Silvester in der Gebärabteilung

Für 2015 melden viele Spitäler einen Babyrekord. Hebamme Claudia Dörig hofft, dem ersten Kind mit Jahrgang 2016 auf die Welt zu helfen.

Claudia Dörig arbeitet seit über 20 Jahren immer an Silvester. Foto: Doris Fanconi

Claudia Dörig arbeitet seit über 20 Jahren immer an Silvester. Foto: Doris Fanconi

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Heute Abend wird Claudia Dörig bereits um 22 Uhr in der Geburtsklinik des Kantonsspitals Winterthur (KSW) eintreffen, drei viertel Stunden vor Schichtbeginn. Sie braucht die Zeit, um Plättli mit Lachs und anderen Köstlichkeiten zu richten. Für Dörig (44) ist es zur Tradition geworden, an Silvester das ganze Team zu bewirten. «Wenn es die Situation erlaubt, stossen wir um Mitternacht mit Rimuss an», sagt die Hebamme, die seit über 20 Jahren immer in der Silvesternacht arbeitet. Einmal hat sie auch einer ­werdenden Mutter ein Lachsbrötli angeboten, doch die nette Geste war kontra­produktiv, wie sie merken musste: «Lachs verträgt sich schlecht mit dem Magen einer gebärenden Frau.»

Wie die Nacht verlaufen wird, weiss sie heute so wenig wie an jedem anderen Datum. Um 22.45 Uhr ist Rapport, die Kolleginnen der Spätschicht erzählen den Nachthebammen, was aktuell los ist: Wie viele Frauen sind da? In welcher Phase der Geburt befinden sie sich? ­Danach teilen sich die Hebammen auf und gehen zu den werdenden Müttern, um sich vorzustellen und sie je nach Bedürfnis zu betreuen. Manchmal genügt die blosse Anwesenheit, um eine Frau zu beruhigen. Manchmal hilft es, wenn die Hebamme die Gebärende in eine andere Position bringt. Die einen Frauen sind ruhig und hören Musik, andere haben Angst vor den Schmerzen und verlangen eine Teilnarkose.

Die Hebammen des KSW arbeiten nach Wunsch der Frauen mit schulmedizinischen oder alternativen Mitteln, zum Beispiel Homöopathie, Aromatherapie, Akupunktur oder Craniosacraltherapie. Im Trend ist derzeit das sogenannte Hypnobirthing, bei dem Mutter und Vater sich mit Hypnose entspannen.

Es wird spannend

Die Silvesternacht ist besonders – für das Team, das in feierlicher Stimmung ist, ebenso wie für die Eltern, die sich ­fragen, ob ihr Kind noch Jahrgang 2015 oder schon 2016 haben wird. Wenn es dann aber auf die Geburt zugeht und die Wehen sehr stark werden, rückt das in den Hintergrund. «In diesem Moment ist das Datum egal», weiss Claudia Dörig. Sie hat schon einige Male dem ersten Baby des Jahres in ihrem Spital auf die Welt geholfen, aber noch nie dem ersten Baby der Schweiz. Darauf hofft sie noch.

Für das Spital sind Babys Sympathieträger, ganz besonders natürlich das erste des Jahres. Die PR-Abteilung des KSW hat deshalb schon vor zwei Wochen die Medien eingeladen, über das Neujahrsbaby zu berichten. Laut Mediensprecher André Haas sind der «Stadtanzeiger» und Teletop interessiert an der Story. Im Kantonsspital Winterthur könnte es 2015 knapp einen neuen Rekord geben: Bis gestern Nachmittag war die Vorjahreszahl von 1769 Babys beinahe erreicht. Das Triemli meldet ungefähren Gleichstand mit 2014, als es 2020 Geburten hatte. Laut Chefärztin Stephanie von Orelli wird die Geburtenabteilung nächstes Jahr räumlich und personell aufgestockt, nachdem sie in den vergangenen Jahren an ihre Kapazitätsgrenze oder darüber gelangt ist.

Eine andere beliebte Geburtsklinik, jene im Spital Zollikerberg, hat gegenüber 2014 (1749 Geburten) erneut zugelegt auf deutlich über 1800. Gar die ­«magische Grenze» von 3000 Geburten überschreiten könnte das Unispital. Laut Klinikdirektor Roland Zimmermann haben dort letztmals 1968 mehr als 3000 Kinder das Licht der Welt erblickt. Letztes Jahr zählte das Unispital 2911 Geburten, bis gestern Mittag waren es bereits 2989. Laut einer Umfrage der «Schweiz am Sonntag» verzeichnen landesweit zahlreiche Spitäler Geburten­rekorde. Gründe für den Babyboom sind einerseits das Bevölkerungswachstum durch Zuwanderung und anderseits der Trend, mehr als zwei Kinder zu haben, der bei gut ausgebildeten Frauen in den Städten besonders ausgeprägt ist.

Nachts geht es ums Wesentliche

Hebamme Claudia Dörig hat schon weit über 1000 Kindern auf die Welt geholfen. Ihren ersten Silvesterdienst hatte sie 1993 während der Ausbildung im Kantonsspital Luzern. «Da merkte ich, dass mir diese Art, Silvester zu verbringen, behagt.» Überhaupt arbeitet sie gern in der Nacht. «Ich schätze die ­Stimmung. Und bei der Arbeit geht es ums Wesentliche. Die Frauen rufen nur an, wenn sie ein ernsthaftes Problem ­haben.» Die Hebammen der Gebär­abteilung kümmern sich nicht nur um Geburten, sondern auch um Notfälle – sie sind die Anlaufstelle für Schwangere ab der 16. Schwangerschaftswoche. ­Gerade nachts leisten sie oft telefonischen Support.

Um eine Situation richtig einzuschätzen, brauche es viel Erfahrung und ­Wissen, aber auch Empathie und eine schnelle Auffassungsgabe, sagt Dörig, die neben ihrer Arbeit im Spital auch als Dozentin arbeitet. An der Fachhochschule Winterthur (ZHAW) unterrichtet sie im Institut für Hebammen ihre angehenden Berufskolleginnen in allen praktischen Fächern.

«Die Geburt ist eine Grenzerfahrung für ein Paar, vielleicht die erste, die es in seinem Leben erlebt.» Davor hat Dörig eine hohe Achtung. Als Hebamme bietet sie Unterstützung – wenn nötig auch für den Mann. In Erinnerung geblieben ist ihr jene Silvesternacht, als ein Ehepaar von der Geburt seines Kindes überrascht wurde. Die beiden hatten noch nicht damit gerechnet – die Frau war in der 37. Woche – und waren auf eine Party gegangen. Sie trank Orangensaft, er feierte mit Alkohol. Als sie per Taxi im Spital ankamen, war der Mann ange­heitert. Und die Frau deswegen ziemlich sauer auf ihn. Um die Situation zu retten, legte Dörig den Mann auf eine Gebärmatte, servierte ihm Kaffee und Kopfwehtabletten. Rechtzeitig zur Geburt war er wieder fit. «Gegen Morgen kam ihr Kind in Frieden auf die Welt.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.12.2015, 19:14 Uhr

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