Test

So will Zürich Ordnung ins Pendler-Chaos bringen

Die Stadt Zürich hat analysiert, wie sich die Menschenmassen am und zum Hauptbahnhof bewegen – und reagiert entsprechend. Ein Sorgenkind bleibt aber.

Fahren Sie mit der Maus über die Nummern oder tippen Sie bei Touchscreens darauf, um mehr zu erfahren.


Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Smartphone-User: Für die Infografik klicken Sie bitte auf diesen Link.

Mit der Eröffnung der Durchmesserlinie ist am Hauptbahnhof eine neue Dimension erreicht: Bis zu einer halben Million Pendler drängen sich an einem Werktag auf den Perrons, steigen ein, aus oder um. Sie kommen zu Fuss, mit dem Velo, Tram, Bus und Auto. Diese Verkehrsströme zu beherrschen, ist für die Stadt eine Herausforderung. Entlastung für Velofahrer sollen ein Velotunnel unter dem Hauptbahnhof und 1800 unterirdische Abstellplätze bringen. Das Projekt ist bereits in Planung. Aber auch für die Fussgänger hat das Tiefbauamt Grosses vor.

Besonders kritisch ist die Situation am Bahnhofplatz, weil sich dort die grössten Fussgängermassen in die Bahnhof- und die Löwenstrasse ergiessen. Mehr als die Hälfte der Konfliktpunkte, die die Stadt rund um den Hauptbahnhof ausgemacht hat, befinden sich dort. Die Querung des stark mit Automobilverkehr belasteten Platzes ist für Fussgänger unübersichtlich und eng; für Velos fehlt, so die Stadt in ihrer Analyse, «jegliche Massnahme».

Problem Bahnhofplatz

Weil die Interessenkonflikte gross sind, wird sich allerdings in naher Zukunft nur wenig ändern. Vorgesehen ist in den nächsten drei Jahren eine neue Trottoirüberfahrt in der Lintheschergasse, damit sich die Fussgänger, die aus dem Shop-Ville heraufkommen, nicht direkt an einer Strassenkante wiederfinden. Eine Studie zur Taxisituation am Bahnhofplatz ist ebenfalls in Arbeit, die Wege sucht, wie die Fussgänger besser an ­wartenden Taxis vorbeikommen.

Ein Teil dieser Ideen geht auf eine Motion der Grünen, der SP und der GLP aus dem Jahr 2011 zurück. Sie sprachen schon damals von einer «prekären Situation» am Knotenpunkt und forderten den Stadtrat auf, im Hinblick auf die ­Eröffnung der Durchmesserlinie zusätzlichen Platz und Begegnungszonen für Fussgänger und Velofahrer zu schaffen.

Neuer Aufgang, unterirdische Velostation

Dass der Bahnhofplatz etwas stiefmütterlich behandelt wird, ist für Markus Knauss, Fraktionspräsident der Grünen, unverständlich. Er sieht Potenzial in einer weiteren fussgängerfreundlich gestalteten Parallelstrasse zur Bahnhof­strasse: «Die Lintheschergasse wäre geeignet, als direkte Verbindung aus einer Passage über Globus, Manor, Jelmoli bis zur Sihlstrasse die sehr stark be­lastete untere Bahnhofstrasse zu entlasten.» Für eine entsprechende Neugestaltung müssten laut Knauss nur gerade sieben Parkplätze aufgehoben werden. Die Anlieferung für Restaurants und Geschäfte könnte in den Seitenstrassen ­sichergestellt werden. Für die Beantwortung eines entsprechenden Vorstosses des Grünen hat der Stadtrat allerdings bis Frühling 2016 Zeit.

Immerhin, etwas weiter in Richtung Sihl geht in den kommenden Monaten einiges: Der provisorische Bahnhof ­Sihlpost wird bis Ende 2015 abgerissen. Bis 2018 entsteht dort der Europaplatz, geprägt von einem neuen Aufgang aus der Passage Sihlquai und mit einer unterirdischen Velostation.

Grosszügigere Platzverhältnisse

Seit der Eröffnung des Bahnhofs ­Löwenstrasse gelangen Pendler über einen neuen Aufgang direkt in die Gessner­allee und via der nächsten Querstrasse, der Schützengasse, rasch zum Löwenplatz, mit seinen diversen Tram­anschlüssen. Diese oberirdische Verbindung soll bis Ende 2015 aufgewertet ­werden. Auch Kasernenstrasse und Post­brücke werden umgestaltet. Die Platzverhältnisse werden grosszügiger und bis 2018 entsteht sogar ein neuer Steg über die Sihl. Der Europaplatz soll somit zum Ausgangs- und Zielort für Fuss­gängerströme werden. Bis zum Jahr 2020 werden dort täglich rund 120'000 Personen erwartet.

Dieser Ausbau sei gut geeignet, den Bahnhofplatz zu entlasten, sagt Knauss. Auch wenn sich der Grüne die Kasernenstrasse mit Ausnahme einer Taxivorfahrt autofrei gewünscht hätte und bedauert, dass die Verbindung für Autos über die Postbrücke erhalten bleibt.

Bahnhof Nord wird autofrei

Auf der gegenüberliegenden Seite des Hauptbahnhofes sieht es für Fussgänger seit Jahren miserabel aus: Wegen der Bauarbeiten fehlt etwa ein direkter Zugang vom Platzspitz zum HB. Nun ist ein Ende der Misere in Sicht: Nach Ende der Neugestaltung des Landesmuseums wird ein Fussgängerstreifen über die Museumsstrasse zum neuen Zugang in die Passage Gessnerallee führen. Und auch der Bahnhofplatz Nord beim Aufgang der Passage Sihlquai wird umgestaltet: Zwischen Radgasse und Sihlquai soll er sogar autofrei werden.

Das städtische Tiefbauamt will aber Autos nicht gänzlich vertreiben, es zeigt gar erstaunlich viel Herz für Automobilisten: An der Kasernenstrasse soll es ab 2018 Kiss+Ride-Parkplätze geben, Kurzzeitparkplätze, um jemanden mit dem Auto zum Bahnhof bringen oder dort ­abholen zu können. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 27.07.2014, 21:52 Uhr)

Umfrage

Zürich investiert viel Geld in die Verkehrsinfrastruktur rund um den Hauptbahnhof. Wie beurteilen Sie den Ausbau?

Finde ich gut. Der Pendlerverkehr stösst schon jetzt an seine Grenzen.

 
67.4%

Der Ausbau macht mir Sorgen, weil der Pendlerverkehr noch mehr zunehmen wird.

 
32.6%

635 Stimmen


Bis zu 500'000 Pendler pro Tag: In der oberirdischen Gleishalle des Zürcher Hauptbahnhofs. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Der gläserne Pendler

Das Handy verrät den Planern alles

Die Analyse der Pendlerströme rund um den Hauptbahnhof stützt sich auf Messungen zwischen Oktober 2012 und Januar 2013. Mit 26 Geräten zeichnete die Stadt über diesen Zeitraum die Be­wegungsmuster aller Mobilgeräte auf, die aktiv nach einer Bluetooth- oder WLAN-Verbindung suchten. Damit ist es möglich, die Wege einzelner Passanten zu registrieren. Manuelle und video­basierte Kontrollzählungen ergänzten die Versuchsanordnung.

In diesem Zeitraum fanden in der Bahnhofshalle Grossveranstaltungen wie die Züri-Wiesn (Oktoberfest), der Launch von Windows 8, der Christ­kindlimarkt oder der Weltrekordversuch im Fondueessen statt. Die meisten Bewegungen, rund 580'000, mass die Stadt am Freitag vor Weihnachten.

Weil Benutzer WLAN und Bluetooth ausschalten können, die Daten in anonymisierter Form gespeichert wurden und sie keine Rückschlüsse auf die ­Identität der Pendler zulassen, ist die Technik vom Persönlichkeitsschutz her weniger heikel als etwa Kameras mit Gesichtserkennung. Gemäss Stefan Hackh, Sprecher des Tiefbauamts, gingen diesbezüglich auch keine Klagen ein.
Bei der Zählung wurden unter anderem die Pendlerströme über die wichtigsten Zu- und Abgänge ermittelt, sowie die Modalsplits, also der Anteil Fuss-, Velo-, Auto-, Tram- und Bus­verkehr an den verschiedenen Stand­orten. Die Daten flossen in die Planung des Tiefbauamts ein, sind öffentlich und dadurch in Zukunft auch Grundlage für politische Vorstösse.

Gemäss Sprecher Stefan Hackh erwägt das Tiefbauamt, erneut Daten der Personenströme am HB zu messen – nun mit dem neuen Bahnhof Löwenstrasse. Es ist allerdings noch nicht abschliessend entschieden, wann und mithilfe welcher Technologie die neuerlichen Messungen geschehen sollen. (lop)

Bildstrecke

Das Velo-Paradoxon vom HB Zürich

Das Velo-Paradoxon vom HB Zürich Während sich vor der Velostation auf der Postbrücke Velo an Velo reiht, herrscht auf dem Deck der Station gähnende Leere.

Artikel zum Thema

So lenken die SBB die Massen durch den Bahnhof der Neuzeit

Reportage Am 15. Juni ist es so weit: Die Durchmesserlinie von Altstetten nach Oerlikon wird eröffnet und mit ihr der Bahnhof Löwenstrasse. Der Probebetrieb wurde nun aufgenommen – Tagesanzeiger.ch/Newsnet war vor Ort. Mehr...

Weg mit dem Velochaos

Zürich baut beim Hauptbahnhof einen unterirdischen Veloparkplatz für 13,5 Millionen Franken. Den geplanten automatischen Veloverleih sollen neu Private durchführen. Mehr...

Platz schaffen in Pendlerzügen

Arbeiten zu Hause und unterwegs: Ein Versuch von SBB und Swisscom ergab, dass sich so der Pendlerstrom in den Zügen deutlich verringern liesse. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Es sammelt sich nur der Staub in ihnen: Frauen zerschmettern in Indien Töpfe aus Ton, um gegen den Mangel an Trinkwasser zu protestieren. (16. Mai 2019)
(Bild: Amit Dave) Mehr...