Theater-Spektakel mit neuem Wahrzeichen

Mit einem Turm möchte das Theaterspektakel näher ans Volk rücken. Man kann ihn besteigen und in seinem Innern viel erleben. Manches sogar gratis.

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Der Turm von Babel ist es nicht, der sich auf der Landiwiese erhebt. Keine menschliche Selbstüberschätzung hat den Bau veranlasst, und bis zum Himmel reicht er auch nicht. Der neue, 12 Meter hohe Turm am 29. Zürcher Theater-Spektakel, das heute beginnt, hat ganz andere Zwecke, wie Werner Hegglin von der Festivalleitung erzählt.

Zum einen will der Turm an die Saffa erinnern, die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit, die vor genau 50 Jahren auf der Landiwiese stattfand und deren Wahrzeichen ein «Wohnturm» von stolzen 35 Metern war. Überdies soll der Spektakel-Turm Theater und Beizenbetrieb stärker miteinander verbinden und auch das Laufpublikum mit neuen Theaterformen in Kontakt bringen. Ohne Tickets. Umsonst. Oder fast.

Nicht gratis ist die altbekannte Weinbar, die ins Erdgeschoss des Turms umzieht. Im ersten Stock aber gilt «Eintritt frei». Hier nisten sich die Schriftsteller Guy Krneta und Pedro Lenz ein, um Abend für Abend während 15 Minuten und auf Berndeutsch das Geschehen am Festival zu kommentieren.

Ein bisschen sind die beiden auch im zweiten Stock zu Hause. Lenz und Krneta haben Texte geschrieben für das «Mondoskop», ein höchst wunderliches Theater. Der Berner Bühnenbildner Matthias Schmid hat es zusammen mit seinem Atelier für Zufallsforschung ausgetüftelt. «Wir hatten genug davon, als Bühnenbildner immer nach der Pfeife der Regisseure tanzen zu müssen», lacht Schmid, «so haben wir den Spiess mal umgedreht.»

Wer einen Einfränkler in eines von zehn Holzkästchen wirft, kann drei Minuten lang mechanisches Theater geniessen. Jedes der Kästchen zeigt eine andere Aufführung, gemeinsam aber ist ihnen, dass sie per Computer choreografiert und gesteuert werden _ ein hoch diffiziler Work in progress, an dem 60 Leute beteiligt sind. «Manchmal verzweifle ich fast», gesteht Schmid, «aber dann geht es doch immer irgendwie.»

Kostenlos ein iPod

Beim Hochsteigen im Turm eröffnen sich neue Perspektiven: So hat man See und Landiwiese am Theater-Spektakel noch nie gesehen. Ein blosser Aussichtsturm soll das neue Wahrzeichen jedoch nicht sein. Im dritten Stock hat sich das Erinnerungsbüro mit seinem Langzeitprojekt «Meine Grosseltern» eingerichtet. Die Besucher erhalten da leihweise und kostenlos einen iPod, auf dem alle Erinnerungsgespräche gespeichert sind, die der Theatermann Mats Staub bisher mit Enkelinnen und Enkeln geführt hat. Auf einem Sofa können sie bequem und nach Belieben abgehört werden _ «bis Erinnerungen an die eigenen Grosseltern aufsteigen», wie Staub sich wünscht.

In Bern, wo er das Projekt im April startete, waren es einzelne Gegenstände, welche die zwischen 1945 und 1985 geborenen Enkel ins Erzählen brachten. Die letzten Socken, die eine Grossmutter strickte. Oder eine henkellose Tasse mit den Zwillingstürmen des World Trade Center, die als Mitbringsel der Grosseltern aus Amerika im Schrank überlebte. In Zürich sollen nun Fotos die Erinnerung in Gang setzen, Fotos, auf denen die Grosseltern noch jung, zwischen 20 und 40 waren. 60 Foto-Geschichten hat Staub bereits aufgezeichnet; weitere sind willkommen.

Nach dem Theater-Spektakel wird das Erinnerungsbüro weiter ans Theater Basel ziehen. Und auf dem Dachboden des Theater Solothurn ist eine theatralische Installation mit dem gesamten gesammelten Material geplant, ein Mix aus Theater und Ausstellung.

Im Erinnerungsbüro ist man noch nicht am Ende. Wie es sich für einen richtigen Turm gehört, gibt es zuoberst eine Aussichtsplattform. Von da aus lässt sich sowohl in die Gegenwart als auch in die Vergangenheit blicken. Das Zürich von heute ist zu sehen, aber ein Panorama mit alten Fotos gibt auch einen Eindruck von der Saffa und deren Turm, den die Architektin Annemarie Hubacher 1958 gebaut hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2008, 16:28 Uhr

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