Stadtzürcher Schulsystem steht vor einer Revolution

Die FDP möchte, dass alle Volksschüler künftig vom frühen Morgen bis 14 Uhr in der Schule bleiben. Mit diesem Modell sollen Kosten eingespart werden. Das Zürcher Stadtparlament könnte es schon heute absegnen.

Schulzimmer in Zürich: Geht es nach der FDP, soll es bis 14 Uhr besetzt sein.

Schulzimmer in Zürich: Geht es nach der FDP, soll es bis 14 Uhr besetzt sein. Bild: PD

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Die Mehrheit der Stadtzürcher Politiker möchte die Kinderbetreuung in der Schule weiter ausbauen. Zu diesem Schluss kommt, wer die Motionen und Postulate unter die Lupe nimmt, die den Ausbau von Tagesstrukturen für Schulkinder fordern. Da ist die Rede von «ungebundenen» oder «gebundenen» Tagesschulen, von Schülerclubs und einer Neuregelung der Volksschule. Nun wird sich der Gemeinderat an seiner heutigen Sitzung mit diesem Thema befassen.

SP und FDP setzen mit ihren Vorstössen Druck auf. Sie haben gute Chancen, einen Schritt weiterzukommen, denn es ist unbestritten: Das Angebot für die Schülerbetreuung muss ausgebaut werden – und zwar massiv. Die Stadt rechnet damit, ihr Hortangebot bis 2020 mehr als zu verdoppeln.

Im Gespräch sind drei Modelle:

  • Die FDP propagiert mit ihrer Motion eine kleinere Revolution. Statt den Morgen-, Mittags- und Abendhort auszubauen, fordert sie einen Umbau der Volksschule in eine Tagesschule light für alle. Neu an diesem Modell ist eine durchgehende Struktur von 8 bis 14 oder 15 Uhr mit gleich vielen Stunden wie bisher, aber stark verkürzter Mittagszeit. Diese Struktur wäre für alle verbindlich, das heisst obligatorisch. Damit will die FDP Kosten sparen. Noch offen ist, wie Kinder berufstätiger Eltern die Zeit zwischen 14 und 18 Uhr überbrücken sollen.

  • Die SP setzt mit ihrer Motion auf Tagesschulen, wie es sie bereits gibt. Die fünf bestehenden will sie auf 14 ausbauen. In jedem Schulkreis sollen zwei solche Schulen stehen, inklusive Tageskindergarten. Wer sein Kind in eine solche «gebundene» Tagesschule schickt, verpflichtet sich auf fixe Präsenzzeiten zwischen 8.20 und 16 Uhr. Die Kinder können aber auch früher kommen und länger bleiben.

  • Die EVP schlägt in einem Postulat den Ausbau «ungebundener» Tagesschulen mit freiwilliger, aber verbindlicher Teilnahme vor. Diese Variante existiert bereits in Form von sogenannten Schülerclubs. Eltern können heute frei zwischen Morgen- Mittags- und Nachmittagsbetreuung wählen, ihr Kind für einen Tag oder sogar nur stundenweise pro Woche im Hort anmelden. Das führt zu grosser Unruhe. Die EVP möchte zur Qualitätssicherung mehr Verbindlichkeit. Deshalb will sie die Wahlmöglichkeiten leicht einschränken, ohne auf die Freiwilligkeit zu verzichten.

Bereits jetzt ist klar: Heute Abend wird es zu einer Zusammenarbeit von Bürgerlichen und Sozialdemokraten kommen. «Die SP unterstützt die FDP-Motion, weil es sich um eine Alternative zur heutigen Ganztagesschule handelt», sagt SP-Fraktionschefin Min Li Marti. «Kinder werden immer öfters über Mittag betreut oder unbetreut in der Schule bleiben. Deshalb trägt das FDP-Modell dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung.» Die SP begrüsse, dass Tagesschulen die Chancengleichheit fördern. Das Postulat der EVP hingegen würde sie nur mit Änderungen akzeptieren.

Grüne gegen Betreuungszwang

Die Grünen unterstützen jeden Ausbau von Tagesschulsystemen ohne Betreuungszwang. «Eltern sollen entscheiden können, ob ihre Kinder betreut werden oder nicht», sagt Gemeinderätin Fabienne Vocat. Auch die Grünliberalen vertreten diese Position. Die EVP will die Motion der SP ablehnen und Vorbehalte beim FDP-Modell anbringen. Keinen Millimeter weicht die SVP von ihrer Haltung ab. Sie steht wie immer in Betreuungsfragen allen Vorstössen ablehnend gegenüber.

Diese Konstellation deutet daraufhin, dass das Tagesschulmodell der Freisinnigen die grössten Chancen hat, angenommen zu werden. Einen Haken hat aber auch dieser Vorstoss: Wie der Stadtrat in seiner Antwort schreibt, fehlen auf kantonaler Ebene die gesetzlichen Grundlagen, Kinder über Mittag in der Schule zu behalten. Deshalb sei höchstens ein Pilotversuch möglich.

Erstellt: 04.04.2012, 10:05 Uhr

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