Staufreies Zürich: ETH-Professor befeuert den Traum der Bürgerlichen

Politiker aus SVP, FDP und GLP halten Dirk Helbings neues Verkehrsleitsystem für prüfenswert. Bei Rot-Grün hingegen herrscht Skepsis.

Seine Idee stösst auf breites Interesse: ETH-Verkehrsforscher Dirk Helbing auf dem Bahnhofplatz in Zürich.

Seine Idee stösst auf breites Interesse: ETH-Verkehrsforscher Dirk Helbing auf dem Bahnhofplatz in Zürich. Bild: Dominique Meienberg

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Der ETH-Professor Dirk Helbing lässt die Autofahrer träumen: davon, staufrei durch Zürich zu fahren, auch während der Rushhour. «Alle Verkehrsträger sollen gut vorwärtskommen können, auch die Autos», sagt Reto Cavegn, Geschäftsführer des TCS Zürich und Ex-FDP-Kantonsrat. Cavegn begrüsst Helbings Idee: Nicht mehr die Ampeln steuern den Verkehr, wie dies heute der Fall ist, sondern der Verkehr die Ampeln. Daraus erwächst ein «selbstheilendes Verkehrssystem», das Staus verhindern sowie die Umwelt und Nerven aller Verkehrsteilnehmer schonen soll (TA von gestern).

Dieser Paradigmenwechsel findet in der Stadt Zürich auch bei anderen Bürgerlichen Anklang. SVP-Fraktionschef Mauro Tuena fordert, das neue System sei «ernsthaft zu prüfen». Tuena präsidiert im Parlament die Verkehrskommission. Nun will er Helbing kontaktieren und sich in der Kommission das neue System aus erster Hand präsentieren lassen. Damit erhält die Causa, bis anhin ein Geschäft der Verwaltung, politischen Drall. Auch FDP-Fraktionschef Roger Tognella fordert einen Testlauf, wie ihn Dresden demnächst startet: «Es bringt allen Verkehrsteilnehmern mehr, wenn der Autoverkehr flüssig rollt.»

Angst vor Mehrverkehr

Just dies bezweifelt die zuständige Dienstabteilung für Verkehr (DAV), ein Zweig im Departement des Grünen Stadtrats Daniel Leupi. Die Verkehrsexperten der Stadt halten es für möglich, dass Helbings System am Ende zu unerwünschtem motorisiertem Mehrverkehr führt. Falls es tatsächlich funktioniere, werde es attraktiver, mit dem Auto in die Stadt zu fahren – ein Szenario, welches das rot-grüne Lager aufschreckt. Ein Anschwellen des Autoverkehrs, so die Befürchtung, würde die Städteinitiative torpedieren. Nach dem Ja der Stadtzürcher zu dieser Initiative im letzten Jahr muss der Stadtrat dafür sorgen, dass der motorisierte Individualverkehr binnen zehn Jahren um 10 Prozentpunkte abnimmt.

Markus Knauss, Fraktionschef der Grünen, zweifelt daran, dass Helbings System für Zürich ein Gewinn wäre. Anders als grosse europäische Städte habe Zürich kein dichtes Netz von Hochleistungsstrassen. Wenn es irgendwo zu stauen begänne oder sich ein Unfall ereigne, würden die Umfahrungsrouten, so befürchtet Knauss, durch die Wohnquartiere gehen. Dies kommt für ihn aber nicht infrage. «Lieber Stau auf Hauptstrassen als Verkehr in den Wohnquartieren.» Ob mit oder ohne Neuerung: Die Stauproblematik in Zürich wird sich gemäss Knauss entschärfen. Knauss zählt darauf, dass der Stadtrat die Städteinitiative umsetzen wird.

«Eine Chance für Zürich»

Anders als die Grünen sehen die Grünliberalen «diese Technologie als Chance für Zürich», wie Fraktionschef Gian von Planta sagt. Es komme allen Verkehrsträgern zugute, wenn die Strassen optimal ausgenützt würden, auch den Bussen und Trams. Die Angst vor Mehrverkehr hält von Planta für unbegründet, sofern die Stadt die richtigen Massnahmen dagegen ergreife. Ein Beispiel: Verflüssige sich der Verkehr, könnten gewisse Strassen oder Spuren für den motorisierten Individualverkehr gesperrt und stattdessen Velorouten eingerichtet werden.

SVP-Fraktionschef Tuena will sicherstellen, dass das DAV Helbings Idee durchleuchtet, und zwar «ohne ideologische Scheuklappen». Notfalls werde seine Partei einen entsprechenden Vorstoss einreichen, «um beim Stadtrat Dampf zu machen». TCS-Geschäftsführer Cavegn ortet ein «psychologisches Problem»: Das jetzige Zürcher Modell mit zentral gesteuerten Ampeln in der DAV-Zentrale habe lange Zeit als vorbildlich gegolten. Viele Fachleute aus dem Ausland hätten Zürich deswegen besucht. Nun eine Neuerung zu übernehmen, die man nicht selber entwickelt habe, brauche deshalb eine «gewisse Grösse». FDP-Fraktionschef Tognella hält das Zürcher Modell ebenfalls für nicht mehr zeitgemäss: «Es wäre deshalb falsch, wenn sich die Stadt auf ihren Lorbeeren ausruhen würde.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2012, 19:28 Uhr

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