Steht Radio Lora vor dem Aus?

Hinter den Kulissen des bald 30-jährigen Alternativradios rumort es. Offenbar gibt es Grabenkämpfe um eine Neuausrichtung des Radios, welche nun zum Problem werden.

Da war beim ältesten Schweizer Alternativradio noch alles in Butter: Radio Lora, Mitte der Achtzigerjahre.

Da war beim ältesten Schweizer Alternativradio noch alles in Butter: Radio Lora, Mitte der Achtzigerjahre. Bild: Keystone

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In einer internen E-Mail der Stiftung von Radio Lora an ausgewählte Mitglieder, welche Tagesanzeiger.ch/Newsnet vorliegt, wird Klartext gesprochen: «Wir haben unsere Buchhaltungsunterlagen und weitere Unterlagen aus 2011 immer noch nicht zurückerhalten. Daher können wir keine Jahresrechnung und keinen konsolidierten Abschluss machen.» Tatsächlich sollte Radio Lora seine Dokumente bis Ende April dieses Jahres dem Bundesamt für Kommunikation (Bakom) vorlegen, um eine Geldtranche von rund 20'000 Franken zu erhalten.

Dies ist zurzeit unmöglich. Die interne E-Mail gibt Aufschluss, weshalb: Die Unterlagen seien von Vereinsmitgliedern «effektiv aus unserem Schrank geklaut» worden. Der Hintergrund: Offenbar gibt es hinter den Kulissen des Radios momentan Streit um eine Neuausrichtung. Besonders die basisdemokratischen Führungsstrukturen sollen dabei von einigen infrage gestellt und von anderen massiv verteidigt werden.

Verein und Stiftung im Grabenkrieg

Laut Deha Dursun, Mitglied des Vorstands des Vereins Lora, sind die Vorwürfe im internen E-Mail der Stiftung aber falsch. Bei Radio Lora gebe es einerseits eine Stiftung, andererseits einen Verein. Erstere habe den Auftrag, sicherzustellen, dass die Gebührensplitgelder des Bakom für den Betrieb des Radio Lora korrekt weitergeleitet würden. Der Verein kümmere sich um die Programmgestaltung und den Betrieb.

«Ein Vertrag für das Jahr 2011 zwischen Stiftung und Verein regelt klar, dass der Buchhalter des Vereins auch die Buchhaltung der Stiftung übernimmt», erklärt Dursun. Seit Februar halte die Stiftung aber sämtliche Gelder zurück und wolle ihre Buchhaltung plötzlich selber übernehmen. «Dies wird langsam zum Problem, weil aus diesen Geldern die Löhne der Betriebsgruppe bezahlt werden müssten.»

Zum Vertrauensbruch zwischen Verein und Stiftung sei es Ende letzten Jahres gekommen, als Stiftungsmitglieder versuchten, eine Restrukturierung durchzusetzen. Diese hatte zum Ziel, dass Lora keinen Verlust mehr schreibt. Dazu Dursun: «Das Radio Lora schreibt aber gar keinen Verlust im 2011». Die Restrukturierung sei zudem ohne Einbezug der Betriebsverantwortlichen gemacht worden, was schliesslich zur jetzt verfahrenen Situation führte.

Frist läuft Ende Juni aus

Anne-Catherine Eigner von der Lora-Stiftung will die internen Unruhen auf Anfrage nicht kommentieren. Nur so viel: «Es gibt aktuell unterschiedliche Vorstellungen, wie die Zukunft des Radios gesichert werden soll. Sämtlichen Beteiligten liegt Lora aber sehr am Herzen, und wir werden eine Lösung finden.»

Auch Dursun ist daran sehr interessiert: «Grundsätzlich ist es einfach: Der Buchhalter des Vereins macht den letzten Abschluss und ab diesem Jahr können Verein und Stiftung getrennte Buchhaltungen führen.»

Die Zeit drängt: Zwar hat Lora beim Bakom eine Fristerstreckung eingereicht, wie die zuständige Sachbearbeiterin beim Bakom, Bettina Nyffeler, erklärt: «Die Frist läuft Ende Juni aus.» Danach sei keine weitere Erstreckung möglich. «Dieser Zeitpunkt ist ultimativ.»

Wie Stiftungsmitglied Eigner erklärt, sei man momentan mit externen Schlichtungsbeauftragten daran, Lösungen für die internen Konflikte zu suchen. Dieser Prozess sei noch nicht abgeschlossen, weshalb man sich nicht gegenüber Medien äussern möchte. «Wir glauben aber an die Machbarkeit, und wir wollen alle, dass das älteste Alternativradio der Schweiz weiterlebt.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.04.2012, 15:12 Uhr

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