Stadtpolizisten setzten Taser gegen eine verwirrte Seniorin ein

Die Polizei stellte 2006 eine 66-Jährige mit einer Elektroschockpistole ruhig, damit sie in eine Klinik überführt werden konnte. Der anwesende Psychiater hält dies für eine unverhältnismässige Rambo-Aktion.

Elektroschockpistolen werden auch in der Schweiz immer häufiger eingesetzt. Die Zürcher Kantonspolizei will weitere 80 davon anschaffen. Foto: Dukas

Elektroschockpistolen werden auch in der Schweiz immer häufiger eingesetzt. Die Zürcher Kantonspolizei will weitere 80 davon anschaffen. Foto: Dukas

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Notfallpsychiater Martin Paris (65) aus Zürich ist ein bedächtiger Mann mit grosser Berufserfahrung. Einen Taser-Einsatz der Stadtpolizei von 2006, an dem er dabei war, hat Paris bis heute nicht verdaut. Die Ereignisse kommen ihm wieder hoch. Vor allem jetzt, wo die Kantonspolizei 80 neue Elektroschockpistolen anschaffen will und immer mehr Gemeindepolizisten einen solchen Taser am Gürtel tragen.

Als Pikettpsychiater hätte Martin Paris im Auftrag des Hausarztes eine 66-jährige, geistig verwirrte Frau in die Klinik einliefern sollen. Die Frau wohnte in einem Mehrfamilienhaus mit balkonartigem Gang, von dem aus man in die Küche sehen konnte. «Ich läutete um 21 Uhr mehrfach, sie öffnete nicht», erzählt Paris. Durchs geschlossene Fenster sah er eine gebrechliche Frau. «Ich versuchte ihr klarzumachen, dass ich von ihrem Hausarzt geschickt werde und ebenfalls Arzt sei – dass ich helfen wolle, weil es ihr nicht gut gehe.» Die Frau reagierte unwirsch und schimpfte: «Fahren Sie ab. Ich habe Sie nicht bestellt.»

Ein Hämmerchen als Waffe

Paris hat gelernt, dass Patienten unterschiedlich auf Berufsgattungen und Uniformen reagieren. «Die einen sind eingeschnappt gegenüber Ärzten und ziehen Polizisten vor. Oder Frauen erreichen, was Männern nicht gelingt – und umgekehrt.» Paris bot deshalb die Sanität auf in der Hoffnung, dass eine Frau dabei ist. Doch die ältere Frau schimpfte weiter durchs geschlossene Küchenfenster und fuchtelte mit einem kleinen Rüstmesser sowie mit einem Hämmerchen zum Bilderaufhängen herum.

Nun bot die Sanität ohne Rücksprache mit dem Psychiater die Stadtpolizei auf, die später mit einem immer grösseren Aufgebot eintraf, inklusive Sondereinheit. Nach 22 Uhr waren zehn Beamte vor Ort. Die Polizisten gingen vor und hinter dem Haus taktisch in Position. Mit einem Schlüssel des Hauswarts konnten sie die Wohnung aufschliessen. Keiner der Polizisten hatte mit dem Psychiater Kontakt aufgenommen.

«Ich sah vom Balkon aus, wie zwei Polizisten in geduckter Haltung vor der Tür in Angriffsstellung gingen, der vordere machte irgendeine Waffe einsatzbereit.» Der Psychiater wusste damals noch nicht, was ein Taser ist. Weder Sanität noch Polizei hatten ihn über das Vorgehen informiert, eine Ansprechperson gab es nicht. «Diese ausgemergelte, zittrige Frau war trotz Hämmerchen so ungefährlich und harmlos, wie ein Mensch nur sein kann», sagt Paris. «Hätte ich gewusst, was nun folgt, und hätte mich die Polizei gelassen, wäre ich ohne Angst durch die offene Tür zur Frau gegangen und hätte sie zu beruhigen versucht», sagt Paris. «Zudem war der Fall überhaupt nicht dringend. Wäre ich nicht an die Frau herangekommen, hätte ich am nächsten Morgen mit dem Hausarzt Kontakt aufgenommen.»

«Sie fiel sofort zu Boden»

Plötzlich öffnete die Polizei auf Kommando die Tür, und ein Polizist der Sondereinheit feuerte den Taser auf die Frau ab. «Sie fiel sofort zu Boden, vier Polizisten stürzten sich auf sie, drehten sie um und fesselten sie mit Handschellen auf dem Rücken», erinnert sich Paris. Als die Frau wieder einigermassen auf den Füssen war, schoben die Polizisten sie wortlos vor sich her und fuhren sie zum Unispital zur Kontrolle.Martin Paris, der jahrzehntelang als Notfallpsychiater Pikettdienst leistete und schon viele Personen einweisen musste, ist überzeugt: «Ohne den Taser wäre der Einsatz ruhiger und menschlicher abgelaufen – und vor allem weniger lebensgefährlich.» Die Beamten seien von dieser psychiatrischen Situation völlig überfordert gewesen, «von bedächtigem Abwägen keine Spur».

Die Bilanz des Psychiaters: «Bei dieser gebrechlichen, psychisch kranken Frau war der Einsatz über mehrere Etappen falsch gelaufen: fehlende Kommunikation, völlig überrissener Einsatz des Tasers, tendenziöse interne Rapportierung, Verweigerung einer Nachbesprechung mit dem Notfallarzt.» Einzige Nachbereitung aus Sicht von Martin Paris: Morgens um drei bekam er von der Stadtpolizei in seiner Praxis einen Anruf mit der Frage: «Fühlten Sie sich bedroht?» Der Beamte hatte offenbar den Auftrag, mitten in der Nacht das Gefahrenpotenzial der Frau zu dokumentieren. Der erstaunte Paris sagte: «Nicht im Geringsten.» Ausserdem folgte ein Briefwechsel mit der damaligen Polizeivorsteherin Esther Maurer (SP). «Sie antwortete mit einer über dreiseitigen, geschönten Darstellung», sagt Paris, «die Ausgangslage wurde passend gemacht. Mein Widerspruch war unerwünscht.»

Stapo: «Einsatztaktisch richtig»

Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, bestätigt den Fall, beurteilt die Fakten aufgrund der Rapporte im Archiv aber anders. Es habe eine «akute Eigengefährdung» der Frau vorgelegen, die überdies psychisch schwer angeschlagen gewesen sei. «Die Situation war für uns und für die Frau gefährlich und unberechenbar. Sämtliche Bemühungen, mit ihr ins Gespräch zu kommen und sie dazu zu bewegen, den Hammer und das Messer wegzulegen, sind gescheitert.»

Die Stadtpolizei habe den Einsatz nachträglich geprüft: «Er war regelkonform, verhältnismässig und einsatztaktisch richtig.» Generell werde der Taser bei psychisch angeschlagenen Personen «immer dann verwendet, wenn es keine milderen Möglichkeiten gibt». Für Cortesi ist nachvollziehbar, dass der Psychiater den Einsatz anders beurteilt. «Doch die Verantwortung, dass der Frau möglichst wenig passiert und unsere Leute den Einsatz unverletzt überstehen, liegt bei der Polizei und nicht beim Arzt.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.08.2013, 08:38 Uhr

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Grüne fordern ein Taser-Kaufverbot

Seit 2004 verwenden die Kantonspolizei, die Stadtpolizei Zürich und seit etwa 2010 auch mindestens ein Dutzend Stadt- und Ortspolizeien die Elektroschockpistole. Diese ist nicht viel grösser als eine konventionelle Pistole. Mit einem 50 000-Volt-Stromstoss kann sie eine Person für ein paar Sekunden lähmen. Nach Ansicht der Polizeien ist der Taser eine Alternative zu Schusswaffen. Das Verletzungsrisiko für die Angeschossenen sei kleiner und der Schusswaffeneinsatz könne damit reduziert werden.
Seit dieser Woche regt sich erneut Widerstand gegen den Taser. Am Wochenende wurde bekannt, dass die Kantonspolizei neue Taser anschaffen will und über 100 weitere Beamte der Regionalpolizeien damit ausrüsten will. Gleichzeitig wurde bekannt, dass in Miami ein kolumbianischer Graffitikünstler, der auf der Flucht mit einem Taser angeschossen wurde, verstarb. Der Mann hatte offenbar einen Schlaganfall erlitten. Gemäss Mitteilung von Amnesty International sind in den USA schon mehrere Hundert Personen nach Taser-Einsätzen ums Leben gekommen. Die Befürworter argumentieren, dass die Zahl der Opfer beim Einsatz von Schusswaffen höher wäre. Ausserdem seien oft sekundäre Gründe für den Tod verantwortlich (Sturz, Schock).
Im Kantonsrat hat die Grüne Esther Hildebrand (Illnau-Effretikon) nun ein Postulat eingereicht, in dem sie fordert, dass die Kantonspolizei auf den Kauf von 80 neuen Tasern verzichtet. Der Taser werde «verharmlost, sowohl vonseiten der Polizei, aber auch seitens des Regierungsrats». Man wolle im Kanton Zürich keine «Rambo-Kapo».

Pikant an Hildebrands Forderung ist, dass sie die Frau von Justizdirektor Martin Graf (Grüne) ist, der wiederum bis Frühling 2011 Stadtpräsident von Illnau-Effretikon war. Wie die zuständige Sicherheitsvorsteherin in Illnau-Effretikon, Salome Wyss, bestätigt, verfügt auch die dortige Stadtpolizei über Taser. Die brisante Frage stellt sich nun in Illnau-Effretikon, ob die Taser noch unter Martin Graf angeschafft wurden oder erst unter seinem Nachfolger. Diese Frage, die weder von der Stadtpolizei noch von der zuständigen Stadträtin beantwortet wird, ist Gegenstand einer Interpellation von Juso-Gemeinderat Fabian Mollina.

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