Teil 27: Bonnie und Clyde

Der Sommerroman im Tages-Anzeiger: Folge 27: Sarah und Franco bereiten sich auf den Urnentausch vor.

Sarah und Franco warteten auf dem Schiffssteg. Ängstlich und leicht betrunken. Dann passierte das Unglück.

Doris Fanconi

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Was bisher geschah: Sarah und Franco haben die Urne mit Mehl gefüllt und das Kokain verkauft. Nach der Übergabe wollen sie sich nach Berlin absetzen.

Sarah und Franco sassen auf dem Bauschänzli und verfolgten gleichgültig den Auftritt einer Blaskapelle. Die Touristeninsel in der Limmat wirkte wie ausgestorben nach dem langen Regen. Nur ein älterer Herr mit Westernkrawatte stand in einer Pfütze und schnippte gedankenverloren mit den Fingern. Die Zürcherin und der Neapolitaner hatten an einem feuchten Holztisch Platz genommen und starrten auf zwei kalt gewordene Bratwürste und ein angebissenes Püürli. Vor dem Showdown auf der Panta Rhei blieb ihnen noch etwas Zeit, um sich zu stärken. Aber irgendwie hatten beide keinen rechten Hunger. Sie waren viel zu nervös für feste Nahrung. «Nach diesem Bier ist aber Schluss», sagte Sarah vorwurfsvoll, «du willst diesem Mafiaschergen ja nicht besoffen gegenübertreten.»

Franco hob demonstrativ seinen Humpen und nahm einen kräftigen Schluck. «Ich weiss schon, wann genug ist.» Er schaute Sarah in die Augen. War es das, was er wollte? Mit dieser Zürcherin irgendwo in Berlin untertauchen, die Mafia ständig im Nacken? Klar war er verliebt, das erste Mal so richtig sogar, aber trotzdem. Franco vermisste Neapel. Würde er Pompeji jemals wiedersehen? Er sehnte sich nach halsbrecherischen Vespa-Fahrten durch die engen Gassen Spaccanapolis, nach der besten Pizza im Schatten des Castel dell’Ovo, nach dem Geruch von Salzwasser am frühen Morgen, wenn Dunst über dem Golf von Neapel lag und die Fischer ihren Fang am Strand ausnahmen.

Auch Sarah sah Franco an. Sie war da reingerutscht, wurde ungefragt Teil eines grotesken Sommerkrimis über vertauschte Urnen. Noch wäre Zeit gewesen, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Abhauen konnte sie schon immer gut. Aber dieser naive Lockenkopf faszinierte sie. Sarah liebte Abenteuer, und sie war arbeitslos. Weshalb also nicht für ein paar Monate im Berliner Untergrund verschwinden, ohne Plan, ohne jede Ahnung, was als Nächstes passieren würde. Franco würde sie in improvisierten Verstecken und wechselnden Hotelbetten lieben, und sie würde die Erfahrung immer noch künstlerisch verarbeiten können, falls alles schiefgehen würde. «Wenn wir überleben», dachte Sarah.

Franco zündete sich eine Zigarette an. «Hast du auch Angst?» «Vor was denn?» «Berlin.» Sarah stand auf und packte den weissen Plastiksack mit der präparierten Urne. «Klar hab ich Angst. Wer weiss schon, wie es sein wird.» Als Franco sie in die Arme nahm, roch sie seinen Atem. Er stank nach Bier und Parisienne. Unter normalen Umständen mochte sie beides. Jetzt aber stiess Sarah Franco fort und lachte: «Zuerst müssen wir jetzt diese Urnengeschichte erledigen. Den nächsten Kuss gibts erst, wenn wir im Zug nach Basel sind.»

Franco musste dringend auf die Toilette. Seine Freundin setzte sich währenddessen auf ein Mäucherchen am Stadthausquai. In der Frauenbadi hatte sie ihre erste Ausstellung. Aquarelle. Sie hatte verschiedene Rabatten bei Mondschein gemalt: Malven, Sommerflieder, Ambrosia. Es waren dunkle Bilder geworden. «Forbidden Seed» hiess die Serie. Später kam die Auftragsarbeit für die Sukkulentensammlung. «Königin der Nacht» nannte man sie seither in der Szene. Immer, wenn sie ein Bild verkaufen konnte, feierte das Sarah mit ihrer Galeristin im Pier 7 gleich gegenüber der Frauenbadi. Ob das kleine Bootshaus noch stehen würde, wenn sie dereinst nach Zürich zurückkehren würde? «Andiamo!» Franco riss sie aus ihren Gedanken. «Geh du schon mal vor und besorg die Tickets fürs Schiff», sagte Sarah. Sie wolle noch schnell eine Freundin anrufen, um sich zu verabschieden.

«Du mit deinen Freunden immer», meinte Franco ein wenig beleidigt und machte sich allein auf den Weg zum Steg am Bürkliplatz. «Judith, bist du es?» Sarah hörte ein Quietschen im Hintergrund, das ihr bekannt vorkam. Judith kicherte: «Wart schnell, Peter»

«Treibt ihr es auf meiner Matratze?», fragte Sarah kalt in den Hörer. Sie hatte ihrer Galeristin vor Monaten ihr altes Bett vermacht, nachdem sie in die Enge und in ein besseres Leben gezogen war.

«Geht dich eigentlich nichts an. Wo steckst du überhaupt die ganze Zeit?»

Sarah erklärte, dass dies eine lange und komplizierte Geschichte sei. Und dass sie sich für ein paar Monate ins Ausland absetzen würde, um sich mit Mauerpflanzen zu beschäftigen. «Ich will mich neu erfinden und melde mich wieder bei dir, wenn ich genügend Material für eine neue Ausstellung beisammenhabe. Ciao!»

«Sag mal, spinnst du jetzt? Hast du was genommen?», fragte Judith entsetzt.

«Glaub mir, die Lust auf Kokain ist mir gehörig vergangen», antwortete Sarah und schaltete ihr iPhone ab.

Auf dem Steg beim Bürkliplatz wartete Franco schon ungeduldig. Er hatte eine blau-weisse Mütze von der Schifffahrtsgesellschaft auf dem Kopf und blätterte durch einen Stapel Ansichtskarten von Zürich, die er zuvor am Kiosk gekauft hatte.

«Schau, wie schön!», sagte Franco mit schwerer Zunge.

«Wir sollten unser Geld nicht zum Fenster rauswerfen», sagte Sarah. Ob er denn bereits vergessen habe, dass sie sich in wenigen Stunden auf der Flucht befinden würden.

«Ich brauch doch eine Erinnerung an meine Wurzeln», sagte Franco traurig. Sein Räuschchen liess nach, und er wurde melancholisch.

«Reiss dich zusammen, reiss dich einfach zusammen, Franco», sagte Sarah. Um 17.35 Uhr würde man Gaetano auf dem hinteren Deck der Panta Rhei treffen. Man würde die Urnen austauschen und Minuten später bei Thalwil von Bord gehen. «Wir können uns keine Fehler leisten», sagte Sarah. «Calma», versuchte sie Franco wenig überzeugend zu beruhigen, «Ich bin Bonnie, und du bist Clyde, es wird schon gutgehen.»

«Bonnie ist die Frau, du Dummkopf», sagte Sarah, «schau, da kommt das Schiff.»

Der Zürichsee war ziemlich unruhig. Wellen klatschten ans Ufer, und die Panta Rhei, dieser schwimmende Glaskoloss, hatte einigermassen Mühe, sauber anzulegen. Als es dem Kapitän schliesslich gelang, kam der Anlegeplatz gefährlich ins Wanken. «Pass ja auf die Urne auf», sagte Sarah. Franco presste den Plastiksack an die Brust.

Männer in schönen weissen Uniformen warfen Seile über Poller und fuhren den Steg aus, über den bald die ersten Passagiere ans Festland strömten. Einige waren ziemlich bleich, was Franco, der raue See gewohnt war, amüsierte. Den Seekranken schadenfreudig nachwinkend, sah er die Gruppe russischer Touristen nicht kommen, die als Letzte das Schiff verliess. Und zwar genau in dem Moment, als Franco an Bord gehen wollte.

Die alte Babuschka schien aus dem Nichts aufzutauchen, es kam zum Rempler. Und ehe sich Franco versah, glitt ihm der Plastiksack aus der Hand. Die Urne rollte über den Steg und fiel ins Wasser. «Nicht!», rief Sarah. Dann verschwand das mit Mehl und etwas Kokain gefüllte Gefäss im ewigen Dunkel des Zürichsees.

Erstellt: 18.08.2010, 08:30 Uhr

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