Teure PR-Berater steuern vermehrt die Geschicke der Verwaltung

Oberjugendanwalt Marcel Riesen hat Krisenmanager Roger Huber engagiert, um sein Image aufzupolieren. Er ist nicht der Einzige: Externes Personal beizuziehen, wird bei den Behörden zunehmend salonfähig.

Im Fokus der Öffentlichkeit: Oberjugendanwalt Marcel Riesen und Justizdirektor Martin Graf (rechts) an einer Pressekonferenz zum Fall Carlos. Foto: Sophie Stieger

Im Fokus der Öffentlichkeit: Oberjugendanwalt Marcel Riesen und Justizdirektor Martin Graf (rechts) an einer Pressekonferenz zum Fall Carlos. Foto: Sophie Stieger

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Die Krisenfälle in der Zürcher Verwaltung und in staatsnahen Betrieben häufen sich: Wegen des Falls Carlos stehen derzeit Oberjugendanwalt Marcel Riesen und Justizdirektor Martin Graf (Grüne) am Pranger. Im Fall Mör­geli war es der Rektor der Universität, Andreas Fischer, der inzwischen zurück­getreten ist. Bei der umstrittenen Lohnerhöhung von BVK-Chef Thomas Schönbächler geriet der neue Stiftungsrat der Pensionskasse ins Schleudern und im BVK-Korruptionsskandal Finanzdirektorin Ursula Gut (FDP) und diverse ihrer Vorgänger.

Im Fall Carlos ist nun offensichtlich geworden, dass Oberjugendanwalt Riesen einen PR-Berater beigezogen hat: Roger Huber. Der Sprecher der Justizdirektion, Benjamin Tommer, bestätigte am Donnerstag, dass Riesen und Huber eine Vereinbarung unterzeichnet haben: «Sie umfasst Monitoring und Beratung, aber keine Medienarbeit.» Gemäss Insidern läuft diese Zusammenarbeit schon mehrere Monate und dauert weiter an – die Rede ist von einem Monatshonorar, das zeitweise 4000 Franken betrug. Ex-Journalist Huber erklärte vor einigen Wochen im «Magazin»: «Mein Auftrag ist es, Marcel Riesen zu retten.» Nun steht er selber im Fokus, weil er Bilder aus der verwüsteten Zelle von Carlos an die Medien weitergegeben haben soll. Ob er es tatsächlich getan hat, ob ihm Riesen die Bilder gegeben und damit eine Amtsgeheimnisverletzung begangen hat, untersucht jetzt die Staatsanwaltschaft.

235 Millionen für Externe

Die Frage ist aber auch: Ist es opportun, wenn Amtspersonen auf Kosten der Steuerzahler Krisenmanager engagieren? Klar ist, dass es sich bei Riesen und Huber nicht um einen Einzelfall handelt. Laut einem Bericht der «Handelszeitung» hat der Bund letztes Jahr 235 Millionen Franken für externe Berater ausgegeben, so viel wie noch nie zuvor. Aus dem Kanton Zürich waren am Donnerstag keine Zahlen erhältlich.

Allerdings ist bekannt, dass sich auch Unirektor Fischer im Fall Mörgeli extern beraten liess. Der Stiftungsrat der BVK engagierte den Krisenmanager Peter Metzinger, nachdem die Lohnerhöhung für BVK-Chef Schönbächler viel höhere Wellen schlug, als der Stiftungsrat erwartet hatte. Metzinger erhielt ein Beratungsmandat, das sich allein auf die Kommunikation des umstrittenen Lohnes beschränkte, wie Lilo Lätzsch, Vizepräsidentin des BVK-Stiftungsrats, bestätigt. Peter Metzinger ist Geschäftsführer der Firma Reputation Rescue. Sie setzt sich also ein für die Rettung des Rufes der Auftraggeber, oder wie es auf der Website heisst: «The Reputation Rescue Company AG ist die Agentur, die sich voll und ganz auf akute Krisenkommunikation für ihre Kunden konzentriert und deren Reputation vor unnötigen und vermeidbaren Schäden im Krisenfall schützt.» Laut Referenzliste hat Metzinger schon für die Bundesverwaltung gearbeitet, aber auch für diverse Privatfirmen, unter ihnen die Fluggesellschaft Swissair.

Keine externe Hilfe von Krisenmanagern hat die Finanzdirektion von Regierungsrätin Ursula Gut in Anspruch genommen, auch im BVK-Korruptionsfall nicht, wie Sprecher Roger Keller am Donnerstag sagte. Gleichzeitig betonte er, es liege aber in der Kompetenz von Amtschefs und Regierungsräten, externe Berater zu engagieren.

Halbierung des Budgets

Solche Aussagen ärgern SVP-Kantonsrat Claudio Zanetti, der seit Jahren gegen den «ständigen Ausbau» der Kommunikationsabteilungen in der kantonalen Verwaltung kämpft: «Wenn Amtspersonen fürs Krisenmanagement externe PR-Berater beiziehen, heisst das nichts anders, als dass ihre festangestellten Pressesprecher unfähig und damit überflüssig sind.» Für Zanetti gehört die Krisenbewältigung zum Kerngeschäft der diversen Medienstellen im Kanton, zudem müsse im Fall Carlos hauptsächlich Justizdirektor Martin Graf die Krise bewältigen und nicht externe PR-Berater: «Der Chef gehört auf die Brücke.»

Zanetti kündigte deshalb eine Leistungsmotion an, mit der er die Halbierung der Ausgaben für Kommunikationsfachleute verlangt. Wie gross der Abbau wäre, war nicht zu eruieren. Allerdings waren im Jahr 2011 in der Zentralverwaltung 38 Vollzeitstellen für die Kommunikation vorgesehen.

Etwas anders sieht die Sache Kantonsrat Hans Läubli, ein Parteikollege von Justizdirektor Martin Graf. «Wenn ich Riesen wäre, würde ich mich auch extern beraten lassen», sagt Läubli, der auch Präsident der Justizkommission ist, welche Graf und Riesen beaufsichtigen muss. Dass Riesen einen Krisenmanager engagiert hat, sei auch deshalb verständlich, da Jugendanwalt Hansueli Gürber wegen Carlos nicht mehr im Amt sei, so Läubli. Gürber war zuvor Sprecher der Jugendanwaltschaft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2014, 00:03 Uhr

Carlos wird «intensiv beschult»

Zürich – Carlos befindet sich seit Montag wieder im Raum Basel. Dies teilte am Donnerstag die Zürcher Oberjugendanwaltschaft mit. «Die dortigen Polizei- und Justizbehörden wurden darüber
informiert.» Aufgrund des Bekanntheitsgrades sei es nicht einfach, für den 18-Jährigen und dessen Betreuung eine geeignete Wohnung zu finden. Deshalb habe man ihn «mindestens in einer Anfangsphase im direkten Umfeld von Shemsi Beqiri untergebracht». Unklar ist, ob Carlos in Beqiris Wohnung einquartiert ist oder nur in der Nähe von ihm wohnt. Der frühere Thaiboxtrainer von Carlos sei für den Jugendlichen «eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Bezugsperson», lautet die Begründung. Carlos darf in seiner Freizeit Sport treiben, auch Thaiboxen. Gleichzeitig müsse er eine Therapie absolvieren und werde «intensiv beschult». In naher Zukunft werde er Praktika absolvieren. Das Sondersetting wird von der Institution Riesen-Oggenfuss durchgeführt und eng durch die Jugendanwaltschaft begleitet. «Nach wie vor ist die Situation für alle Beteiligten herausfordernd», schreibt die Oberjugendanwaltschaft. Das Vorgehen sei mit Justizdi­rektor Martin Graf (Grüne) abgesprochen. Graf lehnte in der Vergangenheit Thaiboxtrainings für Carlos und Kontakt zu Beqiri ab. (pu)

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