Thaiboxen als Therapie: «Persönlichkeit des Trainers ist entscheidend»

Erik Golowin, Karatelehrer und Experte für Gewaltprävention mit Sport, sieht Kampfsport als valables Mittel zur Gewaltprävention. Doch nicht alle Arten und Trainer eignen sich dafür.

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Der jugendliche Messerstecher Carlos erhält als Therapiemassnahme Thaibox-Training. Inwiefern dient Kampfsport der Gewaltprävention?
Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass Kampfsport hilft, Aggressionen abzubauen und zu kanalisieren. Kampfsport wird in der Schweiz in der Basler Weiterbildungsschule Bäumlihof eingesetzt. In den Banlieues von Frankreich erhalten gewaltbereite Jugendliche Boxtraining, um ihre Gewalt in den Griff zu bekommen.

Das klingt paradox.
Um das zu verstehen, muss man wissen, was Kampfsport alles beinhaltet. Kampfsport vermittelt ein Menschenbild. Es zeigt einem auf, wie man mit Gewalt gegen andere, aber auch gegen sich selbst umgeht und seine emotionale Energie kanalisiert. Die Methodik lehrt einen, dabei aber immer sein Gegenüber wahrzunehmen, auch wenn man emotional aus dem Gleichgewicht fällt.

Strafrechtsprofessor Martin Kilias belegt in seiner Studie von 2009, dass gerade Jugendliche, die Kampfsportarten trainieren, häufiger Gewalt anwenden als solche, die einer Mannschaftssportart oder Krafttraining nachgehen.
Das stimmt aus strafrechtlicher und statistischer Sicht sicher. Die Studie unterscheidet aber nicht nach einzelnen Kampfsportarten, denn man darf nicht alle Kampfsportarten über einen Leisten schlagen.

Wie steht es mit dem Thaiboxen?
Die erwähnten Grundsätze gelten für die traditionellen Kampfsportarten wie Judo, Karate oder Kung-Fu. Beim Thaiboxen habe ich da meine Fragezeichen.

Warum?
Thaiboxen ist eine Vollkontaktsportart, das heisst, es geht darum, seinen Gegner um jeden Preis und mit allen Mitteln k. o. zu schlagen. Die Sportler treten im Gegensatz zu Taekwondo-Kämpfern ohne jede Schutzausrüstung an. Deshalb fehlt für mich beim Thaiboxen die Wahrnehmung des Gegenübers. Ähnliche Vorbehalte habe ich auch gegenüber den Sportarten Vollkontaktkickboxen sowie -karate, die Tritte gegen den Kopf und Schläge jeglicher Kraft erlauben, oder Mixed Martial Arts, bei denen auch im Bodenkampf noch geschlagen werden darf. Beim Thaiboxen sind zudem die Ausbildungsstrukturen nicht so weit entwickelt wie in anderen Sportarten. Der Sport ist beim Bundesamt für Sport sehr schlecht integriert und nicht olympisch.

Also ist aus Ihrer Sicht das Thaibox-Training im Fall Carlos nicht gerechtfertigt?
Sagen wir es so: Thaiboxen ist als Therapiemassnahme allenfalls möglich, doch die wichtigste Rolle spielt die Persönlichkeit des Trainers.

Welche Voraussetzungen muss er erfüllen?
Jeder gute Instruktor sollte einen gefestigten Charakter haben und mit seinem Auftreten auch Kampfsportwerte wie Fairplay ausstrahlen. Das gilt insbesondere fürs Thaiboxen, wo es darum geht, den anderen um jeden Preis niederzuschlagen. Der verstorbene Schweizer Kampfsportler Andy Hug hatte beispielsweise eine solche positive Ausstrahlung. Die Boxtrainer in den Banlieues sind diesbezüglich auch speziell geschult worden. Mit anderen Worten: Entscheidend ist nicht, welche Werkzeuge man braucht, sondern wer sie bedient.

Sprechen Sie dem Trainer von Carlos diese Qualifikationen ab?
Ich kenne ihn nicht. Tatsache ist, dass wegen der fehlenden Integration ins Bundesamt für Sport auch eine gewisse Aufsicht über die Trainerausbildung fehlt.





(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.09.2013, 15:40 Uhr

«Beim Thaiboxen geht es darum, seinen Gegner um jeden Preis und mit allen Mitteln k. o. zu schlagen»: Erik Golowin, Karatelehrer und Experte für Gewaltprävention mit Sport. (Bild: ZVG)

Erik Golowin

Erik Golowin (52) ist Karatelehrer und J&S-Experte für Gewaltprävention mit Sport. Er leitet das Zentrum für Kampfkunst und Gesundheit in Bern und hat die Biografie über Kampfsportler Andy Hug verfasst.

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