Südkurve: Mit dem Erfolg kamen die Probleme

Pyro-Angriffe auf Gegner, explodierende Petarden mit Verletzten: Die Südkurve steht unter Beschuss. Das war nicht immer so.

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«Was da an Fantasie und Witz geboten wird, ist Service Public im besten Sinn», schrieb der «Tages-Anzeiger» 2004 zur Südkurve und deren Choreographien: «Ein Dienst an der Gemeinschaft, wie der Samariterverein, die freiwillige Feuerwehr oder der Kinderumzug am Sechseläuten.»

Die Choreographien gibt es immer noch, doch der Begriff Südkurve lässt heutzutage wohl ein anderes Bild aufkommen, als das eines Kinderumzugs am Sechseläuten. Was ist geschehen, dass sie innert weniger Jahre vom kreativen Sympathieträger zum Schreckgespenst der Super League mutieren konnte?

60 Radikale reichen

«Einige Exponenten haben sich extrem radikalisiert», meint ein Szenekenner, der nicht mit Namen genannt werden will: «Die machen aber höchstens fünf Prozent der Leute aus, die in der Südkurve verkehren.» Diese habe man schlicht nicht im Griff. «Es handelt sich um vielleicht 60 Radikale, die jegliche Grenzen überschreiten.»

Für den Szenekenner hat dies aber nichts mit Fussball zu tun. Wie sonst in der Gesellschaft, sei die Hemmschwelle, Gewalt anzuwenden, bei manchen massiv gesunken. Im Stadion habe sich dies aber erst gezeigt, als die sportlichen Erfolge des FCZ zugenommen hätten. Damals seien Matchbesuche wieder in Mode gekommen: «Wenn mehr Leute kommen, sind darunter auch mehr Idioten.»

2006 veränderte sich die Südkurve

Auch für Alexander Kuszka, den ehemaligen Mediensprecher des FCZ, kamen die Probleme mit dem Erfolg: «Am 13. Mai 2006 wurde der FCZ Schweizer Meister, danach veränderte sich die Südkurve.» Im Anschluss an die Meisterfeier kam es damals auch zu einer Attacke eines FCZ-Fans, die für einen anderen FCZ-Fan böse endete. Der heute 32-jährige Roland Maag fiel nach einem harten Schlag mit dem Kopf auf den Asphalt und erlitt schwerste Kopfverletzungen. Er ist bis heute invalid.

Kuszka sieht aber vor allem Probleme mit Leuten, die in der eigentlichen Fanbewegung nicht verwurzelt sind: «Die kommen aus dem Umland und suchen einfach den Kick. Mit dem FCZ hat das gar nichts mehr zu tun.»

Ganz anders habe die Szene vor 15 Jahren ausgesehen, meint Kuszka. Damals habe die Südkurve aus wenigen «Hartgesottenen, die immer glaubten, dass ihr Verein noch etwas erreichen könne» bestanden. Der andere Szenekenner sieht eine kreative Phase verschiedener Fanblöcke gar bis über die Jahrtausendwende. «Mit Hally Gally kamen Einflüsse aus der Skater- und Studentenszene, die Locoz brachten ein südamerikanisches Flair an die Matches.» Wochenlang sei an Choreographien gefeilt worden, die Südkurve habe den FCZ auch für Sponsoren interessanter gemacht. «Dass da jemand im Stadion für Stimmung sorgte, wurde überall positiv gesehen.»

In Rom gehts oft rund

Noch heute arbeiten Fans an Choreographien oder organisieren Extrazüge an Auswärtsspiele. Doch die Szene sei unüberblickbarer geworden: «Das ist kein Verein mit einer Mitgliederliste, die Südkurve besteht aus unterschiedlichsten Fanblöcken, die auch untereinander nicht immer gleicher Meinung sind», meint der Szenekenner. Dass sich diese nun gegenseitig selbst massregeln und kontrollieren sollen, hält er deshalb für eine schlechte Idee: «Würden Sie am ersten Mai vor die radikalsten Elemente stehen und diese zum Aufhören auffordern?»

Zudem sieht er eine Dramatisierung der jüngsten Ereignisse in den Medien. Das Spiel in Rom, bei welchem sich ein Fan mit einem Böller verletzte, sei ein Beispiel für die indifferenzierte Darstellung. «Wer die italienische Fussballszene kennt, der weiss, dass bei jedem wichtigen Match massiv Petarden abgelassen werden.» In den Schweizer Medien sei kolportiert worden, dass der Vorfall mit den Zürcher Fans einzigartig gewesen sei. «Das ist ein Witz, dort werden die Stadien ständig befeuert. Dass sich der Junge verletzt hat, war ein Unfall.» Auch in Zürich sei es nie ein Problem gewesen, bis nun einige Radikale damit begonnen hätten, Petarden in Menschenmengen oder auf Gegner abzufeuern.

Der Szenekenner wehrt sich dennoch vehement gegen die Verteufelung der Südkurve. «Die Diskussion ist aus dem Ruder gelaufen.» Er glaubt, dass gegen die Radikalen vorgegangen werden müsse, auch strafrechtliche Verschärfungen bis hin zu Gefängnisstrafen würde er befürworten. Nur eines solle sich in Zukunft wieder ändern: «Im Moment werden Leute angeschaut, als seien sie Kriminelle, wenn sie nur einen Fan-Schal tragen.»

Erstellt: 08.11.2011, 13:24 Uhr

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