Snowdens Schweizer Stimme

Der Zürcher Anwalt Marcel Bosonnet hat einen spektakulären Auftrag erhalten: Er vertritt die hiesigen Interessen des US-Whistleblowers Edward Snowden.

Nach Terroristen und Anarchisten vertritt Marcel Bosonnet nun den Whistleblower Edward Snowden.

Nach Terroristen und Anarchisten vertritt Marcel Bosonnet nun den Whistleblower Edward Snowden. Bild: Nicola Pitaro

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Die Öffentlichkeit kennt Marcel Bosonnet, weil er schon mit Bomben­legern, Aktivisten, Anarchisten und Terroristen zu tun hatte. Die verteidigte er als Rechtsanwalt. Der 64-Jährige sieht sich als politisch getakteter Jurist. Noch als knapp 60-Jähriger trat er in die linke Kleinpartei PDA ein, um als Topkandidat für den Nationalrat zu kandidieren. Er erhielt exakt 3668 Stimmen – viel zu wenig, um gewählt zu werden. Egal, es geht ums Prinzip. Sein Beruf sei für ihn die «Fortsetzung linker Politik mit anderen Mitteln», sagte er einst zum TA. Äusserlich erinnert sein Auftritt an Christopher Lloyd in der 80er-Jahre-Trilogie «Zurück in die Zukunft»: weisser Haarschopf, ­darunter grosse Visionen.

Als Strafverteidiger hat er immer wieder bekannte Klienten betreut, deren Fälle gleichzeitig im Gerichtssaal und in den Zeitungen verhandelt wurden. Da ist Andrea Stauffacher, die Wortführerin des Revolutionären Aufbaus. Sie bekam 17 Monate Gefängnis, weil sie das spanische Generalkonsulat und ein Gebäude der Kantonspolizei Zürich mit umgebauten Knallraketen beschossen hatte. Da ist der Terrorist «Carlos», den ein Pariser Gericht 2011 zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilte. Ilich Ramírez Sánchez, wie der Venezolaner bürgerlich heisst, hatte in den 70er- und 80er-Jahren eine Reihe von tödlichen Anschlägen verübt. Und da ist der frühere UBS-Wachmann Christoph Meili, der bei der Grossbank Kontobelege mitgenommen hatte, um deren Vernichtung zu verhindern.

Der Draht nach Berlin

Auch Bosonnets neuster prominenter Klient ist ein Mann, der aus einer gesicherten Institution Daten entwendet hat. Allerdings geht es dieses Mal nicht um einfache Kontoauszüge, sondern um hochgeheime Dokumente der amerikanischen und britischen Geheimdienste NSA und GCHQ. Bosonnet hat einen Auftrag zur Beratung des Whistleblowers Edward Snowden erhalten. Er soll laut «NZZ am Sonntag» dessen Interessen in der Schweiz vertreten.

Die Anfrage gelangte über den deutschen Menschenrechtsanwalt Wolfgang Kaleck nach Zürich. Die beiden kennen sich schon länger, Grundrechte sind auch eines von Bosonnets Spezialgebieten. Kaleck gehört zu einem internationalen Anwalts-Netzwerk, das Snowden um sich herum geknüpft hat. Dessen Zentrum ist der Amerikaner Ben Wizner von der American Civil Liberties Union (ACLU), aber auch verschiedene Euro­päische Experten sind Teil davon. Finanziert werden die Anwälte über Spendenaufrufe im Internet. Unter anderem sammelt die deutsche Wau-Holland-Stiftung Geld, die eng mit dem Chaos-Computer-Club verbunden ist. «Das Finanzielle spielt für dieses Mandat aber keine Rolle, ich würde die Arbeit auch umsonst machen», sagt Bosonnet.

Asyl arrangieren

Der Kontakt zu Kaleck besteht bereits seit einigen Monaten. Edward Snowden selbst hat Bosonnet bisher allerdings ­weder gesehen noch gesprochen. Wozu braucht der Whistleblower überhaupt einen Anwalt in der Schweiz, nachdem sein Asylstatus in Russland gerade erst verlängert wurde?

Bosonnets Berufung ist kein PR-Stunt. Snowden hat mehrmals klargemacht, dass er nicht dauerhaft in Moskau bleiben will. Eine Heimkehr in die USA erscheint angesichts der drohenden Strafe unter dem harschen Espionage Act ausgeschlossen. Also sondieren seine Anwälte weiterhin, unter welchen Bedingungen politisches Asyl in West­europa möglich sein könnte – Kaleck in Berlin, Bosonnet in Bern.

Ebenso steht die Frage im Raum, wie sich ein Treffen von Schweizer Politikern mit dem Whistleblower organisieren lässt. Parlamentarier von links bis rechts haben immer wieder Interesse an einem solchen Gespräch bekundet. Ganz vorn stehen die Sicherheitspolitiker, die wissen wollen, wie weit denn die US-Überwachung der Schweiz, der Genfer UNO-Institutionen und des Finanzplatzes nun tatsächlich geht. Gleichzeitig ist in Bern der Aufbau einer «Snowden-Kommission» im Gange, die sich mit der künftigen Cyberstrategie des Bundes befassen wird. Das Parlament hatte ein solches Expertengremium gefordert. Sobald im Herbst bekannt ist, wer darin Einsitz nimmt, wird auch die Frage auftauchen, ob der Namensgeber der Kommission zu einem Gespräch in der Schweiz bereit ist.

Auch die Bundesanwaltschaft wird sich für ein Treffen mit Snowden interessieren. Der 29-Jährige hatte in einem Interview erwähnt, dass US-Agenten in Genf versucht hatten, einen Banker in eine Falle zu locken, indem sie ihn mit Alkohol abfüllten. Unter anderem deswegen ermitteln nun die Bundesanwälte.

Auslieferung verhindern

Eine offizielle Reise nach Moskau ist für Politiker oder Strafverfolger schwierig einzufädeln. Deshalb steht für Bosonnet ein Besuch Snowdens in der Schweiz im Vordergrund. Nur: Es ist zu erwarten, dass die USA ein Auslieferungsgesuch stellen, sobald Snowden die Landesgrenze überquert. Bosonnet will darum abklären, ob Bern die Garantie abgeben kann, dass keine Auslieferung stattfindet.

Nun werden wohl bald die ersten codierten Nachrichten aus Moskau in Bosonnets Zürcher Kanzlei eintreffen. Der Anwalt ist bereit dafür – er hat schon im Jahr 2000 damit angefangen, seinen E-Mail-Verkehr zu verschlüsseln.

Erstellt: 21.07.2014, 07:39 Uhr

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