Stadt plante eine Zwischennutzung – dann kamen die Besetzer

Die Asylorganisation Zürich will eine der beiden Juch-Baracken vermieten. Jetzt ist diese besetzt – und wohl wegen des neuen ZSC-Stadions beschädigt.

In der Baracke auf der rechten Seite soll eine Zwischennutzung einziehen – doch jetzt senkt sie sich ab und ist erst noch besetzt. Foto: Dominique Meienberg

In der Baracke auf der rechten Seite soll eine Zwischennutzung einziehen – doch jetzt senkt sie sich ab und ist erst noch besetzt. Foto: Dominique Meienberg

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Als eine Mitarbeiterin der Asylorganisation Zürich (AOZ) am letzten Donnerstagnachmittag das Juch-Areal betreten will, staunt sie nicht schlecht: Mit Transparenten zugehängte Zäune und vermummte Besetzer hindern sie an ihrem Vorhaben. Mittlerweile ist das Gelände am Rande von Altstetten seit einer Woche besetzt.

Der Grund des Besuchs der Angestellten war die zukünftige Nutzung des Areals, wie AOZ-Direktor Thomas Kunz sagte. Jetzt zeigt sich, dass damit nicht nur die geplante Wiedereröffnung als Unterkunft für Flüchtlinge gemeint ist. Die Besichtigung sollte vielmehr stattfinden, weil im kleineren der beiden noch vorhandenen Trakte eine Zwischennutzung vorgesehen ist.

Vorteil Zwischennutzung

Die AOZ-Mitarbeiterin wurde von zwei Vorstandsmitgliedern des Vereins Zitrone begleitet. Das Ziel dieses gemeinnützigen Vereins ist es laut Website, in der Stadt Zürich mittels Zwischennutzungen Freiräume für Freiberuflerinnen und Freiberufler sowie Kultur- und Kunstschaffende anzubieten.

Man sei mit verschiedenen potenziellen Zwischennutzern im Gespräch, unter anderem auch mit dem Verein Zitrone, bestätigt AOZ-Direktor Thomas Kunz. Geplant war, das kleinere Gebäude auf dem Areal innerhalb weniger Wochen instand zusetzen und dann der Zwischennutzung zu übergeben.

Diese hätte klare Vorteile für die AOZ, sagt Kunz: Die entsprechenden Verträge wären schneller wieder kündbar als etwa bei einer Nutzung als Wohnraum. «So muss man keine Leute auf die Strasse stellen», sagt Kunz. Und das Gebäude könne als Reserve in der Hinterhand bleiben.

Doppelt überrumpelt

«Mit fehlenden Reserven haben wir schlechte Erfahrungen gemacht», sagt Kunz. Anfang 2016 musste die AOZ in der Messehalle 9 in Oerlikon ein Übergangszentrum mit 250 Plätzen in Betrieb nehmen, um den Bedarf an Unterkünften zu decken.

Jetzt macht vermutlich die Swiss-Life-Arena einen Strich durch die Rechnung der AOZ: Wohl wegen der Riesenbaustelle senkt sich just jenes kleinere Gebäude ab, in dem die Zwischennutzung vorgesehen ist. Der Verdacht, der bereits letzte Woche aufgekommen ist, bestätigte sich Anfang dieser Woche bei einer Begehung durch Baufachleute und Vertreter der Stadionbaustelle. Diese sei von den Besetzern geduldet worden, sagt Kunz. «Erst das beschädigte Gebäude, jetzt die Besetzung – wir sind auf dem Juch-Areal gleich doppelt überrumpelt worden.»

«Wir wissen im Moment nicht, ob unsere Pläne auf dem Areal noch realisierbar sind.»Thomas Kunz, AOZ-Direktor

Jetzt müsse man bezüglich des kleineren Trakts verschiedene Abklärungen vornehmen, sagt Kunz. Das grössere Gebäude soll instand gestellt werden, um es wieder für die Unterbringung von Flüchtlingen zu nutzen. Es biete Platz für rund 50 Menschen. Aber auch die Stabilität der grösseren Baracke müsse überprüft werden.

Die von der FDP und der SVP befürchtete längerfristige Besetzung des Juch-Areals könnte damit schon bald kein Thema mehr sein und ihre Forderung nach einer Räumung umgesetzt werden. AOZ-Direktor Kunz bleibt bei der Aussage von letzter Woche: Man müsse in den nächsten Tagen mit verschiedenen städtischen Stellen beurteilen, ob eine solche angebracht sei. «Wir haben Pläne auf dem Areal, wissen aber im Moment nicht, ob sie noch realisierbar sind.»

Erstellt: 07.11.2019, 12:40 Uhr

«Ohrenbetäubendes Schweigen»

Die Besetzung des Juch-Areals in Altstetten beschäftigt nun auch das Zürcher Stadtparlament. In einer Fraktionserklärung forderte die SVP am Mittwochabend die sofortige Räumung des Areals und damit verbunden eine Personenkontrolle, «damit die Besetzerszene für allfällige Schäden und staatlichen Aufwand zur Rechenschaft gezogen werden kann». Es könne nicht angehen, dass Einbruch, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigungen toleriert würden und die Polizei nicht einschreiten dürfe.

Die SVP reichte zudem eine dringliche Schriftliche Anfrage zur Besetzung der ehemaligen Asyl- und Gastrarbeiterunterkünfte ein. So will sie unter anderem wissen, wer diese toleriere: Ist es die AOZ als Mieterin oder die Stadt als Eigentümerin? FDP-Fraktionschef Michael Schmid kritisierte im Parlament das «ohrenbetäubende Schweigen» des Stadtrats in dieser Sache. Es gehe nicht an, dass sich die Stadt als Eigentümerin des Areals aus der Verantwortung stehle.

Darauf meldete sich Sozialvorsteher Raphael Golta (SP) kurz zu Wort. Eine neue Nutzung auf dem Juch-Areal sei in Planung und diese werde vorangetrieben. Im übrigen gelte die städtische Besetzungspolitik «wie eh und je». Das heisst, dass besetzte Privatgrundstücke nur geräumt werden, wenn ein konkretes Bauprojekt in Aussicht steht.

AL und Grüne ihrerseits richteten den Fokus auf das neue Bundesasylzentrum im Duttweilerareal, den Ersatz für das Zentrum Juch. Laut Ezgi Akyol (AL) gibt es bereits Klagen von Bewohnerinnen und Bewohnern über ein angeblich zu repressives Regime im Bundesasylzentrum. Die Rede sei «von einem Guantanamo». Luca Maggi (Grüne) erinnerte den Stadtrat an die politische Forderung nach einem offenen Asylzentrum. Dafür müsse er sich jetzt beim Bund einsetzen. (mth)

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