So schmeckt das Menü aus dem Netz

Wer gerne kocht, aber keine Lust hat, einzukaufen, geht ins Internet. Online-Dienste liefern Mahlzeiten zum Selberkochen. Der «Tages-Anzeiger» hat den Anbieter Hello Fresh getestet.

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Jedes Geschäft im Internet beginnt mit? Richtig: der Bestellung. Die muss funktionieren. Tut sie bei Hello Fresh aber nicht. Fünf mal erscheint nach der Eingabe der Kreditkartendaten eine Fehlermeldung. Erst als ich vom Computer aufs Handy wechsle, habe ich Erfolg. Kein guter Anfang. Unter normalen ­Umständen hätte ich schon nach dem zweiten Versuch aufgegeben.

Möglicherweise hätte ich sogar überhaupt nichts bestellt. Denn die Webseite von Hello Fresh kommt zwar, wie man auf schön Schweizerdeutsch sagt, «aamächelig» daher. Aber das, was man ausser dem Preis auch noch wissen will, ist gut versteckt. Zum Beispiel, welche drei Menüs die Box enthalten wird: Diese Information finde ich erst nach ­einigem Herumgeklicke. Auch das hätte mich normalerweise abgeschreckt. Aber wir wollen ja die Essboxen von Hello Fresh testen.

Nach diesen Anfangsschwierigkeiten wird die Box dann pünktlich per Post geliefert. Ein ziemlich grosses und schweres Paket, das drei Menüs zum Selber­kochen für je zwei Personen enthält. Kostenpunkt: 115 Franken. Etwas billiger, nämlich 99 Franken, wird die Box, wenn man gleichzeitig ein (jederzeit kündbares) Abo abschliesst. Dann erhält man jede Woche drei neue Menüs.

Saisonal? Nicht ganz

99 Franken pro Paket oder 16.65 pro Mahlzeit, das ist ein stolzer Preis. Lässt er sich rechtfertigen? Stimmen Qualität und Menge? Und werden wir pünktlich mit dem Kochen fertig sein? Das wollen wir herausfinden. Wir, das sind die ­Kollegen Nicola Brusa und Denise ­Marquard von der Zürich-Redaktion sowie die Schreibende, die zu dritt das ­Kochen übernehmen. Als Testesser geladen sind zudem Teamkollegin Ev Manz, «Züritipp»-Gastrokritiker Alexander Kühn und die Fotografin Esther Michel.

Gespannt machen wir uns ans Aus­packen. Was wir als Erstes sehen: Karton und Papiertüten, ein grosser Plastik-sack – und Rüebligrün, das schon leicht angewelkt ist. Die übrigen Zutaten sind in einwandfreiem Zustand. Das Fleisch ist dank Eispackung und Isolationsmatte aus Schafwolle trotz Postversand kühlschrankkalt geblieben. Allerdings enthält die Box, anders als in der Werbung angegeben, nicht sämtliche Zutaten. Grundnahrungsmittel wie Salz, Pfeffer, Öl, Essig und Butter muss man daheim haben.

Drei Rezeptkarten erklären die Zu­bereitung der Menüs, die da sind: ­Rinderhuftsteak mit Wurzelgemüse-Kartoffel-Stampf, Trofiepasta mit Rüebli­grünpesto sowie Poulet-Satay-Spiessli mit Knoblauchbohnen und Jasminreis. Klingt spannend – aber der Preis scheint uns auf den ersten Blick sehr hoch, vor allem angesichts der Tatsache, dass ein Menü ein vegetarisches Pastagericht ist. Hätten wir die Zutaten selbst gekauft, der Preis wäre bestenfalls halb so hoch ausgefallen, das zeigt später eine Recherche im Internet und beim Gross­verteiler. Was uns ebenfalls nicht überzeugt: Hello Fresh wirbt mit saison­gerechter Küche, nun liegen auf dem Tisch vor uns Tomaten, Rüebli, Kar­toffeln, Zitronen, Limetten.

Gutes Fleisch

Die Zubereitung ist gut verständlich erklärt. Ganz ohne Grundkenntnisse geht es aber nicht, man sollte etwa wissen, was unter «reichlich kochendem Salzwasser» zu verstehen ist. Auch sonst hilft eine gewisse Küchenerfahrung. Koch Brusa etwa, der für die Satay-Spiesse zuständig ist (Begründung: «Man sollte das kochen, was man von sich aus nie kochen würde, oder?»), zweifelt von Anfang an und zu Recht an der Garzeit seiner Spiessli. Die sollen für zehn Minuten bei 200 Grad unter den Backofengrill. «Das reicht doch nie», sagt er, und tatsächlich ist das Fleisch nach zehn Minuten teils noch roh, die Holzspiesse aber schon so angekokelt, dass wir fürchten, die Küche gehe noch vor dem Essen in Brand auf.

Perfekt angegeben ist dafür die Garzeit der Rinderhuftsteaks. Und: Die Qualität überzeugt alle. Weniger begeistert sind Testesser und Köchin vom Kartoffel-Wurzelgemüse-Stampf. «Schonkost» lautet das vernichtende Fazit von Gastro­kritiker Kühn. Der Stampf hätte eine zünftige zusätzliche Portion Butter vertragen. Noch lieber wären uns ein richtiger Kartoffelstock oder Bratkartoffeln gewesen. Gut sind auch die Pouletspiessli, als sie nach 20 Minuten endlich aus dem Ofen kommen (ohne Feuerwehreinsatz). Das Fleisch ist saftig und geschmackvoll. Die Sataysauce dazu ist aber zu pe­netrant. Schade ums Hühnchen.

Am weitesten gehen die Meinungen indes beim vermeintlich einfachsten Gericht auseinander, der Pasta mit Rüebligrünpesto. «Hm, das wird gut», findet ­Köchin Marquard schon bei der Herstellung. Nichts, aber auch gar nichts kann Gastrokritiker Kühn dem Pesto abgewinnen: «Zu sauer, zu bitter.» Es entspinnt sich eine lebhafte Diskussion. Minor: «Liegts am Pecorino?» Marquard: «Zu viel Zitrone? Oder ist welkes Rüebligrün bitter?» Michel: «Vom Rüebligrün schmeckt man ja gar nichts.» Manz: «Basilikum wäre besser gewesen.» Brusa: «Oder Rucola!» Kühn, maliziös: «Aber viel teurer. Und viel zu normal.» Brusa: «Übrigens, wo ist eigentlich der Rüeblisalat?» Marquard: «Rüeblisalat? Ach, die geriebenen Rüebli wären für einen Salat gewesen? Die sind in der Pesto.» Grosses Gelächter. Haben wir nicht die Ver­ständlichkeit der Rezepte mit der Bestnote bewertet?

Am Ende fällt unser Fazit durchzogen aus. Die Rezepte sind originell, gewiss, aber bemüht originell. Und sie sind teuer, auch im Vergleich mit Mittags­menüs in Restaurants. Immerhin finden vier von sechs Essern die Portionen gross genug, und das dürfte für die meisten Durchschnittsbürolisten gelten. Gastrokritiker Kühn und die Schreibende aber, beide mit einem gesunden Appetit gesegnet, sind nicht wirklich satt. Und das sollte bei dem Preis nun wirklich nicht sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.06.2016, 21:27 Uhr

Lebensmitteldienste

Logistik ist entscheidend

In Schweden gibt es den Service schon seit neun Jahren, doch erst in den letzten paar Jahren hat das Geschäftsmodell so richtig an Fahrt gewonnen: Internet-Lebensmitteldienste liefern ihren Kunden Rezepte samt abgewogenen Zutaten für Mahlzeiten. Auch in der Schweiz sind mittlerweile mehrere Anbieter auf dem Markt, so etwa «Juts», «Mahler & Co.» oder «Kochmahl». Und seit Anfang Mai «Hello Fresh», eine Firma aus Deutschland, die sich als weltweiter Marktführer der Branche bezeichnet.

Wer sind die Kunden dieser Onlinedienste? Daniel Walter, Geschäftsführer von Hello Fresh Schweiz, sagt: «Vor ­allem junge Paare zwischen 25 und 40, die beide berufstätig sind, die kaum Zeit zum Einkaufen haben, die aber dennoch Wert legen auf frische, vollwertige, gesunde Mahlzeiten. Und dann Familien, für sie bieten wir eine eigene Box mit kindergerechten Menüs an.»

Preise von 12 bis 15 Franken

Frisch, gesund, saisonal, lokal: Das sind die Attribute, mit denen auch die anderen Mahlzeitendienste werben. Auch sie richten sich vor allem an eine eher junge Kundschaft, die wenig Zeit hat, die sich aber Preise von 12 bis 15 Franken pro Person und Mahlzeit leisten kann. Davon dürfte es zahlreiche geben, umso mehr, als gesunde Ernährung im Trend liegt. Dennoch ist der Markt kein einfacher. Bereits haben einzelne Anbieter wieder aufgegeben, so etwa die «Kochpost» – trotz grosser Facebook-Fangemeinde.

Auf der anderen Seite steht Marktführer Hello Fresh, im Jahr 2011 in Deutschland gegründet, der heute mit rund 1000 Mitarbeitern in acht Ländern jeden Monat insgesamt 7,4 Millionen Mahlzeiten an mehr als 800'000 Nutzer liefert. Die Menüs sind jeweils an die Vorlieben der Länder angepasst. In Deutschland etwa sind die Menüs deftiger, und sie enthalten mehr Kartoffeln als in der Schweiz. Und sie sind deutlich günstiger: zwischen 4.50 und 6.70 Euro pro Person.

Was entscheidet über Erfolg und Misserfolg in diesem Markt? Für Karin Frick, Trendforscherin am Gottlieb-Duttweiler-Institut, ist die Logistik entscheidend: «Man muss extrem effizient sein.» Sie schätzt das Marktpotenzial der Online-Lieferdienste längerfristig als sehr gross ein: «Zwar ändern sich Essgewohnheiten nur langsam. Anderseits bekommen wir immer mehr Dienstleistungen nach Hause geliefert. In diesen Kontext passen Lebensmitteldienste.»

Potenzial bei Senioren?

Längerfristig sieht sie die grössten Chancen indes nicht für jene Firmen, die aktuell am meisten Kunden ansprechen: «Das Prinzip mit den fixen Mahlzeitenboxen erfordert viel Goodwill von den Nutzern. Und es besetzt nur eine Nische: Bio, fair, frisch, lokal.» Auf Dauer entscheidend sei aber, dass der Kunde möglichst flexibel wählen könne.

Auch was die Kundschaft betrifft, sieht Karin Frick Potenzial an einem ganz anderen Ort, als die Onlinedienste derzeit bewirtschaften: «Die Gesellschaft wird immer älter, immer mehr Menschen bleiben möglichst lang daheim. Zwar gibt es Mahlzeitendienste für sie, aber die sind eher ein Hilfsangebot als eine Dienstleistung. Hier eröffnet sich ein interessanter Markt.»

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