Sie wollen uns den Glauben zurückbringen

Im Zürcher Zentrum für Migrationskirchen haben acht protestantische Kirchen aus vier Kontinenten ein Stück Heimat gefunden.

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Wo trifft man in Zürich die meisten Koreaner? In der Hansomang-Kirche in Wipkingen. Eingemietet im Zentrum für Migrationskirchen, versammeln sich hier Sonntag für Sonntag 70 Personen aus Südkorea. Begleitet vom Klavier singt der weiss gewandete Chor lauter als bei uns üblich. Sonst ist der Gottesdienst samt Holzkreuz und Adventskranz traditionell reformiert: wohltemperiert und unaufgeregt. Wenn da nicht dieses Wummern wäre, Schläge, die wie von fern die Predigt von Pastor Kim Myung-hwan ungebeten untermalen.

Folgt man ihnen im Labyrinth des früheren reformierten Kirchgemeindehauses Wipkingen mit seinen 108 Zimmern, wird man in den grossen Saal des oberen Stocks gelotst. Hier feiert die Schwarze Kirche Eglise Evangélique Missionaire Internationale den Sonntagmorgen-Gottesdienst – ganz anders als die Koreaner ausgelassen, rhythmisch, entfesselt. Mit ausgestreckten Armen wippen die Teilnehmer im Rhythmus der Musik. Eine Frau fällt in Trance, wimmert leise, schreit laut auf und schlägt sich vor die Brust. Ein Gläubiger stützt die vom Geist Ergriffene. Die Kongolesin Jeanette wirkt im Gottesdienst als Moderatorin, begleitet von einer sechsköpfigen Frauenband. Auch wenn Pastor Joseph Mushiya Bimpe für das ewige Leben betet, besingen die Frauen sanft die Glorie des Herrn. Der nie endende Musikteppich befördert Gottes Botschaft direkt zum Herz.

Die frankofone schwarze Gemeinde ist protestantisch, aber von den Evangelikalen in den USA und den charismatisch-pfingstlichen Freikirchen Südamerikas beeinflusst, wie Pastor Joseph aus dem Kongo erklärt.

Aus den Hinterhöfen holen

Etwa 60 konfessionelle Vereinigungen haben Einwanderer in Zürich in den letzten 20 Jahren gegründet. Um ihnen geeignete Kulträume anzubieten und sie aus den Hinterhöfen herauszuholen, hat die reformierte Stadtzürcher Kirche vor sechs Jahren das Zentrum für Migrationskirchen in Wipkingen eingerichtet. Die 27-jährige Theologin Dinah Hess, Leiterin des Zentrums, versucht für ­Migra­tions­kirchen ausserhalb des Zentrums in Kirchgemeindehäusern Gottesdienstlokale zu finden. Vor allem aber ist sie für die Vermietung der Räume im Zentrum selber zuständig. Zurzeit sind hier acht Kirchen aus vier Kontinenten eingemietet, alle protestantisch. Neben der frankofonen gibt es auch eine ang­lofone schwarze Kirche mit Namen «­Divine Power Restoration Center» für Leute aus Nigeria, ferner zwei lateinamerikanische Kirchen für Spanisch- oder Portugiesischsprechende, eine ­tamilische, eine koreanische, eine finnische Kirche und eine Schweizer Freikirche. Viele feiern wie charismatische Freikirchen lange, laute Gottesdienste, lebendig und exotisch.

Dass diese besonders konservativ seien, lässt Pastor Joseph nicht gelten: Massgebend seien allein die ewigen, vom Evangelium vermittelten Werte, die sich nicht der Gesellschaft anpassen dürften. Und schon kommt das Gespräch auf das Reizthema Nummer eins, auf Homosexualität und eingetragene Partnerschaften. «Es geht ja gar nicht darum, dass wir dagegen sind, sondern darum, dass Homosexualität dem Evangelium zufolge eine Verirrung ist.» Worauf eine Lektion in Schöpfungslehre folgt: Gott habe Mann und Frau geschaffen, Adam und Eva und nicht etwa ein Männerpaar.

Umgekehrte Mission

Die Kirche ist dezidiert missionarisch und verteilt auf den Strassen Flugblätter. Man dürfe die Strassenmission nicht den Muslimen und Salafisten überlassen, sagt Joseph. «Die junge Generation liest den ‹Blick am Abend›, konsumiert Sex und Drogen, verbringt die ganze Nacht in Diskotheken. Wie sollte sie da am Sonntagmorgen in die Kirche gehen? Nein, diese Generation weiss nichts von Gott und dem Evangelium.» Doch Gott helfe, mit dem Heiligen Geist die Herzen der Leute zu berühren. Der Pastor praktiziert exakt das, was man die «Reverse Mission» der Migrationskirchen aus dem Süden nennt, die umgekehrte Mission: Die ehemals von europäischen Missionaren bekehrten Schwarzen bringen das Evangelium zurück nach Europa, wo die Beziehung zu Gott und Jesus verloren gegangen ist. Als Joseph, mit dem Bild der europäischen Missionare vor Augen, in die Schweiz kam, dachte er, Europa müsse tief gläubig sein. «Nur zu bald sah ich, dass die Kirche hier praktisch inexistent ist.»

Von seinem segensreichen Wirken in der Schweiz kann er unzählige Geschichten erzählen. Von einem Missionseinsatz an der Langstrasse zum Beispiel, bei dem ihn Ordnungskräfte ermuntert hätten, Drogensüchtige zu missionieren, damit die Polizei entlastet werde. Oder von einem arbeitslosen Banker, der heute wieder auf einer Bank arbeite. «Jetzt hält er mich für Gott, dabei habe nicht ich ihn gerettet, sondern Jesus, Hallelujah!» Dass Gott Wunder und Zeichen wirke, bestätigt Josephs Assistent, Junior genannt, ein in Anzug und Krawatte und dezentem Parfum auftretender junger Mann aus Togo. Er spricht von den verschiedenen Gaben und Charismen der Gemeindeglieder. Junior selber, der ein Import-Export-Geschäft leitet, tritt in der Kirche als Prophet auf. Schon oft habe er gesehen, wie dort Selbstmörder, Burn-out-Geplagte oder Drogensüchtige am Wort Gottes genesen seien. «Jesus hat die Lösung für alle ­Leiden und Krankheiten.»

Dinah Hess zufolge ist den Migrationskirchen bewusst, dass die beherbergende reformierte Kirche ein anderes Missionsverständnis und liberalere gesellschaftlich Vorstellungen hat als sie selber. Sie mag ihren Standpunkt zur eingetragenen Partnerschaft deswegen nicht verleugnen, hält es aber für klug, Debatten über solche Themen vorsichtig anzugehen. Am monatlichen, für alle Kirchen verbindlichen Hauskonvent informiert Hess nicht nur über Organisatorisches, sondern lässt auch über eine Bibelstelle diskutieren. Dabei solle es nicht zum Streitgespräch kommen, sondern zum gegenseitigen Kennenlernen.

Einmal nicht fremd sein

An diesem Sonntagmorgen tritt der sonst als Koch tätige Titus Balasingham als Leiter der tamilischen Gemeinde Oikos auf. Hundert Personen versammeln sich im Untergeschoss des Zentrums zum zweieinhalbstündigen Gottesdienst. Kinder rennen herum, die Stimmung ist lebendig, die Luft stickig. Titus’ Bruder Moses predigt zum Thema Gute Werke, ein Jungendarbeiter leitet, begleitet von Keyboard und Elektropiano, den Lobpreis, Gläubige bezeugen ihre Erfahrung mit Gott. Während des Gebetes sprechen alle vor sich hin, wobei sich das Murmeln im Crescendo zu lautem Stimmenwirrwarr steigert, zum charismatischen Zungengebet.

Oikos Zürich ist eine von sechs Niederlassungen der aus Sri Lanka stammenden protestantischen Tamilen in der Schweiz. Wie Titus, der 1989 in die Schweiz gekommen ist, waren viele Flüchtlinge, heute sind 30 Prozent Schweizer. Man spricht Tamilisch und ist unter sich. Also im Ghetto? Nein, versichert Titus. Schliesslich sei man hier ­unter einem Dach von Schweizer Reformierten, das sei besser als im Hinterhof. Allerdings bemängeln Theologen dieses Integrationskonzept des Zentrums. Viele gehen dorthin, weil sie einmal in der ­Woche nicht Fremde sein wollen. Dinah Hess findet das in Ordnung. Als sie im südindischen Bangalore studiert habe, wäre sie hin und wieder gern an einen Ort gegangen, «wo man so emotionale Dinge wie den Gottesdienst in der Muttersprache feiern kann».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.12.2014, 23:49 Uhr

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