Tanzen tut gut

Die einen haben es im Striptease-Club gemacht, andere als Tausendfüssler: Beim Rundgang durchs Festival «Zürich tanzt» sah man viele entspannte und «befreite» Menschen.

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Eins vorneweg: Wäre dieser ­Artikel eine Musik-CD, bräuchte er zwingend diesen Kleber mit der Warnung an die Eltern, gewisse Passagen seien «explizit» (also nicht ganz jugendfrei). Das mag erstaunen, schliesslich gehts um «Zürich tanzt», ein Festival für die Massen. Doch wer sucht, findet halt in jedem noch so anständigen Programm was Ausgefallenes. Wir suchten, wir fanden – und begaben uns gleich bei der ersten Etappe unseres Tour d’Horizon auf heikles Terrain. Oder um es mit Nietzsche zu sagen: «Glattes Eis, ein Paradies für den, der gut zu tanzen weiss.» Der Schauplatz hiess Calypso. Im Normalfall werden in diesem Niederdorf-­Cabaret «ausgewählte Schönheiten der Nacht auf einer wunderbar beleuchteten Bühne präsentiert». So stehts auf der Website. Am Freitagabend aber gabs nicht den Normal-, sondern den Sonderfall: Striptease als Kunst statt Striptease als Sexismus. Und zwar kein fideles «l’art pour l’art», sondern eine ernsthafte Reflexion namens «Watch me strip!»

Das verantwortliche Künstlerduo Thom ­Truong hat sich nämlich darauf spezialisiert, Kontexte zusammenzuführen, die prima vista nicht zusammengehören. Also castete es vier Profis aus den Disziplinen Bewegungstheater, bildende Kunst, Schauspiel und Tanz. Mithilfe der erfahrenen Stripteuse Marina Zeller wurden darauf Shownummern einstudiert, die zwar typische Striptease-Merkmale wie sexy Clubmusik, echte Cabaretbühne mit Stange oder Ansage der Performer aufweisen, die den reinen Entblössungstanz aber kontrastieren oder gar torpedieren.

Wie ein Tier in Agonie

Der Calypso-Chef hatte seine Habitués vorgängig über die «Zürich tanzt»-Intervention ins Bild gesetzt, und ein Blick durchs schummrige Lokal verriet: Die meisten waren den zwei Darbietungen des Freitags ferngeblieben. Dennoch war das Cabaret bis auf den letzten Platz besetzt, vorab durch Kunstinteressierte, darunter auffallend viele Frauen. Zuerst trat Pina Ganzoni auf die Tanzbühne. Halb nackt, und sie wurde unter heftigen Beats bald nackt und nackter. Doch im selben Moment auch wild und wilder: Sie zeigte ihre Muckis, exerzierte Liegestützen, machte den «Doggystyle», fixierte Gäste mit stählernem Rocky-Balboa-Blick; ja, da war in ihrer erotischen Vollweiblichkeit etwas enorm Machoides. Und plötzlich der krasse Bruch: Die Musik ging aus, sie stimmte einen folkloristischen Singsang an, griff zur Handorgel und spielte splitternackt ein lieblich Lied, wie mans auch gern in unseren Bergen oben spielt. Das war auf abartige Art kitschig und sinnlich und spooky, es hatte was vom «Sennentuntschi». Eine grandiose Darbietung.

Anders geartet war die zweite Nummer, sie führte im Publikum rasch zu befreiten Lachern: Patrick Balaraj Yogarajan entledigte sich zum Joe-Cocker-Song «You Can Leave Your Hat On» Kleidungsstück um Kleidungsstück, die er allesamt wie ein schüchterner Sechstklässler umsitzenden Girls und Boys zuwarf. Als er im Adamskostüm dastand, setzte er die Hipsterbrille auf und hielt ein schräges Kurzreferat über die Kulturgeschichte des Striptease, bei dem auch europäische und kanadische Eishockeyspieler vorkamen. Es war ein bisschen wie bei Monty Python, und es kam gut an.

Heftiger ins Gedärm fuhr der Schocker von Steven Schoch. Auf die Bühne schritt der Schlaks, wie Gott ihn schuf. Dann wickelte er sich mit Klebeband ein: vom Genitalbereich über die Beine bis zum Oberkörper. Danach zog er High Heels an, montierte diabolisch wirkende Hörner und begann zum psychedelisch-repetitiven Rhythmus (der einer akustischen Hirnwäsche gleichkam) zu tanzen – liegend und wiegend, stehend und drehend. Je länger die Show dauerte, umso mehr wirkte Schoch wie ein angeschossenes Tier in Rausch und Agonie. Als er fertig war, waren irgendwie alle fertig.

Die nötige Entkrampfung lieferte das Finale, das andere Emotionen lieferte: Es wurde richtig ästhetisch – und irgendwie rührend. Erst tanzte Zihan Loo die Standardchoreografie der eingangs erwähnten Marina Zeller; sie ist hochschwanger und mag mit ihrem Bauch nicht mehr auftreten. Als Loo fertig war, unterhielten sich die beiden vor Publikum über alles, was man immer schon von einer Stripperin wissen wollte, sich aber nie zu fragen getraute: «Was ziehst du am liebsten aus?» – «Die Korsage. Ich zögere das aber gern hinaus, wenn ich spüre, wie die Männer gierig darauf warten.» – «Welches ist der unangenehmste Moment?» – «Wenn ich mich des Slips entledigen muss. Ist er weg, gibt es keinen Spielraum mehr. Deshalb ziehe ich manchmal zwei Höschen an.»

Freude, nicht Schadenfreude

So, nun kann man tief durchatmen: Alles, was jetzt noch folgt, ist von züchtiger Harmlosigkeit. Zum Beispiel der Besuch des «kreativen Kleinkindertanzes» für Kinder im Alter von zwei bis vier am Samstagmorgen um 11 Uhr im GZ Wollishofen. Geleitet wurde der Crashkurs von Claudia Christen, die mit ihrem Projekt Spiraldance auch unabhängig von «Zürich tanzt» Dreikäsehochs zum Grooven und Moven bringt. Christen baute ihr Programm als musische Naturgeschichte auf: So waren die Kinder mal Summervögeli und mal Würmer, mal Schnäggli und mal Tausendfüssler, mal Blüemli und mal Winde. Vor allem aber waren sie irgendwann hundemüde – nach einer halben Stunde bekam die Aufmerksamkeit der Kleinen Defizite (da halfen auch Bananen und Schoggikekse nicht mehr weiter), und so hüpften und krochen zum Schluss hin mehrheitlich glückliche Jungeltern im Raum herum; nicht selten zur Belustigung/Irritation des eigenen Nachwuchses.

Eine Stunde später gabs einen weiteren Crashkurs (insgesamt fanden in den drei Festivaltagen über 120 statt), diesmal waren die Grossen dran. Konkret: Menschen im Alterssegment Ü-50, die sich im Theaterhaus Gessnerallee mit Ausdruckstanz ausdrücken wollten. Der Schreibende war nicht ohne Vorurteile angereist; er erwartete Batikshirts, Sonnengrüsse oder musikalische Bestellungen beim Universum. Er wurde eines Besseren belehrt. Kursleiterin Lia Rusterholz führte die zehn Frauen und den einen Mann geschickt ans freie (und sichtbar befreiende) Tanzen heran: Erst wurde allein auf Füsse und Beine fokussiert, dann kamen die Hüfte und schliesslich die Arme hinzu. Die Teilnehmer wurden von Song zu Song lockerer, dynamischer. Klar, im Gonzo oder in der «Zukki» tanzt man cooler, minimalistischer. Und doch machte das Zuschauen Freude, nicht Schadenfreude – auch wenn nicht alle über ein gleich stark ausgeprägtes Rhythmusgefühl verfügten.

Der Eindruck von enthemmter Fröhlichkeit quer durchs ganze Altersspek­trum hindurch zog sich bei weiteren Festival-Stippvisiten fort. Tanzen tut gut, das ist offensichtlich: sowohl den Zürchern wie auch ihrer Stadt. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.05.2014, 18:43 Uhr

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