Stadtrat sieht kein Problem mit Zweitwohnungen

In Zürich gibt es 8400 Zweitwohnungen. Handlungsbedarf sieht die Stadtregierung allerdings keinen. Auch Airbnb spiele «nur eine marginale Rolle».

Hotspot der Zürcher Zweitwohnungen: das Lindenhofquartier.

Hotspot der Zürcher Zweitwohnungen: das Lindenhofquartier. Bild: Urs Jaudas

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Sie sind ein heisses Eisen in der Zürcher Wohnbaupolitik: Zweitwohnungen, Businessapartements und Airbnb-Unterkünfte. Linke und Grüne stören sich an solchen Wohnungen, in denen keine Zürcher wohnen. Ihrer Ansicht nach zerstören sie dringend benötigten Wohnraum, treiben die Mietpreise in die Höhe und tragen zu einer Verödung der Innenstadt bei. Deshalb fordern die rot-grünen Politiker seit längerem von der Stadt, die Entwicklung zu bremsen. Die SP pocht zudem auf die Einführung einer Abgabe auf Zweitwohnungen.

Jetzt hat die Stadt neue Zahlen zu den kalten Betten in Zürich präsentiert. Laut der heute Mittwoch veröffentlichten Studie, welche das Beratungsunternehmen Fahrländer Partner im Auftrag der Stadt erstellt hat, sind von insgesamt rund 220'000 Wohnungen 8400 so genannte Zweitwohnungen, also knapp 4 Prozent.

Gemäss Definition im Zweitwohnungsgesetz des Bundes sind damit Wohnungen ohne registrierte Bewohnerinnen und Bewohner gemeint. Von den 8400 sind 6550 private Zweitwohnungen, der Rest bewirtschaftete Appartements. Nicht zu den Zweitwohnungen zählen unter anderem Wohnungen, die von Personen mit Wochenaufenthalt oder von Studierenden gemietet werden.

Immer mehr Zweitwohnungen?

Die Zahl von 8400 Einheiten entspricht einer klaren Zunahme. Vor zwei Jahren waren die städtischen Statistiker noch von 7200 Wohnungen als Zweitunterkunft ausgegangen, was damals 3,3 Prozent aller Wohnungen entsprach. Der Vergleich ist allerdings zu relativieren, weil die Zählmethode geändert habe. In den nächsten Jahren rechnet der Stadtrat damit, «dass in der Stadt Zürich Angebot und Nachfrage bezüglich Zweitwohnungen leicht steigen werden.»

Der Zweitwohnungsanteil müsse prozentual nicht zwingend wachsen, weil auch das Gesamtangebot an Wohnungen steige. Dieses Wachstum des Gesamtangebots schätzt der Stadtrat in den nächsten Jahren auf jährlich 1 Prozent.

Jede fünfte Wohnung im Hochschulquartier

Laut dem Bericht des Büros Fahrländer Partner gibt es zwischen den einzelnen Quartieren beträchtliche Unterschiede. Hohe Anteile an Zweitwohnungen weisen insbesondere die zentral gelegenen Quartiere Hochschule und Lindenhof auf. Hier betrug der Zweitwohnungsanteil letztes Jahr rund 20 Prozent. Anteile von 11 und 15 Prozent weisen auch die Quartiere City und Rathaus auf.

Bei den Businessapartements beträgt der Anteil gemessen am Gesamtwohnungsbestand 1,2 Prozent. Die Quartiere Hochschule und City stechen auch bei diesen Logen für Arbeitsnomaden mit Anteilen von 11,3 respektive 9,3 Prozent hervor. Der Auslastungsgrad von Businessapartments in Zürich liegt bei über 90 Prozent. «Dies widerspiegelt, dass das aktuell vorhandene Angebot auf eine ebensolche Nachfrage, sprich Kundenbedürfnis trifft», heisst es in der Studie.

Interessant erscheint auch ein weiterer Befund: Zürich weist mit einem Verhältnis von 1:3 – gemessen an den verfügbaren Hotelzimmern – im internationalen Vergleich einen bereits sehr hohen Anteil an Businessapartments auf. Im Vergleich dazu liegt New York bei 10 Prozent, London bei rund 8 Prozent.

Airbnb: Zürich vor Genf

Bei den Airbnb-Unterkünften ist Zürich mit rund 1500 angebotenen Wohnungen vor Genf mit rund 1300 Einheiten und Basel mit rund 1100 Einheiten der grösste Schweizer Städtemarkt. In Bern liegt die Zahl mit rund 200 Angeboten bedeutend tiefer. Die höchsten Airbnb-Anteile in Zürich – gemessen am Wohnungsbestand pro Quartier – finden sich mit 7 Prozent im Quartier Hochschule.

Zwar gilt Zürich im europäischen Städtetourismus eher als Leichtgewicht, wie es im Bericht weiter heisst. Dies schlage sich auch gesamthaft im Airbnb-Angebot nieder, bei welchem andere Grossstädte ein Vielfaches von Zürich aufweisen. Gemessen am wohnpolitisch relevanteren Verhältnis zum jeweiligen Wohnungsbestand weist Zürich im europäischen Kontext jedoch «eine überdurchschnittliche Quote aus». Das Verhältnis der Airbnb-Zimmer zu Hotelzimmer beträgt 38 Prozent. Auch dies sei im internationalen Kontext «als sehr hoch zu beurteilen».

«Keine Effekte auf Mietpreise»

Für den Stadtrat gibt der Bericht einen «verlässlichen Überblick über die Zweitwohnungen in ihren verschiedenen Ausprägungen», wie er in einer Medienmitteilung schreibt. Gestützt darauf sieht er allerdings «aktuell keinen unmittelbaren Bedarf, regulierend in den Zweitwohnungsmarkt einzugreifen».

Auch bei den Airbnb-Angeboten sieht er keinen Anlass für Interventionen. Die Diskussion um Airbnb werde zwar «angeregt geführt». In Zusammenhang mit der Frage von Zweitwohnungen spielten Airbnb und ähnliche Angebote jedoch «nur eine marginale Rolle». Nach Einschätzung der Berater von Fahrländer Partner erscheine es demnach «wenig wahrscheinlich, dass Airbnb-Vermietungen aktuell messbare Effekte auf die Zürcher Mietpreise haben.»

Chancen für Abgabe «ausloten»

Die rot-grüne Stadtregierung will die Entwicklungen auf Quartierebene lediglich «weiter verfolgen» und in Gebieten mit einem Zweitwohnungsanteil in zweistelliger Höhe den Dialog insbesondere mit den Quartiervereinen führen. Zudem kündigt sie an, das Gespräch mit dem Kanton zu suchen, um «auszuloten, ob eine gesetzliche Grundlage für eine flächendeckende Abgabe auf Zweitwohnungen und eine kommunale Tourismusabgabe ins Auge zu fassen sei».

Ausdrücklich begrüsst wird die kürzlich von Zürich Tourismus mit Airbnb bekannt gegebene Vereinbarung über die freiwillige Abgabe einer CityTax.

Vorstoss aus dem Gemeinderat

Den Bericht verlangt hatte der Gemeinderat im November 2016. Dabei ging es ihm um die Klärung der grundsätzlichen Frage, ob mit einer verstärkten Regulierung des Wohnungsmarktes der Anteil von Zweitwohnungen reduziert werden könnte und mit welchen Instrumenten und Kontrollaufwand dies möglich wäre.

Auslöser war ein Vorstoss des damaligen AL-Gemeinderat Niklaus Scherr mit der Forderung, Zweitwohnungen, Hotelnutzungen und Business-Appartements in der Bau- und Zonenordnung nicht mehr der Wohnanteilsfläche anzurechnen, was der Stadtrat allerdings ablehnte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2018, 12:01 Uhr

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