktat, der ersten schwierigen Hürde, scheitern die meisten an Rechtschreibfehlern, sagt Kapo-Sprecherin Tilen.

Die Band­breite im Kurs sei gross: Einige müssten lediglich ihr Schulwissen etwas auffrischen, andere zuerst «Gelesenes verstehen lernen».

Die zweite Hürde ist die Nacherzählung. Die Prüfperson zeigt dabei beispielsweise das Bild eines Unfalls und erzählt, was passiert ist. Die Bewerber schreiben das Gehörte in eigenen Worten auf. Genau das üben die Möchtegernpolizisten im Kurs an der ZHAW in Winterthur. Zwischen 15 und 20 Personen bereiten sich hier an vier Samstagen auf die Prüfung vor. «Die Kurse sind sehr gut gebucht», sagt ­Dozent Thomas Baumberger. Er bekomme Anmeldungen aus ­Zürich und der Ostschweiz bis ins Bündnerland. Die Band­breite sei gross: Einige müssten lediglich ihr Schulwissen etwas auffrischen, andere zuerst «Gelesenes verstehen lernen». Sind die Defizite gross, reichten auch vier Wochen nicht, diese aufzuholen. «Einige müssen den Kurs ein zweites Mal machen, weil sie bei der Prüfung durchgefallen sind», sagt Baumberger.

Wer sich ganz sicher sein will, setzt auf die Domusscuola im Aargau: Laut eigenen Angaben liegt dort der Prüfungserfolg bei 98 Prozent. «Das Angebot ist seit einigen Jahren sehr beliebt», sagt Schulleiterin Giovanna Molinari-Casile. Nachdem sie erst im Juli erweitert hat, braucht sie schon wieder mehr Deutschlehrer. Für 115 Franken pro Stunde können die Schüler im Einzelunterricht jede Schwäche massgeschneidert angehen. Laut ­Molinari besuchen Polizeibewerber durchschnittlich 30 Lektionen – mit knapp 3500 Franken ist das teurer als manche Führerscheinprüfung.

Zur Hälfte am Bildschirm

In den ersten Jahren verbringen Kantonspolizisten rund die Hälfte der Arbeitszeit vor dem Bildschirm. Bei der Kriminalpolizei, die komplexe Ermittlungsverfahren führt, ist es oft deutlich mehr. «Ausdrucksfähigkeit ist eine grundlegende Kompetenz für Polizisten», sagt Stapo-Sprecher Cortesi. Eine Richterin müsse Polizeiberichte auf Anhieb verstehen können, ohne dass Fragen offenblieben. Rapporte müssten unmissverständlich formuliert sein, sagt auch Adrian Feubli von der Stapo Winterthur: «Was sagt der Polizist in eigenen Worten und stellt das so als Fakt dar? Was sagt eine Auskunftsperson? ­Dafür muss man den Konjunktiv beherrschen.»

Würden Sie den Deutschtest bestehen? Der TA hat für Sie acht Fragen zusammengetellt.

Besonders bei anspruchsvollen Schreibarbeiten, beispielsweise bei der Protokollierung einer Einvernahme, brauche es ein «Gefühl für die Sprache», sagt Feubli. Der Polizist müsse zuhören und bereits an die nächste Frage denken, während er fortlaufend das in Mundart Gesagte in Schriftsprache übersetze. «Das Geschriebene darf dann nicht voll von Helvetismen sein.»

Es braucht Sozialkompetenz

Gute Deutschkenntnisse sind aber nicht das einzig wichtige Kriterium für angehende Polizistinnen und Polizisten. Die Kantonspolizei legt grossen Wert auf «persönliche Reife, geistige Beweglichkeit und gute Umgangsformen», wie sie auf der Website schreibt. Bei der Stadtpolizei Zürich klingt es ähnlich: «Wir wollen keine perfekten Menschen, sondern jene, die Dinge differenziert betrachten und Sozialkompetenz mitbringen», sagt Sprecher Cortesi. Teamarbeit werde bei der Stapo hochgehalten, denn: «Niemand kann in allen Bereichen gut sein.»

Erstellt: 03.02.2020, 09:13 Uhr

Rambos und Draufgänger sind unerwünscht

Wer Polizistin oder Polizist werden möchte, muss im Kanton Zürich Schweizer sein, eine abgeschlossene Berufslehre, einen «tadellosen» Leumund sowie den Führerausweis haben und mindestens 20 Jahre alt sein. Bei der politischen und religiösen Einstellung sowie in der äusseren Erscheinung werden «keine Extreme» geduldet.

Das Auswahlverfahren dauert mehrere Monate. Nach einem Deutsch- und Intelligenztest müssen männliche Bewerber bei der Stapo Zürich im Sporttest unter anderem einen 3000-Meter-Lauf in unter 15,5 Minuten schaffen und sich mindestens 110 Sekunden in der Unterarmstütze halten können.

Wer das schafft, wird zu einem Assessment eingeladen, in dem die Motivation und die «für den Polizeiberuf notwendigen Charaktereigenschaften» geprüft werden. Bei der Stapo Zürich braucht es vor allem «Freude an Kontakten mit Menschen jeglicher geografischer und gesellschaftlicher Herkunft» und «einen vernünftigen Sinn für Gerechtigkeit». Die Kapo schreibt: «Rambos und Draufgänger haben bei uns keine Chance – vielmehr erwarten wir von Ihnen, dass Sie auch in heissen Situationen kühles Blut bewahren.»

Bei der Kantonspolizei bewerben sich jährlich zwischen 500 und 700 Interessierte – die besten zehn Prozent dürfen an die Polizeischule. Die Stadtpolizei Zürich stellt von 350 Bewerbern rund 40 ein, in Winterthur werden durchschnittlich 6 von 70 aufgenommen. Wie viele neue Polizisten die Kapo einstellen kann, ist in der Polizeiverordnung festgelegt. Der Kantonsrat bewilligte Ende 2019 eine Aufstockung des Korps um je 25 Vollzeitstellen für 2020 und 2021. Damit soll die Polizei vermehrt gegen Gewalt an Frauen und Terrorismus vorgehen können. (lia)

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