Tagesmüttern geht die Arbeit aus

Die Nachfrage nach Tageseltern sinkt in Zürich seit sechs Jahren kontinuierlich. Trotzdem will die Stadt an diesem Betreuungsmodell festhalten.

Individuelle Betreuung, hohe Flexibilität: Tagesfamilien dürfen Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren aufnehmen.

Individuelle Betreuung, hohe Flexibilität: Tagesfamilien dürfen Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren aufnehmen. Bild: Keystone

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Die frischgebackenen Eltern waren überrascht. «Wir haben uns am Ende des Mutterschaftsurlaubs meiner Frau nach einer Tagesmutter umgesehen, weil wir diese Art der Kinderbetreuung für ideal erachten», sagt der Vater gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Aber die Suche sei harzig verlaufen. «Wir konnten niemanden finden und mussten nun doch auf eine Krippenbetreuung umsteigen.»

Tatsächlich sei es schwieriger geworden, in der Stadt Zürich Tageseltern zu finden, sagt Bea Troxler, Leiterin Kontraktmanagement beim Sozialdepartement Zürich. «Wir führen das auf die zunehmende Arbeitstätigkeit der Frauen zurück – denn es sind nach wie vor hauptsächlich Tagesmütter, die eine private Kinderbetreuung übernehmen.»

Nachfrage sinkt konstant

Andererseits sei die Nachfrage für eine Kinderbetreuung durch eine Tagesfamilie in den vergangenen sechs Jahren kontinuierlich gesunken. 2010 wurden in der Stadt Zürich 397 Kinder durch Tageseltern betreut, 2014 waren es noch 256 Kinder. Das habe mit dem Ausbau des Krippen- und Hortangebots in der Stadt zu tun. «In Bern und Basel zeichnet sich derselbe Trend ab», so Troxler. Es sei nicht jedermanns Sache, ein Kind in einem privaten Haushalt betreuen zu lassen und es nicht in eine institutionalisierte Einrichtung zu geben. «Manchen ist es lieber, wenn ihre Kinder in einer Gruppe mit anderen Kindern betreut werden.»

Die Situation ist allerdings nicht überall in Zürich dieselbe. Laut Martin Käser von der Stiftung GFZ, die Tagesfamilien in der Stadt vermittelt, gibt es Quartiere, wo die Nachfrage das Angebot an Tagesfamilien noch immer übersteigt. Beispielsweise in den Stadtkreisen 2, 5 und 10. Doch ausgerechnet dort sei der Anteil der zur Verfügung stehenden Betreuungspersonen klein. «In Zürich-Nord ist es genau umgekehrt», sagt Käser. «Die Nachfrage sinkt in diesem Stadtkreis, wo besonders viele Tagesfamilien ansässig sind.»

Unterschiedliche Anforderungen, individuelle Wünsche

Die Vermittlung von Tageseltern ist komplex. Sie müssen höchst unterschiedlichen Anforderungen und den individuellen Vorstellungen der Eltern entsprechen. Betreut werden Kinder der Altersgruppe von 0 bis 15 Jahren – also von Geburt bis zum Ende der obligatorischen Schulzeit. Das bedingt einerseits eine Fülle an verschiedenen Betreuungsformen und andererseits eine grosse Flexibilität vonseiten der Tagesfamilien. Gleichzeitig ist es wichtig für die Eltern, dass ihre Kinder in unmittelbarer Nähe ihres Wohnorts betreut werden. Das sei allerdings nicht immer möglich, sagt Käser.

Trotz sinkender Nachfrage hat die Stadt Zürich gemäss Bea Troxler ein grosses Interesse daran, das Angebot der Tagesfamilien beizubehalten. Deshalb werde derzeit überprüft, ob das Modell angepasst werden solle. «Wir möchten Eltern eine möglichst grosse Auswahl von Betreuungsmöglichkeiten bieten. Die heutige Situation auf dem Arbeitsmarkt macht es nötig, dass ein Kind auch länger als bis 18.30 Uhr betreut werden kann.»

Engere Zusammenarbeit mit Kitas

Auch bei der GFZ stellt man sich die Frage, wie das Angebot besser auf konkrete Bedürfnisse abgestimmt werden könnte – beispielsweise auf Eltern, die im Schichtbetrieb arbeiten. Dabei ist laut Käser auch eine engere Zusammenarbeit mit Kindertagesstätten prüfenswert.

Man wolle sich zudem dafür einsetzen, dass die Tätigkeit der Tagesfamilienbetreuung mehr Anerkennung und Beachtung erhalte. «Es ist ein sehr wertvoller Job, und Tageseltern müssen hohen Qualitätsanforderungen genügen, auch wenn es kein geschützter Beruf ist.» Ein Auslaufmodell sei diese Betreuungsform sicher nicht. «Wir müssen sie aber neu im Markt positionieren und ihre Vorzüge hervorheben.»

Erstellt: 09.06.2015, 11:08 Uhr

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