So schmecken Erinnerungen

Die 24-jährige Eleonora Nodari hat ein Fotobuch gemacht. «Geschichten in Gerichten» handelt von Menschen und ihrem Lieblingsessen.

Auf dem Markt in Oerlikon: Eleonora Nodari.

Auf dem Markt in Oerlikon: Eleonora Nodari. Bild: Sabina Bobst

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Wie bringt man wildfremde Menschen aus den verschiedensten Ländern dazu, dass sie einen zu sich nach Hause einladen und ihr Lieblingsgericht kochen? Für die 24-jährige Eleonora Nodari war dies der schwierigste Teil ihrer Abschlussarbeit. «Es war mir sehr unangenehm», sagt sie. Mit ein bisschen Hilfe von guten Freunden hat es dann geklappt. Das Resultat ist ein ganz spezielles Kochbuch, ein Zeugnis, wie Essen und Kultur Menschen verbinden, und es ist eine Hommage ans Kochen. «Ohne die Offenheit dieser verschiedenen Frauen und Männer hätte ich das Buch nie realisieren können», sagt Nodari.

Das Buch erfüllte zunächst einen pragmatischen Zweck: Nodaris Bachelor-Arbeit in Style und Design an der Zürcher Hochschule der Künste. Was abstrakt klingt, wird durch ihre Arbeit sehr konkret. Die Studentin hat das Konzept für das Buch geschrieben, hat es gestaltet und mittels Crowdfunding das Geld für die Druckkosten reingeholt. Der Aufwand hat sich gelohnt. Migrantinnen und Migranten hat die Studentin beim Kochen fotografiert und ihre Geschichten zu einem besonderen Essen notiert. Um die Erinnerungen zu visualisieren, zeigt sie von den Porträtierten ein Bild aus ihrer Vergangenheit. So ist nicht nur ein Buch über Menschen und deren Lieblingsgerichte entstanden. Es gibt auch Einblick in ihr Leben. Und es hält Rezepte zum Nachkochen bereit.

Die Mutter der Souffleuse

Dass der Studentin die Essenserinnerungen von Migranten so wichtig sind, hat mit ihrer Herkunft zu tun. Sie hat selbst eine doppelte kulturelle Identität, ihr Vater stammt aus Italien. «Ich bin zweisprachig und mit der norditalienischen Küche aufgewachsen.» In ihrem klar gestalteten Fotoband kommen Speisen aus 20 Ländern und 5 Kontinenten vor. Sukiyaki aus Japan, Red Red aus Ghana oder Labskaus aus Deutschland. Letzteres ist ein Armeleuteessen aus der Gegend von Bremen.

Das Seemannsgericht kocht eine inzwischen pensionierte deutsche Souffleuse, die früher am Schauspielhaus gearbeitet hat. Sie verrät im Buch, weshalb das Gericht bei Matrosen und armen Leuten beliebt war. Es besteht aus Rollmöpsen, das sind in Essig eingelegte und gesalzene Heringslappen, und Corned Beef, zerkleinertem und gepökeltem, im eigenen Saft eingelegtem Rindfleisch. Beides ist billig, lange haltbar und gehörte deshalb als eiserne Ration in jede Schiffskombüse. Die Mutter der Souffleuse reicherte das Gericht mit Roter Beete, einem Spiegelei und Kartoffeln an. Labskaus wird kaum allen schmecken, aber für die norddeutsche Nachkriegsgeneration ist es ein Stück Heimat.

Spätzli machen glücklich

Essen macht nicht nur satt, es ist auch verbunden mit Düften und Gerüchen. Zu Eleonora Nodaris ältester Essenserinnerung gehören Spätzli. «Wenn ich wusste, dass meine Mutter sie am Mittag kochte, lief ich von der Schule schneller nach Hause als gewöhnlich», erzählt sie. «Das gehört bei mir zu den glücklichsten Kindheitserinnerungen.»

Eleonora Nodari träumt davon, dereinst mit dem Gestalten ihr Leben finanzieren zu können. Deshalb wird sie das nächste Semester an der Universität der Künste in Berlin in Deutschland verbringen, um visuelle Kommunikation zu studieren. Was sie an der ZHDK gelernt hat, ist, selbstständig zu arbeiten, selber zu entscheiden, was für sie gut und richtig ist. Dass das Buch im digitalen Zeitalter als aussterbende Gattung gilt, stört sie nicht im Geringsten. «Mit unseren Projekten stehen wir dauernd in der Kritik, wir müssen sie verteidigen, die Kritik annehmen oder die Projekte überarbeiten.»

Das Buch ist erhältlich beim Institut für interkulturelle Kommunikation, Sumatrastrasse 1, Zürich, Tel. 044 260 69 85. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.07.2013, 10:59 Uhr

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