Stadt Zürich geht gegen Puffs vor

Im Kampf gegen die Auswüchse der Prostitution an der Häringstrasse geht Zürich mit baurechtlichen Mitteln gegen Sexsalons in einer Problemliegenschaft vor.

Bald Lichterlöschen im «Adventskalender» an der Häringstrasse? Die Baubehörde der Stadt Zürich will mehr Wohnungen und weniger Sexsalons.

Bald Lichterlöschen im «Adventskalender» an der Häringstrasse? Die Baubehörde der Stadt Zürich will mehr Wohnungen und weniger Sexsalons. Bild: Doris Fanconi

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«Adventskalender»: So wird die Liegenschaft an der Häringstrasse 17 im Volksmund genannt. Wegen der vielen rot beleuchteten Fenster, die Freiern den Weg zu den Prostituierten weisen sollen. Das Haus mit seinen vielen Sexetablissements gilt als eine Art Epizentrum des Dörfli-Strichs, der in den vergangenen Monaten wegen der ausufernden Strassenprostitution immer wieder für Schlagzeilen sorgte.

Doch bald könnte es an der Häringstrasse 17 zum Lichterlöschen kommen. Die Stadtzürcher Baubehörde ist gegen die Bordelle aktiv geworden. «Die Bausektion hat sich mit Entscheid vom 22. Januar 2013 dagegen ausgesprochen, dass diejenigen Räumlichkeiten, die erst vor wenigen Jahren etabliert wurden, weiterhin sexgewerblich genutzt werden dürfen», heisst es in dem Beschluss der Behörde, der die Stadtratsmitglieder André Odermatt (SP), Andres Türler (FDP) und die derzeit krankgeschriebene Ruth Genner (Grüne) angehören. Die Bausektion hat deshalb Massnahmen zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung des rechtmässigen Zustands angeordnet. Sprich: weniger Sexsalons, mehr Wohnungen.

Bereits ein Rekurs

Wie viele und welche Bordelle an der Häringstrasse 17 auf behördliches Geheiss zu Wohnungen umfunktioniert werden müssen, ist unklar. Sie könne keine weiteren Angaben zum Inhalt des Entscheids machen, da es sich um ein laufendes Verfahren handle, sagt Martina Vogel, Sprecherin des Hochbaudepartements von André Odermatt. Bereits sei ein Rekurs gegen den Entscheid eingegangen. Fest stehe, dass die Stadt die Nutzung des Gebäudes entsprechend der Bau- und Zonenordnung (BZO) verlange. Die BZO legt seit dem Jahr 2000 fest, dass sexgewerbliche Betriebe in Gebieten mit einem Wohnanteil von mindestens 50 Prozent unzulässig sind.

Möglich ist allerdings, dass bei gewissen Etablissements in dem Haus die sogenannte Bestandesgarantie zum Tragen kommt. Diese gilt für Salons, die bereits seit vielen Jahren ununterbrochen in einem Haus eingemietet sind und noch zu einer Zeit eingerichtet wurden, als anderes Recht galt. Laut Bundesgericht verwirkt im Bereich des Baurechts der Anspruch der Behörden auf Wiederherstellung des rechtmässigen Zustandes grundsätzlich nach 30 Jahren, wie Martina Vogel sagt.

Das Domizil der Prostituierten an der Häringstrasse 17 gehört seit 2005 dem Uetiker FDP-Gemeinderat Marco Zolin-Meyer. Dieser geriet deswegen in seiner Wohngemeinde politisch unter Druck. Laut dem «Beobachter» ist die Liegenschaft an eine Israeli mit einer Firma in Kreuzlingen vermietet. Zolin-Meyer wollte sich gestern auf Anfrage nicht zu der Angelegenheit äussern.

Anwohner erleichtert

Mit dem baurechtlichen Vorgehen gegen die Bordelle an der Häringstrasse 17 reagiert die Stadt auf Klagen von Anwohnern und Gewerbetreibenden. Diese hatten sich vehement über die ausufernde Prostitution in dem Gebiet beschwert. Dabei kritisierten sie auch, das Haus mit seinen Prostituiertenzimmern sei ohne Baubewilligung ausgebaut worden, der Mindestwohnanteil werde deutlich unterschritten. Die Mieterin habe alle Wohnungen so umgebaut und teils mit Trennwänden unterteilt, dass pro Wohnung mehrere Prostituierte ihrem Gewerbe nachkommen könnten. Dies sei der Hauptgrund, weshalb die Zahl der Prostituierten stark zugenommen habe. Laut den Anwohnern könnte eine Reduktion der Arbeitszimmer zu einer bedeutenden Abnahme der Zahl der Prostituierten in dem Gebiet führen.

Entsprechend erleichtert zeigt sich ein Sprecher der IG Zähringerstrasse, die gegen die Auswüchse der Prostitution im Quartier kämpft und der auch mehrere Hotelbesitzer angehören. Es sei gut, dass die Stadt auch auf baurechtlichem Weg zur Beruhigung der Situation beitragen wolle. Laut dem IG-Sprecher ist es in der Zähringerstrasse in letzter Zeit merklich ruhiger geworden, was er auf Polizeikontrollen, aber auch auf die Barriere zurückführt. Mit dem «Freierbalken» – Kostenpunkt: 20'000 Franken pro Monat – schränkt die Stadt seit letztem November den nächtlichen Autoverkehr ein. Geplant ist auch eine zeitliche Beschränkung des Strassenstrichs im Niederdorf.

Erstellt: 08.03.2013, 07:25 Uhr

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