So benoten die Chauffeure die VBZ

Die Verkehrsbetriebe haben ihre Mitarbeiterbefragung veröffentlicht. Besonders Tram- und Busfahrer hadern in gewissen Bereichen.

Angeblich aus Protest gefilmt: Eine zu schnelle Fahrt eines Trampiloten war der Auslöser für eine Reihe negativer Schlagzeilen. Video: Tamedia/20 Minuten

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Eskaliert ist die Situation im vergangenen Herbst. Die Zürcher Verkehrsbetriebe (VBZ) brachen die sogenannte Elefantenrunde ab, das halbjährliche Treffen der Gewerkschaften und der VBZ. Ihnen passte das Verhalten des Zürcher VPOD-Gewerkschaftssekretärs Duri Beer überhaupt nicht. Dieser hatte in den Wochen zuvor in verschiedenen Zeitungen öffentlich ein schlechtes Arbeitsklima bei den Trampiloten und Busfahrern moniert. Die VBZ-Führung reagierte brüskiert, unterbrach das ordentliche Treffen und verlangte von Beer zuerst einige schriftliche Antworten.

Gewerkschafter Beer hat mittlerweile geantwortet, die Exponenten die Elefantenrunde heute nachgeholt. In einer «konstruktiven Atmosphäre», wie es in einer Medienmitteilung der Verkehrsbetriebe heisst. Zeitgleich haben die VBZ die Resultate der Mitarbeiterbefragung vom vergangenen Jahr veröffentlicht. Diese Befragung und ein rasender Trampilot, der seine Fahrt gefilmt und veröffentlicht hat, waren im Herbst Stein des Anstosses für eine Reihe negativer Schlagzeilen gewesen. Erste Resultate, die öffentlich wurden, waren für die VBZ wenig schmeichelhaft. Die NZZ titelte «Tiefstwerte für die Verkehrsbetriebe». Bislang hielten die Verantwortlichen die vollständige Mitarbeiterbefragung zurück, weil die Analyse der Ergebnisse noch im Gang war. Nun ist diese abgeschlossen, und die Ergebnisse liegen vor.

Kluft innerhalb der VBZ

Auffallend ist, dass besonders die Mitarbeiter der grössten Abteilung, des sogenannten Unternehmensbereich Betrieb (UBB), den VBZ teilweise schlechte Noten gaben. Dort sind auch die rund 1350 Busfahrer und Trampiloten angesiedelt. In 11 von 12 Themengebieten sprechen sich die UBB-Mitarbeiter negativer aus als andere VBZ-Mitarbeiter. Auf einer Punkte-Skala von 0 bis 100 geben sie im Schnitt nur 48 Punkte für die Partizipation, bei der Work-Life-Balance 49 oder bei der psychischen Belastung 64. Zum Vergleich: Der Durchschnitt bei der gesamten VBZ liegt 9 (Partizipation) respektive 8 (Work-Life-Balance) und 4 Punkte (psychische Belastung) höher.

Doch die Kluft zu den anderen Mitarbeitern klafft eigentlich weiter auseinander, als diese Zahlen den Anschein machen. Im Gesamtdurchschnitt fallen die Antworten der UBB-Mitarbeiter mit rund zwei Dritteln stark ins Gewicht. Berücksichtigt man dies, liegt der Durchschnitt der übrigen VBZ-Mitarbeiter zum Beispiel bei der Work-Life-Balance bei rund 69 Punkten, ist also 20 Punkte höher. Das entspricht etwa dem Durchschnitt des gesamten Stadtzürcher Personals.

Die schlechten Bewertungen erklären sich die VBZ mit besonderen Herausforderungen im Unternehmensbereich Betrieb. Es herrscht eine hohe Regeldichte, die wenig Möglichkeit zur Kreativität und Mitbestimmung ermöglicht (Partizipation), der Schichtdienst sowie die Arbeit an Sonn- und Feiertagen hinterlassen ihre Spuren (Work-Life-Balance), und die Belastung im Verkehr nimmt stetig zu (psychische Beanspruchung).

VBZ sehen positiven Trend

«Die Kritik, die im Herbst aufkeimte, war nicht nur herbeigeschrieben», sagt Jürg Widmer, Leiter Betrieb der VBZ. Widmer ist aber davon überzeugt, dass das Arbeitsklima bei einem Grossteil der Mitarbeiter gut sei. Die Stimmen der Zufriedenen seien vermutlich leiser als jene der Unzufriedenen. Tatsächlich seien in gewissen Bereichen wie beispielsweise der Partizipation oder der Work-Life-Balance die Werte in einem tiefen Bereich. «Aber vergleicht man die Resultate mit den Umfrageergebnissen von 2008 und 2013, erkenne man einen positiven Trend.» Positive Veränderungen des Arbeitsklimas seien aber ein langwieriger Prozess, gibt Widmer zu bedenken und fügt an: «Wir wollen uns weiter verbessern, und der Trend zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.» Das bestätige auch der Rücklauf bei der Mitarbeiterbefragung, der seit 2008 von 39 auf über 62 Prozent angestiegen sei: «Das zeigt, die Mitarbeiter schätzen die Umfrage und nehmen das Instrument ernst.»


Video: Die neue Tramverbindung ist eröffnet

Das Video von der ersten Fahrt mit dem 8er über die Zürcher Hardbrücke. Video: Patrice Siegrist


Einzig beim Lohn ist die Zufriedenheit zwischen 2013 und 2017 deutlich gesunken – die Punktezahl sank von 71 auf 62 – was sich die VBZ nicht so recht erklären können. Der minimale Durchschnittslohn sei im Rahmen-GAV geregelt und die VBZ belegten den Spitzenplatz, sagt Widmer. Eine Rolle könnten Änderungen im städtischen Personalreglement spielen, das zum Beispiel Nacht- und Sonntagszuschläge mittlerweile auf die Minute genau abrechnet, sagt Widmer.

Neues Dienstplansystem soll helfen

Die VBZ haben nun basierend auf der Analyse der Mitarbeiterbefragung fünf Handlungsfelder für den UBB definiert. In diesen sollen Massnahmen geprüft oder ergriffen werden, damit die Belastung der Mitarbeitenden sinkt, Arbeit und Privatleben besser vereinbart werden können, die Partizipation angehoben, die Arbeitgeberattraktivität gesteigert und die Arbeitsplätze- beziehungsweise -räume optimiert werden können.

Eine Massnahme, von der sich die VBZ eine Verbesserung der Work-Life-Balance versprechen, ist das neue individuelle Dienstplansystem. Dieses freiwillige System rollen die Verkehrsbetriebe für die meisten Mitarbeiter im Fahrdienst noch dieses Jahr aus. Der Vorteil: Die Mitarbeiter können Präferenzen für Freitage und bestimmte Schichten angeben. Damit sollen die Angestellten ihre Arbeit besser mit ihrem Privatleben und dem eigenen Biorhythmus vereinbaren können: Langschläfer könnten also mehr Abendschichten bestreiten. Wie stark der Effekt sein wird, hängt schliesslich davon ab, wie viele der Wünsche erfüllt werden können.

Sozialpartnerschaft verstärken

Auch die Beziehung mit den Sozialpartnern wollen die VBZ wieder intensivieren. Neben der Elefantenrunde soll dazu eine «Kommission der Sozialpartner» gegründet werden. Spekulationen darüber, weshalb die Situation eskaliert ist, will Widmer nicht anstellen. «Unsere Türen standen jeweils offen», sagt er.

Die Kritik kam für die VBZ jedenfalls zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt. Die Verkehrsbetriebe leiden seit vergangenem Sommer unter Personalmangel. 2017 haben sie 18 Stellen von Trampiloten und Busfahrern nicht besetzen können. Die Lücke müssen derzeit die Mitarbeiter mit zusätzlichen Arbeitseinsätzen kompensieren. Die VBZ haben deswegen eine Taskforce gegründet. Mittels Werbung, besonders in den eigenen Fahrzeugen, wollen die VBZ möglichst rasch neues, inländisches Fahrpersonal finden. «Wir müssen die Stellen innerhalb der nächsten Monate besetzen können», sagt Leiter UBB Jürg Widmer. Gelinge dies nicht, müsse auch in Betracht gezogen werden, Fahrpersonal aus dem Ausland zu rekrutieren.

Gewerkschaften warten ab

Was die Gewerkschaften von den beschlossenen Massnahmen und dem Vorschlag einer neuen Kommission zwischen den Sozialpartnern halten, ist noch unklar. Sie wollen im Verlaufe der Woche dazu Stellung nehmen. VPOD-Gewerkschafter Duri Beer sagt aber, dass bei der Elefantenrunde auf Augenhöhe miteinander diskutiert wurde und er den Eindruck habe, die VBZ habe den Handlungsbedarf erkannt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2018, 14:21 Uhr

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