«Süddeutsche» schimpft über Zürichs Europaallee

Zürich baue eine Innenstadt für Topverdiener, bilanziert die «Süddeutsche Zeitung». Der Stadt fehlten sozial denkende Baumeister.

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Für die Stadt Zürich und das, was man unter ihrem öffentlichen Raum bisher verstand, habe es noch nie so düster ausgesehen wie heute, schreibt die «Süddeutsche Zeitung» in ihrer neusten Ausgabe (Artikel online nicht verfügbar). In den Neubauvierteln, allen voran in der Europaallee neben dem Zürcher Hauptbahnhof, sei es nach Ladenschluss surreal leer. Kein Mensch störe in den schmalen Gassen zwischen den hochmodernen Gebäuden die herrschaftliche Geometrie des Areals. Urbane Leere, nennt dies die «Süddeutsche Zeitung».

Den Grund dafür ortet die Autorin darin, dass es im Herzen der reichen Stadt Zürich nicht erwünscht sei, Platz für genossenschaftliches Bauen oder junge Kreative zu schaffen. Indem die Stadt all ihr Bauland an zentraler Lage verkauft habe, hätte sie sich dieser Möglichkeiten selbst beraubt. Sie hätte es oft an den meistbietenden Käufer vergeben, offensichtlich ohne für das Land die nötigen Auflagen zu stellen. Wenn die öffentliche Hand nicht vorschreibe, dass auf einem Areal ein gewisser Anteil an günstigen Wohnungen oder Gewerbeflächen für Kleinunternehmer entstehen soll, verdränge der Immobilienmarkt beides. 20 Jahre neoliberale Stadtentwicklung liessen grüssen, Marktlogik kenne kein soziales Gewissen.

Zu viel Ästhetik, zu wenig Qualität

Das soziale Gewissen spiegle sich in einer gelungenen Stadtplanung. Im Fokus stehe dabei nicht die Ästhetik, sondern die Qualität. «Es reicht eben nicht, grosse Durchgänge, Plätze und Passagen anzubieten, wenn der Architekturrahmen ein Stoppschild für alle Nicht-Topverdiener aufstellt», heisst es im Artikel. Plätze, die zwar auf einem Bild hübsch aussähen, wo sich Menschen aber nicht gerne aufhielten, hätten ihr Ziel verfehlt. Selbst die gewaltige Einfahrt ins Parkhaus unter der Europaallee signalisiere: Wer hier arbeitet, kommt mit dem Auto und will sich deshalb a priori nicht für seine Umgebung interessieren.

Die Zürcher Soziologin Vesna Tomse glaubt jedoch, dass es langsam so weit sei, dass sich die verdrängten Nicht-Topverdiener zu wehren begännen. Das habe unter anderem die Demonstration «Wem gehört die Stadt» Ende Oktober gezeigt. Dass die Europaallee der Endpunkt einer neoliberalen Stadtentwicklung sei, die nur auf Gewinnmaximierung ausgelegt sei, glaubt auch der ETH-Architekturprofessor Hubert Klumper.

Baumeister mit sozialem Gewissen gesucht

Die «Süddeutsche Zeitung» stellt deshalb die Frage in den Raum, wie man punkto Städteplanung Neues schaffen könne, ohne Altes zu verdrängen? An der ETH fehlten die Antworten darauf, wie ein Blick an deren Jahresausstellung gezeigt habe. Junge Architekturstudenten hätten eher das einzelne Objekt als eine sozial gerechtere, aber auch zukunftsfähige Stadt vor Augen. Dabei sollten gerade sie sich der sozialen Verantwortung ihres Berufes bewusst sein, meint die Autorin. Die Städte bräuchten dringend Baumeister, die erst mal den Bodensatz eines jeden Ortes untersuchten und die langfristigen Auswirkungen eines Neubauprojekts auf die Umgebung analysierten. Schliesslich seien die Häuser einer Stadt entscheidend dafür, welche Menschen sich darin und um sie herum aufhielten und wie viel Austausch zwischen ihnen entsteht.

(ema)

Erstellt: 29.11.2013, 11:16 Uhr

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