Stadt überlässt Gerold-Areal einem Grundbesitzer, Mieter fühlen sich abgezockt

Nutzer der Gebäude kritisieren, die Stadt mache einem Grundbesitzer fragwürdige Geschenke. Damit wolle sie sich in Zürich-West den Platz für das neue Kongresszentrum sichern.

«Die Mieten entsprechen dem Marktumfeld»: Blick von der Hardbrücke auf die Geroldstrasse 35:

«Die Mieten entsprechen dem Marktumfeld»: Blick von der Hardbrücke auf die Geroldstrasse 35: Bild: Reto Oeschger

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Peter M.* hat, was die Stadt unbedingt will. Dem Altmetallhändler aus Wollerau gehört ein Teil des Geroldareals, auf dem der Stadtrat das neue Kongresszentrum hinzustellen plant. Als einzige Alternative bleibt der Carparkplatz beim Hauptbahnhof – doch dort fehlt es an Raum.

Die Übernahmeverhandlungen harzen; kürzlich hat die Stadt einen erfahrenen Krisenmanager eingesetzt. Er soll Peter M. von einer Zusammenarbeit überzeugen, auf die der Besitzer nicht angewiesen ist. Für eines der zentralsten Grundstücke im Kreis 5 mangelt es kaum an Interessenten. Lehnt er ab, droht ein jahrelanges Auswahlverfahren erneut zu scheitern. Um dies zu verhindern und Peter M. bei Laune zu halten, habe ihm die Stadt kürzlich ein Geschenk gemacht, behaupten übereinstimmend mehrere Mieter der Geroldstrasse 31 bis 35 – ein Geschenk in Millionenhöhe.

Mieterhöhung im Jahr 2009

Peter M., der grossen Wert auf Diskretion legt, ist nicht nur Eigentümer; er verwaltet auch die Häuser an der Geroldstrasse 31 bis 35, die den westlichen Rand des Areals bilden. Seit Ende 2008 gehört das 5000-Quadratmeter-Grundstück der Stadt. Für 9,5 Millionen Franken hat sie es der Erdgas Zürich AG abgekauft, um sich «eine Landreserve an attraktiver Lage» zu sichern. Der Kauf beinhaltete die Übernahme des geltenden Mietvertrags über die ganze Fläche. Der Zins für Peter M., der das Areal seit 2003 bewirtschaftet, belief sich Ende 2008 auf jährlich 215'790 Franken. So steht es in den öffentlich zugänglichen Unterlagen.

Peter M. vermietet die früheren Industriegebäude an das Restaurant Rosso, den Musikclub Helsinki, den Möbelladen Bogen 33, verschiedene Ateliers, Büros und einige Bewohner. Vor gut zwei Jahren verschaffte sich die IG Gerold – ein Zusammenschluss der meisten Nutzer – einen Überblick darüber, wie viel sie zusammen für die Miete aufwenden. 80 Prozent der Zahlen konnten sie erfragen, die restlichen 20 Prozent schätzten sie «konservativ». Der Betrag belief sich auf 623'000 Franken. Vor einer Mieterhöhung Anfang 2009 waren es noch 487'000 Franken gewesen.

Beispiellose Lösung der Stadt

Die IG kommt deshalb zum Schluss, dass Peter M. zwischen 2009 und 2011 jährlich 408'000 Franken mit der Weitervermietung von städtischem Besitz verdient hat. Gemäss Aussagen mehrerer Mieter hat er von diesem Geld wenig in den Unterhalt investiert. «Wir machen fast alles selber», heisst es unisono. Viele hätten mehrere 10'000 Franken ausgegeben.

Ende 2011 lief der Vertrag mit Peter M. aus. Die Stadt hätte ihn nicht zu verlängern brauchen. Darauf hatte die IG Gerold hingearbeitet. In Verhandlungen versuchte sie die Liegenschaftenverwaltung zu überzeugen, ihnen die Räumlichkeiten direkt zu vermieten. Ohne Erfolg. Peter M. bekam den Zuschlag für fünf weitere Jahre. Diese Lösung scheint zumindest ungewöhnlich. Normalerweise verwaltet die Stadt ihre Häuser selber; ein Beispiel für eine ähnliche Situation kann sie denn auch nicht angeben.

Mieter sprechen von «Skandal»

Kurz nach Vertragsabschluss verkündete Peter M. einen Preisaufschlag. Die Mieter sprechen von Erhöhungen von bis zu 20 Prozent – einige wehrten sich dagegen. Begründet habe Peter M. die Massnahme damit, dass die Stadt seinen Anteil hinaufgesetzt habe. Nachprüfen kann dies niemand. Zwar heisst es in den Grundsätzen der Liegenschaftenverwaltung, dass Mieter «auf Verlangen Einsicht in die Berechnungsgrundlagen ihres Mietzinses, in die aktuelle Bilanz und in die Rechnung der Liegenschaft» erhalten. Doch trotz Nachfragen haben die Nutzer des Erdgasareals bisher nicht erfahren, wie viel Peter M. neu für den Zins bezahlt.

Die Mieter sprechen deshalb von einem «Skandal». Kritisiert wird weniger Peter M. Dieser handle als Geschäftsmann und habe auf dem Areal einen geschickten Mietermix eingerichtet. Im Visier steht die Stadt, die zulasse, dass Steuerzahler «abgezockt» würden. Ausserdem entgingen der Allgemeinheit Einnahmen, da die Stadt auf einen Teil des Gewinns verzichte, den Peter M. erwirtschafte. Als Erklärung für das ungewöhnliche Vorgehen nennen alle die gleiche Theorie: Peter M. werde finanziell bevorzugt, damit er bei den Verhandlungen ums Kongresszentrum «dranbleibe».

«Angemessener Gewinn»

Die Stadt dementiert diesen Zusammenhang. «Herr M. war bereits Mieter, als die Stadt das Areal erwarb. Mit seinem Nachbargrund hat er aus der Geroldstrasse einen lebendigen Ort mit kulturellem und Gewerbenutzen gemacht», sagt Arno Roggo, Chef der Liegenschaftenverwaltung. Deshalb sei es nahe gelegen, ihm die Häuser weiterzuvermieten. Peter M. bezahle schon lange mehr als 215'000 Franken fürs Grundstück – dieser Betrag sei «kalter Kaffee». Wie hoch der Zins liegt, wollen aber weder Arno Roggo noch Peter M. sagen. «Privatrechtliche Verträge» unterlägen dem Datenschutz. «Der Gewinn von Herrn M. bewegt sich nach unseren Informationen aber in angemessenem Rahmen», versichert Roggo. Schliesslich habe Peter M. mit dem Vertrag auch Eigentümerpflichten übernommen: «Die Unterhaltspflicht liegt bei ihm.»

Peter M. bestreitet, die Mieten um bis zu 20 Prozent angehoben zu haben. «Diese Zahl liegt massiv zu hoch.» Er habe die Preise lediglich dem «aktuellen Marktumfeld» im Quartier angepasst. Dieses sei attraktiver geworden, wozu auch sein «nachhaltiger Mietermix» beigetragen habe. Einzig bei den Park- und Garagenplätzen sei er um etwa 20 Prozent hinaufgegangen. Die Preise bewegten sich aber immer noch unter dem Durchschnitt in Zürich-West.

In seiner Stellungnahme an den TA schreibt der Vermieter, dass er sehr wohl «umfangreiche Investitionen in die Infrastruktur und die Erhaltung der architektonischen Schönheit der Mietobjekte vorgenommen habe». Die Mieterschaft des Areals könne sich auf ein gut funktionierendes Umfeld verlassen, das «von Respekt, Vertrauen und geschäftlicher Fairness geprägt ist». Dass während der vergangenen acht Jahre fast keine Mieterwechsel stattgefunden hätten, bestätige dies. Darauf antwortet ein Mieter: «Wo sollen wir denn sonst hingehen? Die Lage hier ist einzigartig.»

Schleppende Verhandlungen

Zu den Verhandlungen in Sachen Kongresszentrum heisst es von beiden Seiten einzig: «Sie sind am Laufen.» Wie schleppend sie das tun, zeigt nicht nur die Berufung eines Krisenmanagers. Noch im letzten Juni rechnete der Stadtrat damit, die Gespräche spätestens Ende 2011 abzuschliessen. Derzeit wagt niemand eine Prognose.

Ein Nachteil ist, dass die Stadt mit eingeschränktem Spielraum verhandelt, da sie den Preis für den Kauf der Grundstücke später in einer Volksabstimmung rechtfertigen muss. Nur ein Joker bleibt den Behörden. Jeder private Investor, der auf dem Geroldareal eine hohe bauliche Dichte erzielen will, braucht dazu eine Sonderbewilligung. Deren Ausstellung könnte die Stadt zu verweigern versuchen.

*Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 22.03.2012, 07:30 Uhr

(Bild: TA - Grafik)

Kommentar

Das Kongresszentrum ist eine Zürcher Passionsgeschichte: Nach dem Debakel am See schien die Stadt endlich den perfekten Ort gefunden zu haben: das Geroldareal. Doch nicht alle jubeln mit. Zumindest ein Grundeigentümer zögert. Und schon wankt das ganze Vorhaben.

Man würde also verstehen, wenn der Stadtrat den Eigentümer mit einem Gefallen umzustimmen versucht hätte. Und ihm deshalb das lukrative Erdgas-Areal für fünf weitere Jahre angeboten hätte. Gerade weil der Verdacht auf Begünstigung so nahe liegt, hätte die Stadt umsichtig agieren müssen, um so jedes Misstrauen zu beseitigen. Passiert ist das Gegenteil: Die Liegenschaftenverwaltung blockte die Mieter ab, verweigerte ihnen geschuldete Auskünfte über den Areal-Zins und schürt so Zweifel. Sie scheint zudem selber nicht genau zu wissen, wie viel Geld der Eigentümer mit der Weitervermietung von städtischem Eigentum verdient. Um besser informieren zu können, hätte die Stadt im Vertrag mehr Transparenz durchsetzen sollen. Die delikate Situation hätte dies gerechtfertigt.

Es ist gut möglich, dass die Kongresshaus-Frage bei der Vergabe des Erdgas-Areals keine Rolle gespielt hat. Die Stadt tut jedoch alles dafür, dass man daran zweifelt. (Beat Metzler)

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