Stockers Verkehrsamt lehnt Genners Zebrastreifen über die Rosengartenstrasse ab

Wieder Streit zwischen dem Kanton und der Stadt Zürich: Diese will zwei Fussgängerstreifen über die Rosengartenstrasse einrichten, das kantonale Amt für Verkehr blockt ab. Trotzdem plant die Stadt weiter.

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Für viele ist folgende Szene fast unvorstellbar: Der Verkehr auf der Rosengartenstrasse stoppt, und ein Grosi mit ihren zwei Enkelkindern quert die wohl berüchtigtste innerstädtische Transitachse der Schweiz. Genau dies aber plant die Stadt.

An zwei Stellen sind Fussgängerstreifen mit Mittelinseln und Ampeln vorgesehen: auf der Höhe der Nordstrasse und auf der Höhe Wibichstrasse. Erstere Verbindung würde vor allem den Kindern, die im Schulhaus Nordstrasse in den Unterricht gehen, zugutekommen, wie Beni Weder, Präsident des Quartiervereins Wipkingen, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt. «Die Kinder queren die Strasse lieber oberirdisch als durch eine Unterführung wie bisher», weiss er zu berichten. Grundsätzlich begrüsst Weder die neuen Fussgängerstreifen.

Wie bremst ein 40-Tönner auf der steilen Strasse?

Anders sieht dies das kantonale Amt für Verkehr (AFV). In einer Stellungnahme gegenüber der Stadt lehnt das Amt die Fussgängerstreifen in Absprache mit der Kantonspolizei ab. Und zwar aus Sicherheitsgründen. Vor allem talwärts gebe es Bedenken, sagt Richard Sägesser, stellvertretender AFV-Chef. So hat zum Beispiel ein 40-Tonnen-Lastwagen insbesondere bei nasser Fahrbahn auf dem steilen Stück einen langen Bremsweg, erklärt er. Das gefährde die Fussgänger, welche die Strasse auf dem Zebrastreifen überqueren.

Diese Sicherheitsbedenken hat QV-Präsident Weder weniger. Denn es ist geplant, dass der Verkehr talwärts wie bisher im Bucheggtunnel und jener bergwärts mit einer weiteren Ampel auf der Höhe der Röschibachstrasse auf der Hardbrücke gestaut wird. Die Fahrzeuge würden dann gruppenweise und mit einer grünen Welle die Rosengartenstrasse hinunter- und hinaufgeschickt. Der QV hatte gar einen dritten Fussgängerstreifen auf der Höhe Lehenstrasse vorgeschlagen. Dies sei aber aufgrund der VBZ-Busse nicht möglich, wurde dem Quartierverein mitgeteilt.

Nicht alle Eltern sind begeistert

Weders Sicht widerspricht wiederum Verkehrspolitikerin Carmen Walker Späh. Die freisinnige Kantonsrätin weiss von Eltern, die nicht begeistert sind von der Zebrastreifenidee. An einem Fest, als die Strasse gesperrt war, habe es einen Unfall gegeben, weil jemand das Gefälle der Strasse unterschätzt hat. «Ich bin noch nicht überzeugt», sagt Walker Späh, die im Quartier wohnt. Die Stadt betont hingegen, dass die Unterführung bei der Nordstrasse bestehen bleibt und die Kinder somit wählen können, ob sie die Rosengartenstrasse ober- oder unterirdisch queren wollen.

Vorbehalte hat das AFV nicht nur wegen der Sicherheit, sondern auch bezüglich des Verkehrsflusses. «Ein Handorgeleffekt kann aufgrund der drei Lichtsignale nicht ausgeschlossen werden», meint Sägesser.

SVP: Staus vorprogrammiert

Dies will SVP-Gemeinderat Mauro Tuena nicht so stehen lassen. Die bestehenden Lichtsignalanlagen talwärts hätten gezeigt, dass die Auswirkungen auf das gesamte Verkehrssystem «massiv» sind. «Es gibt wegen dieser Ampeln Staus bis zum Glattzentrum», sagt Tuena. Grössere Behinderungen befürchtet er nun auch auf der Hardbrücke.

Politisch waren die SVP und die FDP nicht erfolgreich. Im Gemeinderat setzten sich die linken und Mitteparteien durch und bewilligten 2010 den Baukredit. Die SVP wehrte sich auch mit Einwendungen, als das Projekt im vergangenen November erstmals aufgelegt wurde. Unter anderem geht es einmal mehr um einen Spurabbau. Bergwärts wird die Strasse, die im Bereich vor dem Bucheggplatz bereits Bucheggstrasse heisst, auf zwei Spuren reduziert. Doch die Einwendungen blieben wie fast alle unberücksichtigt.

Für Tuena ist es schlicht eine «wahnwitzige Idee», auf einer der meistbefahrenen Innerortsstrecken Europas Zebrastreifen einzurichten. Anders würde es aussehen, wenn der Waidhaldetunnel – wie kürzlich vom Kantonsparlament gefordert – zur Entlastung des Quartiers gebaut wird. «Dann können sie auf der Rosengartenstrasse von mir aus so viele Fussgängerstreifen machen, wie sie wollen», sagt Tuena.

Kanton kann Projekt verhindern

Trotz der negativen Stellungnahme des Kantons plant die Stadt weiter mit den Fussgängerstreifen. Gestern hat sie im «Tagblatt» die zweite Ausschreibung platziert. Nach den unverbindlichen Einwendungen in der ersten Runde können Betroffene von morgen, 30. August, bis zum 1. Oktober Einsprache erheben. Einspracheberechtigt ist nur, wer einen direkten Nachteil nachweisen kann – Ärger über Stau reicht nicht mehr. Laut Tuena sind die Erfolgschancen einer SVP-Einsprache in diesem Stadium des Verfahrens «nahe bei null».

Der SVP-Politiker setzt nun auf den Kanton, der das Projekt letztendlich bewilligen muss, weil es sich bei der Rosengarten- und Bucheggstrasse um eine Kantonsstrasse handelt. Das Projekt aus dem Tiefbauamt von Stadträtin Ruth Genner (Grüne) muss nach der städtischen Baubewilligung auf den Tisch von Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker (SVP). Dieser stellt dem Regierungsrat Antrag auf Bewilligung oder Nicht-Bewilligung.

Bumerang für die Stadt?

Nach der Ablehnung des der Volkswirtschaftsdirektion angegliederten Amts für Verkehr ist ein Meinungsumschwung innerhalb des Kantons mehr als unsicher. Nun könnte sich gar eine frühere Aussage des Gesamtstadtrats im Streit um den Spurabbau beim Sechseläutenplatz als Bumerang erweisen. In dieser Sache hatte nämlich das AFV sein Okay gegeben, worauf der Stadtrat schrieb, er gehe «von einer koheränten Meinungsbildung innerhalb der kantonalen Verwaltung» aus und erwarte «deshalb (…) von dem Regierungsrat keine dem vorausgehenden Verfahren widersprechende Haltung, wie dies ständiger Praxis entspricht».

Denn der Spurabbau am Utoquai, über den das Stadtzürcher Stimmvolk am 23. September im Rahmen der Neugestaltung des Sechseläutenplatzes abstimmt, muss danach ebenfalls von Stocker und dem Regierungsrat abgesegnet werden. Diese Tatsache hatte jüngst hohe Wellen geworfen, weil Genner im Gemeinderat gesagt hatte, der «Kanton» habe Ja gesagt zum Spurabbau beim Bellevue, und die Aussage später hat relativieren müssen.

Weiterer Konflikt Genner–Stocker

Der Streit um die Zebrastreifen an der Rosengartenstrasse ist also ein weiterer Punkt im Konflikt zwischen Genner und Stocker. Ebenfalls nicht einig waren sich die beiden bezüglich einer Tram-Kapphaltestelle beim Morgental. Dort stellte sich das AFV gegen das Vorhaben, worauf auch der Regierungsrat das Projekt stoppte. Offen ist der Ausgang noch bei Genners Vorhaben, die Uraniastrasse zwischen Bahnhofstrasse und Sihlporte richtungsgetrennt zu führen, um die Sihlstrasse beim Hiltl zu beruhigen.

Weshalb nun plant die Stadt trotz dem Njet aus dem kantonalen Amt weiter? Zu den Hoffnungen und Absichten des Zürcher Stadtrats kann und will sich Richard Sägesser vom AFV nicht äussern. «Welche Konsequenzen die Stadt aus der negativen Stellungnahme des Amts für Verkehr zieht, liegt in ihrer Verantwortung», sagt Sägesser. Gemäss Genners Sprecher Stefan Hackh erfüllt der Stadtrat schlicht den Auftrag des Gemeinderats aus dem Jahr 2010.

Erstellt: 30.08.2012, 12:04 Uhr

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Ruth Genner (Grüne), Stadträtin. (Bild: Keystone )

Regierungsrat Ernst Stocker (SVP). (Bild: Keystone )

5-Millionen-Projekt

Beim Projekt geht es nicht nur um die neuen Ampeln und Fussgängerstreifen mit Schutzinseln auf der Rosengartenstrasse. Wegen der Busbevorzugung muss die Passerelle auf der Höhe Röschibachstrasse angepasst werden und wird die Strasse gleich mit einem neuen Deckbelag versehen. Talwärts werden die heutigen Ampeln auf die Höhe der Fussgängerstreifen verschoben und erhält der Bus eine eigene Fahrspur. Auch wird mit einer Sicherheitslinie vorgekehrt, dass es bergwärts nicht mehr möglich ist, den häufigen Stau am Anfang des Bucheggtunnels über den oberirdischen Schleichweg Bucheggplatz zu umgehen. Insgesamt geht die Stadt von Kosten in der Höhe von rund 5 Millionen Franken aus, wobei der Betrag in diesem Planungsstadium um 30 Prozent variieren könne. Die Fussgängerstreifen sollten gemäss Planung der Stadt Ende 2014 oder Anfang 2015 installiert sein. Derzeit verkehren täglich 53'000 Fahrzeuge auf der Rosengartenstrasse. (pu)

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