Sihlquai-Reportage: Pornostar droht SF mit Klage

Im Dokfilm über die Roma-Prostituierten in Zürich spielte auch der bekannte Porno-Zampano J. P. Love eine Nebenrolle – ohne es zu wissen. Für das Elend seiner Filmpartnerin will er nicht verantwortlich sein.

Szene aus «J. P. Samichlaus in der Langstrasse»/ Ausschnitt aus Dok-Film des Schweizer Fernsehens.
Video: SF

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Mit offenem Fenster fährt der «Swissfuckers»-Bus die Langstrasse entlang, Samichlaus und Schmutzli beschenken die Passantinnen mit Dildos. Diese werden aufgefordert, ihre Brüste zu entblössen und in das Auto einzusteigen. Sex vor laufender Kamera mit den Darstellern im Nikolausgewand wird mit 2000 Franken honoriert – soweit das Konzept vom Filmchen mit dem Titel «J. P. Samichlaus in der Langstrasse».

Die männliche Hauptrolle im «gnadenlosen Klamauk-Porno» spielt einer der prominentesten Pornodarsteller der Schweiz, der aus «Blick» und Privatfernsehen bekannte J. P. Love. Den weiblichen Part übernimmt eine gebrochen Deutsch sprechende Frau mit osteuropäischem Aussehen.

Freiwillig tat sie das jedoch offenbar nicht. Die Frau, eine 19-jährige Roma, bestieg den Bus auf Geheiss von Johnny, einem ungarischen Zuhälter, der derzeit hinter Gittern sitzt. Johnny hat sie an das Filmteam vermietet, mindestens eine Stunde musste die Frau J. P. Love und seinem Nebendarsteller zur Verfügung stehen. Die 2000 Franken Lohn für ihre Dienstleistungen behielt der Zuhälter für sich, die Frau ging leer aus.

Im Porno spricht man vom «frechen Zigeunerlein»

Bekannt wurde die Episode durch einen Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens. Darin wird die Geschichte von Johnny nacherzählt, der laut Anklageschrift der Zürcher Staatsanwaltschaft sechs Frauen zur Prostitution zwang. Während er den einen Liebe vorgaukelte, lockte er die anderen mit der Aussicht auf selbständige Arbeit nach Zürich. Der Zuhälter behielt das Geld, bedrohte sie, mindestens eine Frau wurde von ihm auch geschlagen. Die unfreiwillige Pornodarstellerin ist eines der Opfer von Johnny.

J. P. Love will vom Schicksal seiner Filmpartnerin nichts gewusst haben: «Ich habe mit Prostitution nichts zu tun», so der Pornodarsteller auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch. Er sei «schockiert», in einem Film im Zusammenhang mit Roma-Prostitution dargestellt zu werden. Sehr wohl Bescheid über die Hintergründe wusste aber offenbar das Produzententeam: Im Werbetext zum Streifen, der im Internet für 12 Franken erhältlich ist, ist von einem «frechen Zigeunerlein» die Rede. «Mit ausdrücklicher Erlaubnis von ihrem ‹Freund›, stieg sie in unseren ‹Swissfuckers›-Bus ein.»

Klage angedroht

Dazu will sich J. P. Love nicht äussern. Betroffener ist er aber darüber, vom Schweizer Fernsehen nicht kontaktiert worden zu sein. «Der Film vermittelt einen falschen Eindruck». Seit Ausstrahlung des Dokumentarfilms am letzten Donnerstag sei er die ganze Zeit auf die Szene angesprochen worden. J. P. Love, gemäss eigener Berufsbezeichnung «Kultmoderator, Actor, Entertainer und Schlagerikone», will den Vorwurf nicht auf sich sitzen lassen, für das Elend der Roma-Prostituierten verantwortlich zu sein: «Ich prüfe rechtliche Schritte gegen das SF.»

Die Autorin des viel beachteten Dokumentarfilms, Karin Bauer, weist die Vorwürfe zurück: «J. P. Love war nicht inhaltlicher Gegenstand des DOK-Films.» Weder er noch die Firma seien namentlich erwähnt worden, zudem sei er als Samichlaus verkleidet gewesen. Den Ausschnitt aus dem Porno-Film hat Bauer eingebaut, «um aufzuzeigen, wie der Zuhälter Johnny mit einer Prostituierten umging.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.07.2010, 14:54 Uhr

Hat nichts vom Schicksal seiner Partnerin gewusst: J. P. Love, Pornodarsteller. (Bild: PD)

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