Spinnefeind mit Spinnen

Manche Menschen befällt Panik, wenn sie eine Spinne sehen. In einem Kurs des Zoos Zürich lernen sie, ihre Ängste abzubauen. Das geht allerdings nicht ohne Tränen ab.

Erfolg: Eine Begegnung, die sie sich zuvor nie zugetraut hätte. <nobr>Fotos: Dominique Meienberg</nobr>

Erfolg: Eine Begegnung, die sie sich zuvor nie zugetraut hätte. Fotos: Dominique Meienberg

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Als sie klein war, musste die Mutter im Kinderlexikon alle Bilder, die Spinnen zeigten, abdecken. Noch heute kann bereits das Bild einer Spinne in ihr eine Panikattacke auslösen. Betritt sie einen Raum, schaut sie zuerst überall nach, ob irgendwo eine Spinne sitzt. Im Auto klappt sie stets kurz die Sonnenblende runter – dort könnte sich ja eine verstecken. Wenn sie eine Spinne auf einem Fensterbrett sieht, kann sie wochenlang nicht mehr an dieser Stelle vorbeigehen.

An diesem Samstagmorgen um acht Uhr steht die junge Frau, ich nenne sie Marianne, vor dem Haupteingang des Zoos und ist nahe daran, sofort wieder heimzufahren. «Worauf habe ich mich da nur eingelassen», sagt sie. Sie hat sich für ein vom Zoo Zürich angebotenes halbtägiges Angstseminar angemeldet. Es hat sie grosse Überwindung gekostet. «Für mich wäre es schon ein Erfolg, wenn ich am Ende des Kurses in einiger Entfernung an einer Spinne vorbeigehen oder das Bild einer Spinne anfassen könnte.» Als sie das Wort Spinne ausspricht, schaudert es sie.

«Wie soll ich einen Spray in die Hand nehmen, auf dem eine Spinne abgebildet ist?»Eine Teilnehmerin

Studien gehen davon aus, dass etwa zwanzig Prozent der Menschen grosse Angst vor Spinnen haben, bei einem Viertel von ihnen spricht man von einer eigentlichen Phobie, da diese Angst schwere körperliche Reaktionen hervorruft: unkontrollierbares Zittern, Schweissausbrüche, Herzrasen, Schwindel, Atemnot. Marianne gehört zu ihnen.

Dreizehn Frauen sitzen im Kreis und erzählen von ihren Ängsten. Sie sind unterschiedlich heftig, und die Frauen haben unterschiedliche Strategien dagegen entwickelt. Und sind allesamt damit gescheitert.

«Ich will die Spinnen nicht töten, kann aber den Keller nicht betreten, weil sie dort drin sitzen.»–«Ich muss in der Nacht aufstehen und Licht machen, um sicher zu sein, dass keine Zitterspinne in der Zimmerecke sitzt.»–«Wie soll ich einen Antispinnenspray in die Hand nehmen, wenn doch darauf eine Spinne abgebildet ist?»

Theorie: Biologe Samuel Furrer erklärt die Anatomie der Spinnen.

Ist es typisch, dass die einzigen beiden Männer im Raum die Kursleiter sind? «Die Männer sind auf alle Fälle stark in der Minderheit», sagt Biologe und Spinnenexperte Samuel Furrer. Und der Psychologe mit dem für sich sprechenden Nachnamen, André Angstmann, sagt: «Natürlich sind auch Männer von dieser Angst betroffen, aber wohl seltener – vor allem aber stehen wohl Frauen eher dazu.»

«Die Türen stehen offen, wird es jemandem zu viel, geht er einfach raus», sagt Angstmann, bevor er die erste Übung erklärt: ein Spinnenbild anschauen und ein Spinnenbild anfassen. «Ihr seid sehr fantasiebegabt», sagt er ohne Unterton. «Ihr stellt euch aufgrund eines Bildes plastisch vor, dass dieses Tier echt ist. Aber es ist nur Papier!»

«Natürlich sind Männer davon auch betroffen, aber wohl seltener.»André Angstmann, Psychologe

Marianne zuckt zusammen, als er sich ihr mit dem Blatt nähert. Er faltet es so, dass sie die Spinne nicht sieht. Auch Regula dreht das Blatt sofort um. Simone hält es so weit wie möglich von sich weg, schaut angestrengt seitwärts und wirft nur zwischendurch einen hastigen Blick auf das Bild. Viola stöhnt: «Wieso nur muss sie so hässlich sein.»

Ein gutes Stichwort. Zweite Übung: das Spinnenbild im Kopf umformen. Später wird der Psychologe erzählen, wie sich Negativbilder einprägen, seien diese angeboren oder angelernt. Seien diese sinnvoll oder irrational. «Stehen die Bilder einmal in der Bibliothek des Kopfes, bleiben sie dort auch», sagt er. Aber man könne andere hinzufügen und schliesslich mit etwas Übung die bedrohlichen ausblenden.

Annäherung: Die Haut einer Mexikanischen Rotknie-Vogelspinne.

«Humor ist dabei ein guter Helfer. Stellt euch eine Spinne vor, die euch irgendwie sympathisch ist. Am besten gebt ihr ihr gleich einen Namen.» Spinne Charlotte trägt einen Leopardenmantel, Fridolin ein gelbes Strampelpyjama. Dann kommt der grosse Auftritt von Elvira, einer Diva im weiten roten Mantel, die auf der Bühne des Opernhauses Ovationen entgegennimmt. Fredi dagegen ist einer, der ständig über eines seiner acht Beine stolpert und dann «Hoppla» sagt.

Samuel Furrers Spinne hat orange-schwarz gestreifte Beine und heisst Cassiopeia. Und sie ist real. Eine noch nicht ganz ausgewachsene, handflächengrosse Mexikanische Rotknie-Vogelspinne. Als er sie – wiederum nach ausführlicher Vorwarnung – in einem Terrarium in den Raum trägt, verlässt Marianne fluchtartig den Raum. Sie steht draussen, beide Hände vor dem Gesicht.

«Eine Spinne kann keinen Plan haben. Sie hat keine Absicht.»Samuel Furrer, Biologe

Auch Simone ist geflüchtet. Sie sitzt zusammengekauert auf der Treppe. Beide weinen. Ein paar andere haben ihren Stuhl so weit wie möglich vom Terrarium weggerückt. Viola und ihre Freundin kramen ihr Handy aus der Handtasche, nähern sich langsam, langsam, sind nun ganz nahe. Selfie mit Spinne. Und schnell wieder zurück an den Platz.

Furrer spricht ruhig über seine Spinne, erzählt, dass sie trotz ihrer acht Augen nur gerade hell und dunkel unterscheiden kann, hingegen dank ihrer Härchen an den Beinen kleinste Bewegungen in der Luft wahrnimmt. «Eine Spinne spürt im Estrich, wenn unten die Haustür aufgeht», sagt er. «Und sie verkriecht sich so schnell wie möglich.»

Stress: Noch ist es nur die Haut der Spinne.

Später wird er zeigen, dass Spinnen zwar ein recht grosses Herz und eine urtümliche Lunge haben, aber kein richtiges Gehirn. «Gut zu wissen», sagt Maria. «Eine Spinne kann keinen Plan, keine Absicht haben», verdeutlicht Furrer. Tatsächlich ein beruhigender Gedanke.

Überhaupt. Wie kann man nur Angst vor einem solch kleinen Tier haben? Diesen Satz hören Menschen, die sich vor Spinnen fürchten, oft. Und er ist nicht hilfreich. Im Gegenteil: «Die Angst könnt ihr nicht bekämpfen, die habt ihr einfach», sagt Angstmann.

«Und ist der Alarm ausgelöst, kommt ihr auch mit der Vernunft nicht dagegen an. Dann spult der Körper sein Programm ab.» Es gehe darum, es gar nie so weit kommen zu lassen, dass der Alarmknopf gedrückt wird.

«Unglaublich, dass ich das kann»

Phobien, das zeigen Theorie und Praxis, können relativ gut behandelt werden, indem sich Menschen schrittweise und kontrolliert ihren Ängsten stellen. Und freiwillig. In unserem Fall heisst das nun Übung drei. Samuel Furrer öffnet eine Schachtel, in der er abgelegte Häute von Vogelspinnen aufbewahrt. Marianne schreckt zusammen. Erst nimmt er nur ein kleines Teilchen raus, den Rückenteil. Wer will, kann ihn berühren.

Flauschig. Flauschig? Spinnen? Mehr Überwindung braucht es, als er eine ganze Haut samt Beinen hervorzieht. Federleicht ist sie auf der Hand. Und ja, wirklich flauschig. Iris hält die Hand hin und wird, für sie wohl selbst überraschend, durchgeschüttelt, als sie damit in Berührung kommt. Marianne hat sich gefasst und stupst das Ding ganz leicht mit dem Finger an. «Unglaublich, dass ich das kann», flüstert sie.

Sie kann es auch noch, als es wirklich ernst gilt. Nach langem Zögern, im zweiten Anlauf, hält sie tatsächlich eine lebendige Spinne auf der Hand. Cassiopeia benimmt sich anständig, krabbelt aber, wie es ihrer Art entspricht. Und Marianne hält sie aus. Bleich und zitternd zwar. Auch Simone zittert am ganzen Leib, nachdem sie die Spinne auf ihrer Handfläche gespürt hat. Stellt sich aber gleich wieder in die Reihe.

Staunen: Sie hat es geschafft.

«Nochmals. Ich kann das nochmals.» Am Schluss lächelt sie in ein Handy, während Cassiopeia schmuck auf ihrer Schulter sitzt. Maria überkommt beim ersten Versuch Panik. «Dabei war es doch schön», schluchzt sie. Beim zweiten Mal wirkt sie gelöst, fast schon entspannt. Iris schaut bis zum Schluss aus der Ferne zu.

Fast schon übermütig: Manche Teilnehmerinnen schliessen beinahe Freundschaft mit Spinne Cassiopeia.

Nun sitzt Cassiopeia wieder hinter Glas. Die Stimmung ist fast etwas feierlich. André Angstmann warnt vor zu grosser Euphorie. Damit das anhält, müsst ihr üben. «Täglich, drei bis sechs Wochen lang.» Viola speichert ihr Selfie mit Spinne als Handyhintergrund. Und die Zitterspinne, die abends in der Ecke des Schlafzimmers ihren Faden spinnt, stolpert über ihre grausig langen Beine und sagt: «Hoppla.»


Der Zoo Zürich bietet regelmässig solche Spinnen- oder auch Schlangenangstseminare an. Ein weiterer Anbieter in der Region ist das Psychologische Institut der Universität Zürich.

Erstellt: 24.11.2019, 23:39 Uhr

Woher kommt die Angst vor Spinnen?

Die Angst vor Spinnen ist weit verbreitet und eine der häufigsten Ängste überhaupt. Allerdings scheint sie in Westeuropa und Nordamerika häufiger als anderswo. Es gibt mehrere Theorien, aber keine abschliessende Erklärung, weshalb sich so viele Menschen vor Spinnen ekeln oder ängstigen, obwohl diese in unseren Breitengraden weit weniger gefährlich als etwa Wespen oder Bienen sind.

Zum einen ist die Rede von Urängsten, die uns angeboren sind. Alle Spinnen sind giftig, allerdings sind die meisten für den Menschen absolut harmlos. Andere Psychologen verweisen darauf, dass die Spinnen vom Aussehen her stark von dem uns bekannten Körperschema abweichen, was in uns Ekel erregt oder Angst macht. Das plötzliche Auftauchen einer Spinne in Körpernähe, wenn sie sich an einem Faden hängend von der Decke herunterlässt, und die schnellen, nicht vorhersehbaren Bewegungsänderungen können auch Menschen ohne ausgeprägte Spinnenangst erschrecken. Spinnenangst kann natürlich auch erlernt werden, wenn Eltern eines Kleinkindes darunter leiden.

Die Spinnen hatten bei uns bereits im Altertum einen schlechten Ruf. Sie galten als Unglücksbringer. Im Mittelalter wurden sie häufig als Begleittier vermeintlicher Hexen abgebildet. Die schlechte Presse zieht sich bis heute hin: In «Biene Maya» lehrt die Kreuzspinne Thekla den Kleinen das Fürchten, im Epos «Der Herr der Ringe» ist die Riesenspinne Kankra ein durch und durch böses Geschöpf. Immerhin: Spider-Man ist ein Guter. In manchen Kulturen wird die Spinne aber auch verehrt, etwa als Weltenweberin. So steht in der indischen Mythologie das Spinnennetz für die kosmische Ordnung. In China gilt die Spinne als Glückstier. (net)

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