So zeigen die anderen ihre Geschichte

Kommt das Zürich-Museum? Die Stadt Zürich stimmt bald ab, ob sie daran zahlt. Anderswo im Land hat man schon ein Geschichtsmuseum – meist ist es von grösserer Dimension und schwer à jour zu halten.

Prunkstück des Museums «Maison Tavel» in Genf ist das Magnin-Relief, das grösste historische Relief der Schweiz. Es präsentiert die Stadt im Jahr 1850. Foto: Frank Mentha

Prunkstück des Museums «Maison Tavel» in Genf ist das Magnin-Relief, das grösste historische Relief der Schweiz. Es präsentiert die Stadt im Jahr 1850. Foto: Frank Mentha

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Die Gegner sagen, es gebe Nötigeres und man habe momentan sowieso zu wenig Geld. Und die Befürworter antworten, so günstig komme Zürich nie mehr zu einem Museum.

Über dieses Zürich-Museum stimmt die Stadt am 14. Juni ab, nachdem ein Links-rechts-Zweckbündnis von AL, GLP, SVP das Referendum ergriffen hat. Um einen Objektkredit von 1,76 Millionen Franken und Betriebsbeiträge von 300'000 Franken pro Jahr geht es. Falls ein Ja resultiert, entsteht nicht etwa ein gesondertes neues Haus. Sondern ein Museum im Museum, eine Ausstellungsfläche im Landesmuseum.

Stellt sich die Frage, wie andere Städte und Kantone ihre Geschichte zeigen. Die geraffte Antwort aufgrund der Umschau an vier Orten im Land: Das Gros dieser Orte betreibt ein eigenes ­Museum. Es ist meist altehrwürdiger Art und dabei gefordert, das Sammelsurium der Epochen zu meistern, alte Bestände sinnvoll zu präsentieren und moderne Museumsmethoden zu integrieren.


Bernisches Historisches Museum
Die Eroberer von einst zeigen mit Stolz ihre Beute
Wer meint, Bern sei eine moderat interessante Stadt mittlerer Grösse, erfährt im Berner Historischen Museum am Helvetiaplatz eine Lektion. Nur schon die zwei Schultheissenthrone aus dem Ancien Régime. Bern war ein kleines Imperium, beide Throne eines Königs würdig. Der eine hat golden gleissende Löwen­tatzen als Füsse, der andere ist mit einer Krone geschmückt. Herrliches herrschaftliches Bern von einst!

Und weil die alten Berner, respektlos gesagt, Raffzähne waren, etliche Rivalen beseitigten, sich so manchen Landstrich einverleibten, zeigt das Museum grossartige Kriegsbeute, Tapisserien des gebodigten Burgunderherzogs Karl des Kühnen vor allem. Sowie Kirchenschätze aus dem besiegten Aargau und der ebenfalls besiegten Waadt. Dazu kommen archäologische Preziosen wie die Hydria von Grächwil. Aus einem frühkeltischen Grabhügel förderte man ein Wassergefäss zutage. Eine Hydria eben. Sie ist geschmückt mit einer Göttinnenfigur, einer Herrin der Tiere, stammt aus Tarent in Unteritalien und stellt ein Rätsel dar: War sie Kriegsbeute, Handelsgut oder Gastgeschenk von Fürsten an Fürsten?

Das Historische Museum beruht auf dem Zusammenschluss von Stadt, Kanton, der Burgergemeinde, auch die Regionsgemeinden beteiligen sich finanziell. Zu den Attraktionen gehört selbst Unbernisches wie die Sammlung eines Orientreisenden aus dem 19. Jahrhundert; plötzlich steht man vor einem Krummdolch aus dem Morgenland.

Das Einsteinmuseum ist ebenfalls in das historisierende Gemäuer von 1894 integriert. Zuoberst hat die Moderne Platz gefunden samt Politpropaganda wie einem Völkerbundplakat oder einem rührenden Frühstaubsauger.

Dies ist ein Museum, das unregelmässig gewachsen ist und sich seine Bestände organisieren musste; manche Räume sind eng, andere atmen Weite. Ein Ereignis ist es auf jeden Fall; man kann sich in ihm verlieren. (tow)


HMB-Museum für Geschichte
Bei der jüngeren Geschichte eher schwach
Wenn den Baslern etwas wichtig ist, dann Basel. Eine gewisse Selbstreferenzialität ist allen Schweizer Städten eigen, aber Basel ist in dieser Disziplin unbestrittener Schweizer Meister. So gibt es zwar kein eigentliches Stadtmuseum, aber auch kein Entrinnen vor der Stadt – egal welches Museum man besucht.

Die Fasnachtsausstellung im Museum der Kulturen, der Prunk alter Basler Aris­to­kraten im Museum für Wohnkultur, die aktuelle Fussballausstellung im HMB-Museum für Geschichte (das Plakat ist, so viel sei verraten, in den Farben Rot und Blau gehalten), die Rheinbilder in der Sonderausstellung des Spielzeug-Welten-Museums: Basel, Basel, Basel.

Am ehesten als eigentliches Stadtmuseum versteht sich das Museum für Geschichte in der Barfüsserkirche, Teil des HMB-Museums. Eine Dauerausstellung zeigt sieben Ereignisse aus der Stadtgeschichte, die «einen Überblick vom Mittelalter bis heute» bieten. Thematisiert werden etwa das Erdbeben von 1356, die Gründung der Universität (der ältesten der Schweiz) 1460 sowie die Reformation und die Industrialisierung der Stadt.

Wer sich einen Überblick über die grosse Basler Zeit verschaffen möchte, über jene kurze Phase, in der sich die Stadt einer europäischen Rolle rühmen konnte, der wird in der Barfüsserkirche und an anderer Stelle gut bedient. Eher schwach ist die Darstellung der jüngeren Geschichte. Als vor ein paar Jahren das Kulturleitbild neu verhandelt wurde, regte Regierungspräsident Guy Morin ein «Haus der Geschichte» an, um diese Lücke zu schliessen (unter anderem – ganz klar war nie, was in diesem Haus tatsächlich hätte gezeigt werden sollen).

Das Projekt war wenig durchdacht, wurde hitzig diskutiert und wieder fallen gelassen. Bessere Chancen hat das Projekt einer neuen Stadtgeschichte; die letzte Gesamtdarstellung hört mit der Reformation auf. Das wäre zwar kein neues Stadtmuseum, aber immerhin das Buch dazu. Und es würde sich, wie es sich gehört, vor allem mit einem Thema beschäftigen: mit Basel! (los)


Musée historique de Lausanne
In die Jahre gekommen, nun wird neu konzipiert
Ende Juni feiert das Lausanner Musée historique ein grosses Fest. Dann wird es geschlossen, für sieben Millionen Franken umgebaut und renoviert. Und die Ausstellung wird neu konzipiert. Der Umbau ist dringend nötig. Das 1918 eröffnete Museum ist mit seinem Platz gegenüber der Kathedrale zwar exzellent gelegen, wirkt aber in die Jahre gekommen. Man könnte gar sagen: Es ist zu einem Museum seiner selbst geworden. Direktor Laurent Golay betrieb kürzlich in der Zeitung «24 Heures» Selbstkritik: «Wer heute unser Museum besucht, denkt, er besuche ein grosses Buch. Der Haken ist, dass die Leute heute nicht mehr kommen, um ein Buch zu lesen.»

Wer dieser Tage das Museum betritt, wähnt sich in einer Art Archiv. Rasch entsteht der Eindruck, dass wahllos und unreflektiert eine grosse Menge Dinge in enge Räume gestellt wurden, die etwas aus der Geschichte der Stadt vom Altertum bis in die Frühe Neuzeit erzählen. Der Besucher wird erschlagen und fühlt sich bisweilen verwirrt. Der Fokus fehlt: Kirchen-, Wirtschafts-, Sozial-, Architektur- und Kulturgeschichte sind wild durcheinandergemischt.

Wie ein Fremdkörper wirkt eine Galerie mit Musikinstrumenten. Wer sich für historische Instrumente interessiert, wird seine Freude haben. Aber was sagt das über die Stadtgeschichte aus?

Wichtigstes Ausstellungsstück dürfte auch in Zukunft ein Relief sein, das Lausanne im Jahr 1638 im Massstab 1 zu 200 zeigt. Es wiegt 1,5 Tonnen und besteht aus 850 Häusern, 500 Personen und 4000 Rebstöcken, die es einst auch auf städtischem Boden zwischen dem See­ufer und der Place Saint-François im Zentrum gab. Damit im zukünftigen Museum auch alles glänzt, wird das Relief nun demontiert und restauriert. Durch eine Art Multimedia-Show rund um das Relief soll ab 2017 eine Ambiance wie anno dazumal entstehen. (phr)


Die Maison Tavel in Genf
Elitäre Geschichte, vorgeführt an allerbester Lage
Genf erzählt seine Geschichte in der Maison Tavel, mitten in der Altstadt gelegen; dies ist das älteste private Wohnhaus der Stadt. Es gehörte vom 13. bis ins 16. Jahrhundert der schwerreichen Familie Tavel, die in ganz Europa Handelsgeschäfte tätigte. Der Stadtpalast mit seinen auffälligen Türmen und pittoresken Kopfskulpturen an der Fassade war im Jahr 1334 durch einen Brand zerstört worden. Nur der Gewölbekeller, in dem Handelswaren lagerten und heute noch riesige Weinfässer und eine historische Waage stehen, blieb verschont. Die vier darüber liegenden Stockwerke wurden nach 1334 wiederaufgebaut.

Das Haus, ein architektonisches Artefakt, bringt es mit sich, dass dem Besucher eigentlich ausschliesslich die Elitengeschichte der Stadt vorgeführt wird. Auf mehreren Etagen sind Exponate der öffentlichen Sammlung ausgestellt: ­Stiche, Gemälde, Karten, Modelle der Stadt, aber auch Möbel. Sie geben Einblick ins Leben der Oberschicht vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Die Epoche der Reformation spielt eine tragende Rolle. Die weitere Stadtgeschichte wird anhand von Themenschwerpunkten wie Wirtschaft, Politik und Stadt­entwicklung vermittelt.

Am meisten Zeit verbringen Besucher gewöhnlich im dritten Stock unter dem Dach des Hauses, weil dort das Magnin-Relief steht, das grösste historische Relief der Schweiz. Es bietet einen Blick auf Genf im Jahr 1850, als die Befestigungsanlagen rund um die Altstadt noch standen. Der Besuch endet im beschaulich-gemütlichen Hausgarten, unter dem ein Saal für zeitgenössische Ausstellungen eingerichtet wurde. (phr)

Erstellt: 07.05.2015, 23:36 Uhr

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