Zürcher Taximarkt

Taxi fahren heisst im Taxi warten

Nach einer durchgearbeiteten Nacht kommt Taxifahrerin Dolores Zanini oft mit nur 50 Franken nach Hause. Jetzt kämpft die Präsidentin der IG Taxi dafür, dass in Zürich weniger Taxis zugelassen werden.

Sie arbeitet nachts, damit das Geld zum Leben reicht: Taxifahrerin Dolores Zanini vor einer langen Schicht.

Sie arbeitet nachts, damit das Geld zum Leben reicht: Taxifahrerin Dolores Zanini vor einer langen Schicht. Bild: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie hat die Hand schon am Zündschlüssel; die Plüschmaus am Schlüsselbund schaukelt emsig hin und her. Noch eine Drehung, und der Motor springt an – doch das Paar läuft am Taxi vorbei. Dolores Zanini lässt die Hand sinken. Es ist halb elf Uhr nachts, und sie hat «noch nichts auf der Uhr», wie sie sagt, noch keinen einzigen Kunden transportiert. Dabei ist Wochenende, der Standort neben dem Rathaus ist gut, die Zeit günstig.

In der Stadt Zürich sind über 1500 Taxis registriert. Viel zu viele, finden die Taxifahrerinnen und -fahrer. Oft müssen sie Stunden warten, bis sie einen Gast transportieren können. Und künftig, so befürchten sie, könnte es noch länger dauern; letzte Woche hat das Zürcher Stadtparlament den Taximarkt geöffnet. «Eine Frechheit», finden die Taxifahrer. Das gehe ihnen ans Lebendige. Die IG Taxi wird deshalb, angeführt von ihrer Präsidentin Dolores Zanini, in Bern eine Petition einreichen.Zwei Stunden zuvor hat Dolores Zanini ihre Schicht angetreten.

Alles ist im Fluss - nur die Taxis vor Zanini stehen still

Im Nadelstreifenanzug und auf hohen Absätzen trippelt sie zu ihrem silbernen Mercedes, in der Hand ein winziges Täschchen. Jeder, der sie sieht, würde erwarten, dass diese elegante Erscheinung im Fond des Wagens Platz nimmt und sich chauffieren lässt. Stattdessen schliesst sie die Fahrertür auf, startet den Motor und fährt Richtung Hauptbahnhof. Sie sucht einen Standplatz, aber alles ist belegt: am Bahnhofquai und am Bahnhofplatz sowieso. Vor dem Kaufleuten wäre noch einer frei. Aber was will sie dort um diese Zeit? Dieser Standplatz wird erst nach Mitternacht zu einem guten Platz.

Sie reiht sich am Bellevue in die Taxikolonne ein – Platz 3, immerhin – und wartet. Der Strassenlärm dringt gedämpft in den Wagen. Trams bremsen quietschend und fahren wieder weg, das Brummen der Autos schwillt im Rhythmus der grünen und roten Phasen an und ab. Alles ist im Fluss – nur die Taxis vor Dolores Zanini stehen still. «Arbeiten heisst für uns warten», sagt sie. Sechs Nächte pro Woche arbeitet sie inzwischen, damit das Geld zum Leben reicht, am Wochenende jeweils bis 7 Uhr morgens. Und die meiste Zeit davon sitzt sie alleine in ihrem Mercedes. Und wartet.

Hooligans am Kragen gepackt

Dolores Zanini, von allen Dolly genannt, fährt seit 10 Jahren Taxi. Zuvor war sie Geschäftsführerin der Gräbli-Bar. Wenn sie getrunken hatte, liess sie sich von «Theo selig» heimfahren. «Komm doch auch Taxi fahren», hatte der ihr gesagt. Der Gedanke, ohne Chef zu arbeiten und die Arbeitszeit selber zu bestimmen, gefiel ihr. Also machte sie die Taxiprüfung. Der Anfang war hart. Stellte sie den Wagen am falschen Ort hin, hiess es sofort «du verdammte Dreckschlampe» oder «du Ratte»; Frauen werden nicht von allen Taxifahrern geachtet.

Das änderte sich. Sie, grazil und nur 157 Zentimeter gross, musste sich als Barfrau schon gegen Hooligans durchsetzen. Sie stellte sich ihnen in den Weg und packte auch einmal einen am Kragen, wenn sie in ihr Lokal kommen und randalieren wollten. «Man erschrickt eben schon, wenn ein so kleiner Cheib wie ich den Tarif durchgibt», sagt sie amüsiert. Und dann noch mit dieser Stimme; sie ist so tief und rauchig, dass sie morgens am Telefon regelmässig mit «Herr» angesprochen wird.

Taxifahrer warten nicht auf den nächsten Kunden, sondern auf die AHV

Auch bei Taxifahrern setzte sie sich durch. Vor zwei Jahren wählten diese sie gar an die Spitze der neu gegründeten IG Taxi. «Du hast die Energie zum Kämpfen», sagten viele. Die braucht es tatsächlich, denn der Kuchen, so sagt sie, wird immer kleiner. Seit die Nachtbusse zur halben Stunde verkehren, fahren noch weniger Leute Taxi. Zudem spürt auch ihr Gewerbe die Folgen des Rauchverbots; die Gäste bleiben weniger lang in den Beizen sitzen und kommen noch mit dem Tram nach Hause. Gleichzeitig drängen laut Zanini mehr Landtaxis in die Stadt, und am Wochenende montieren sich auch Leute ohne Konzession ein Taxischild aufs Autodach und verdienen sich so ein Sackgeld. Was Zanini besonders ärgert: Es würden auch Sozialhilfeempfänger Taxi fahren geschickt, damit sie wenigstens etwas verdienten.

«Die Leute meinen, Taxifahrer verdienen ein Heidengeld. Dabei können wir kaum mehr von unserem Verdienst leben», sagt sie. Sie schaltet via Handy ihren Aktuar hinzu. «Du, Werni, was verdient heute ein Taxifahrer?» Sie kommen überein, dass einer, der 55 Stunden, 6 Tage pro Woche, arbeitet, pro Monat 3000 bis 3500 Franken nach Hause bringt. Mehr als 55 Stunden dürfen Taxifahrer nicht arbeiten. Manche sieht Zanini aber schon um 9 Uhr am Bahnhof, und um Mitternacht stehen sie noch immer dort. «Aber was will einer tun, wenn er eine Familie ernähren muss?»Auch sie kommt nach einer langen Nacht manchmal nur mit 50 Franken nach Hause, davon bleiben ihr 40. Ein Frust. Heute würde sie nicht mehr ins Taxigewerbe einsteigen. Aussteigen kann sie aber nicht mehr: «Ich bin 57. Wer stellt mich ein?» Im Grunde warten die Taxifahrer nicht auf den nächsten Kunden. Sie warten alle auf die AHV.

«Wir sind soziale Abfallkübel»

Die Taxis vor ihr stehen noch immer da, hinter ihr wächst die Kolonne. Dolores Zanini dreht den Zündschlüssel und fährt zum Rathaus. Auf der Gemüsebrücke weht eine scharfe Bise, jeder Taxifahrer in der Kolonne wartet alleine im Auto: Der erste löst im fahlen Licht der Strassenleuchten Kreuzworträtsel, der zweite schläft bei lauter afrikanischer Musik. Der dritte schreibt im Dunkeln SMS, der vierte ist irgendwo. Nur der fünfte steht vor dem Auto. Was er davon halte, dass Landtaxis künftig Aufträge in der Stadt annehmen dürfen? Die Antwort ist ein wütender Redeschwall. Brocken wie «Faust ins Gesicht», «Sauerei» und «verdienen nichts» lassen sich vernehmen. Fair sei es nicht, meint eine Taxifahrerin, die hinzugekommen ist. Sie müsse 780 Franken pro Jahr für ihre Konzession bezahlen, ihre Ortskenntnisse und ihr Deutsch prüfen lassen. Die Landtaxis hingegen müssten gar nichts und dürften hier dennoch Aufträge annehmen. «Wie es den Taxifahrern geht, interessiert keine Sau», sagt einer, die anderen nicken. «Wir sind der soziale Abfallkübel.»

Seit Jahren versuchen die Städter ihr Revier gegen wildernde Landtaxis zu verteidigen. Als sie vor zwei Jahren begannen, sie im Internet an den virtuellen Pranger zu stellen, eskalierte der Streit. Die einen drohten den anderen – «das nächste Mal fährst du auf den Felgen heim» –, und die anderen traten ihren Widersachern eine Beule ins Auto. Auch Dolores Zanini wurde schon bedroht. «Ich bringe dich um», sagte ein Fahrer vom Land zu ihr, als sie vor einen Standplatz hinstand und verhinderte, dass er sich – verbotenerweise – einreiht.

Besoffene sind Zeitbomben

Ein Mann läuft vorbei und schaut ins Taxi. Schon wieder hat Dolores Zanini ihre Hand am Zündschlüssel. Umsonst. Aber vielleicht braucht die Frau im Kostüm, die sich forschen Schrittes nähert, ein Taxi? Oder die jungen Frauen mit den mörderisch hohen Absätzen? Alle gehen vorbei. «So, kommt jetzt einmal einer?», ruft sie ungeduldig. Und tatsächlich, ein junger Mann beugt sich zu ihr hinunter und schaut durch seine Hornbrille ins Auto: «Mein Kollege ist ein bisschen besoffen. Nur ein bisschen», sagt er mit schwerer Zunge. «Nehmen sie ihn mit?» Die Taxifahrerin im Auto dahinter sagt spöttisch: «Ein bisschen besoffen heisst, er kotzt nach 5 Minuten ins Auto.»

Besoffene im Taxi sind Zeitbomben; müssen sie erbrechen, ist der Abend auch für den Taxifahrer gelaufen. Selbst wenn er das Auto sofort reinigt, will keiner mehr einsteigen, denn es stinkt noch lange. Aber: Besoffene fahren meist weiter als um die nächste Hausecke und bringen etwas «auf die Uhr». «Geht es oder geht es nicht?», will der Mann vor dem Fenster wissen. Inzwischen ist auch der ein bisschen besoffene Kollege aufgetaucht. Er drückt sein bleiches Gesicht stumm gegen die Autoscheibe, bis die Nase aussieht wie ein grosser Champignon. «Ein bisschen besoffen», sagt Zanini verächtlich und schickt sie weg. Dann, kurz vor 23 Uhr, nach zweieinhalb Stunden Warten, nähert sich ein Paar. Dolores Zanini hat die Hand schon am Zündschlüssel, die Plüschmaus am Schlüsselbund schaukelt emsig hin und her. Das Paar steigt ein, nur für eine kurze Fahrt. Trotzdem, Zanini dreht den Schlüssel. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.04.2012, 10:33 Uhr

Artikel zum Thema

Stadtzürcher Taxis müssen sich neu am Markt behaupten

Das Stadtparlament hat die neue Taxiverordnung einstimmig abgesegnet. Neu gelten die städtischen Preise als Höchsttarife, die unterschritten werden können – und auswärtige Fahrer dürfen Kunden aufnehmen. Mehr...

App will Zürcher Taximarkt aufmischen

Mit einer neuen App soll Bewegung ins Taxigewerbe kommen. Doch die App hat für die Stadtzürcher Fahrer nicht nur Vorteile. Einige werden sich mehr anstrengen müssen. Mehr...

Weko will Landtaxis in Stadt Zürich zulassen

Für die Wettbewerbskommission ist klar, dass Gemeinden und Kantone auch ortsfremde Taxis tolerieren müssen. Stadtzürcher Taxifahrer sind entrüstet. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Blogs

Sweet Home Best of Homestory: Zu Besuch bei zwei Ästheten

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...