Städtische Wüste

Der Helvetiaplatz liegt mitten im Kreis 4. Trotzdem zieht fast alles Leben an ihm vorbei. Zwei Cafés sollen dies ändern. Experten glauben allerdings, dass es mehr braucht.

Keine Sitzgelegenheiten, kaum Schatten, viel Pflastersteine: Es gibt derzeit wenig, womit der Helvetiaplatz zum Bleiben verlockt.

Keine Sitzgelegenheiten, kaum Schatten, viel Pflastersteine: Es gibt derzeit wenig, womit der Helvetiaplatz zum Bleiben verlockt. Bild: Urs Jaudas

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Dem Helvetiaplatz ergeht es wie einem Fussballfeld: Einige Stunden pro Woche herrscht Hektik darauf, die restliche Zeit ruht er unbeachtet vor sich hin. Wenn Marktfahrer am Dienstag- und Freitagmorgen ihre Stände aufstellen, wenn an Samstagen gebrauchte Velos verkauft werden, wenn Kurden demonstrieren, Freikirchler singen, Kosovaren ihre Unabhängigkeit feiern dann blüht der Platz auf. Kaum enden die Veranstaltungen, fällt er zurück in sein Koma. Und das, obwohl er mitten im Kreis4 liegt; gegenüber dem in Sommernächten überfüllten Xenix; neben der Lang­strasse, wo Tausende ausgehen. Am Helvetiaplatz zieht fast alles Leben vorbei.

Es gibt wenig, womit er zum Bleiben verlockt. Keine Sitzgelegenheiten, kaum Schatten. Nur nackte Pflastersteine. Im Sommer brennt die Sonne, im Winter fegt Wind durch die Kleider. Der Helvetiaplatz ist eine kleine städtische Wüste. Einige Menschen beschleunigen, wenn sie ihn überqueren.

Das soll sich ändern, auch auf Geheiss der Politik. Neu entstehen zwei Cafés am Rande des Platzes, eines in der ehemaligen Credit-Suisse-Schalterhalle auf der Westseite, eines unter dem Amtshaus. Beide Betriebe werden Tische und Stühle nach draussen stellen. Als Aussersihl in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts rasant verstädterte, war der Helvetiaplatz nicht mehr als eine geräumige Kreuzung. In deren Mitte, eingekreist von drei Strassen, stand ein Spritzenhaus der Feuerwehr, rundherum gab es viel freie Fläche. Weil durch den Bau des Bezirksgerichts die benachbarte Rotwandwiese verschwand, fanden auf der Strassenbrache nach dem Ersten Weltkrieg vermehrt politische Versammlungen statt.

Anfang der 50er-Jahre beschloss die Stadt, die Kreuzung in einen richtigen Platz umzuwandeln, wofür man 1954 die Bäcker- und die ehemalige Turnhallenstrasse abschnitt sowie mehrere kleinere Häuser abriss. Der so gewonnene Raum wurde mit Kopfsteinpflaster und Steinplatten neu gestaltet. Bänke, Bäume, ein Brunnen und das «Denkmal der Arbeit» des Bildhauers Karl Geiser rahmten den neuen Platz ein.

«City für die Arbeiter»

Seine ganze Grösse behielt er nur kurz. 1958 veranstaltete der Stadtrat einen Wettbewerb, um den neuen Platz mit dem Kanzleiareal zu einem Ensemble zu vereinheitlichen. Entstehen sollte eine Art «City für die Arbeiter», Kanzleischulhaus und Turnhalle sollten Büros, Läden und einem Hochhaus weichen. Auf der Nordseite des Helvetiaplatzes sollte ein «Bureauhaus» die Komposition abschliessen. Das Grossprojekt scheiterte. Gebaut wurde nur das «Bureauhaus», 1963 als Amtshaus Helvetiaplatz eröffnet. Architekturkritiker lobten den 55 Meter breiten Riegel als einen «manifesten Abschluss» des Helvetiaplatzes. Dieser werde kaum verkleinert, da das Haus auf zwei Stützen steht.

Damit fand der Platz seine heutige Form. Alle Versuche, ihn zu ändern, sind seither gescheitert. 1994 forderte der damalige SP-Gemeinderat Bruno Kammerer eine Art Light-Version der Proletarier-City, er wollte Kanzleiareal und Platz zueinander öffnen, sie stärker verbinden. Obwohl die Motion eine Mehrheit im Gemeinderat fand, scheiterte sie am langjährigen Widerstand der Stadtregierung. Die beiden Areale besässen völlig unterschiedliche Identitäten, findet der Stadtrat, eine Zusammenlegung bedeutete einen «riesigen Verlust».

Bruno Kammerer dagegen nennt den Helvetiaplatz «eine Ansammlung unkoordinierter stadtplanerischer Eingriffe». Den klassischen Ansprüchen an europäische Stadtplätze genügt er tatsächlich nicht. Dazu zählt eine möglichst geschlossene Rahmung durch Häuser, um eine starke Raumwirkung zu erzielen. Den Helvetiaplatz begrenzen an zwei Seiten viel befahrene Strassen, gegen Süden franst er ins Kanzleiareal aus. Ausserdem fehlt ihm ein zentrales Gebäude, auf ein solches richten sich viele klassische Stadtplätze aus.

«Den Platz neu denken»

Ob ein Platz funktioniere, hänge von sehr vielen Dingen ab, sagt Vittorio Magnago Lampugnani, ETH-Professor für Geschichte des Städtebaus. Ein allgemeingültiges Rezept gebe es nicht. Dem Helvetiaplatz fehle es aber an entscheidenden Qualitäten. Lampugnani ist skeptisch, dass zwei Cafés reichten, um ihn deutlich zu verbessern. «Aus meiner Sicht müsste man ihn neu denken. Es brauchte einen sorgfältigen städtebaulichen Entwurf, damit sich die Menschen dort gerne aufhalten.»

Linke, GLP und Grüne versuchen derzeit mit einer Motion, die Stauffacherstrasse zwischen Helvetiaplatz und Kanzleiareal in eine Begegnungszone umzugestalten also von Autos zu befreien. «Dies würde die beiden Areale einander näherbringen», sagt Patrick Hadi Huber (SP). Der Stadtrat beurteilt die Beruhigung der Strasse als unrealistisch. Seine Antwort steht noch aus. Skeptisch bewertet die AL eine Aufwertung. Sie befürchtet wegen der Cafés eine «yuppisierte Festhütte». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.08.2015, 10:14 Uhr

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