So viel verdienen Zürcherinnen weniger als Zürcher

Weniger Lohn, klar mehr Hausarbeit: 50 Jahre nach Erlangen des Stimmrechts stehen Frauen immer noch schlechter da. Aber es gibt auch Lichtblicke.

Das Stimmrecht haben Zürcherinnen seit 50 Jahren, gleichgestellt sind sie aber noch nicht: Frauen demonstrieren am Frauenstreik 2019 in Zürich. Foto: Keystone

Das Stimmrecht haben Zürcherinnen seit 50 Jahren, gleichgestellt sind sie aber noch nicht: Frauen demonstrieren am Frauenstreik 2019 in Zürich. Foto: Keystone

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Mit der letzten Folie verdeutlichte Simon Dinkel von der Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung noch einmal, wie gross die Unterschiede zwischen Frauen und Männern in unserer Gesellschaft sind.

In der Stadt liegt die Frauenquote im gesamten Kader bei etwa 39 Prozent, während sie über alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinweg bei etwa 55 Prozent liegt. Allerdings ist die Frauenquote im oberen und obersten Kader deutlich tiefer, die Stadt verpasst ihr 35-Prozent-Ziel. Eigentlich könnte man zuversichtlich sein, dass diese Quote bald steigt. Die Stadt gehe davon aus, dass in den nächsten 10 bis 15 Jahren 40 Prozent der Kadermänner pensioniert würden, sagt der Referent.

«Aber», und das zeigte diese letzte Folie deutlich, «derzeit werden immer noch vorwiegend Männer befördert.» Ausser im Schul- und Sport-, im Gesundheits- und Umwelt- sowie im Sozialdepartement waren die beförderten Frauen in den analysierten Jahren 2016/17 deutlich in der Minderheit. Am deutlichsten im Tiefbau- und Entsorgungsdepartement. Dort wurden gerade mal 8 Prozent Frauen befördert.

Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums zum Frauenstimmrecht hat Statistik Stadt Zürich eine Veranstaltung zum Thema Gleichstellung in Politik und Gesellschaft durchgeführt. «Seither», sagte Statistikerin Tina Schmid, «hat sich zwar einiges verbessert, doch wir finden immer noch Geschlechterunterschiede in den Zahlen.» Die präsentierten Resultate boten einen Einblick in ganz private Aspekte der Stadtzürcherinnen und Stadtzürcher. Zum Beispiel zum Lohn.

Eine Zürcherin verdient im Schnitt also auf eine 100-Prozent-Anstellung hochgerechnet 7600 Franken brutto. Ein Zürcher hingegen 9600. Die Schere geht etwa um das 30. Lebensjahr auf und schliesst sich bis zur Pensionierung nicht mehr. Die Faktoren für den Lohnunterschied sind vielfältig, Frauen haben auch heute oftmals noch einen tieferen Bildungsabschluss oder arbeiten in anderen Branchen. Knapp ein Drittel dieses Unterschieds könnten sich die Statistikerinnen und Statistiker aber nicht erklären, sagt Schmid.

Dass sich der Lohngraben just um die 30 auftut, ist kein Zufall. Stichwort: Familie und deren Vereinbarkeit mit dem Arbeitsmarkt. In den vergangenen 50 Jahren hat sich einiges verändert. Lebten in den 1970er-Jahren Mann und Frau mit Kindern in der Stadt Zürich, war in 70 Prozent die Rollenverteilung so: Der Mann arbeitet, die Frau bleibt zu Hause. Doch das Modell des männlichen Alleinernährers büsste seither drastisch an Popularität ein, nur noch in rund 21 Prozent der Familien wird es gelebt. Frau Teilzeit, Mann Vollzeit ist heute die gängigste Art der Rollenverteilung (rund 40 Prozent). Dass Mann und Frau beide weniger als 90 Prozent arbeiten, gewinnt seit den 1990er-Jahren ebenfalls an Popularität, ist aber mit knapp 12 Prozent immer noch relativ selten.

Trotz dieser neu gelebten Erwerbsmodelle bleibt die unbezahlte Hausarbeit mehrheitlich an den Zürcherinnen hängen. 29 Stunden bringen sie laut Statistikerin Schmid pro Woche für den Haushalt auf, während die Männer durchschnittlich nur 14 Stunden mit Waschen, Bügeln und Staubsaugen verbringen. «Erfreulich hingegen ist, dass kein signifikanter Unterschied mehr bei der Kinderbetreuung besteht», sagt sie. Explizit um die Kinder kümmern sich in den Familien sowohl Männer als auch Frauen zwischen 15 und 20 Stunden.

50 Jahre Frauenstimmrecht und 40 Jahre Gleichstellung in der Schweizer Verfassung haben auch politisch Spuren hinterlassen. Sowohl die diesjährigen Kantons- als auch Nationalratswahlen waren Frauenwahlen, Frauen stürmten die Listen und liessen ihre männliche Konkurrenz hinter sich. Und: Bei den nationalen Wahlen, noch stärker allerdings bei den kommunalen 2018, stellte man in der Stadt Zürich fest, dass besonders junge Zürcherinnen zwischen 18 und 35 häufiger wählen gehen.

«Die Geschlechterunterschiede werden in vielen Bereichen langsam kleiner», sagte Schmid zum Schluss. Trotzdem müsse man weiter messen, die Entwicklung beobachten. Und, wie Simon Dinkel von der Fachstelle für Gleichstellung betonte, transparente Beförderungsprozesse installieren.

Erstellt: 05.12.2019, 17:02 Uhr

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