Tödlicher Velounfall bewegt Tausende

In der Unterführung beim Bahnhofquai hat ein Velofahrer sein Leben verloren. Jetzt fordert der beste Freund des Opfers die Stadt zum Handeln auf. Über 3500 Personen unterstützen ihn.

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Wenn Pascal Zuber mit dem Velo durch Zürich fährt, ist ihm mulmig zumute. Die Angst brach am 23. September über ihn herein. An diesem Tag prallte sein bester Freund beim Hauptbahnhof mit einem Lastwagen zusammen. Die herbeigerufenen Sanitäter konnten den 35-Jährigen nicht mehr retten.

Ein Schock, den Zuber nicht tatenlos verarbeiten kann. Er beschliesst, eine Onlinepetition zu unterstützen, die aufgrund des tödlichen Unfalls gestartet wurde. Sie fordert sichere Velowege für Zürich – und zwar schneller als bis 2025, wie das der Masterplan Velo der Stadt vorsieht.

«Züri rollt zwar, wie es so schön heisst. Aber bei der Umsetzung eines sicheren Velonetzes reicht das Rollen alleine nicht aus, es braucht eine Beschleunigung», sagt Zuber. Es könne nicht sein, dass man in der «Velostadt Zürich» auf dem Zweirad um sein Leben fürchten müsse.

Über 700 Kommentare

Deshalb hat Zuber spontan eine Karte in einem Velogeschäft im Seefeld aufgestellt. Darauf steht: «Durch einen tragischen Unfall habe ich meinen besten Freund verloren. Wenn Sie mögen, unterschreiben Sie die Petition für ein sicheres Velonetz in der Stadt Zürich.» Seine Bekannten forderte er auf, es ihm gleichzutun.

Wie stark sich dieses Engagement auswirkt, lässt sich nicht genau sagen. Doch die Petition hat eine grosse Wirkung. Inzwischen haben sie nicht nur 3500 Leute unterzeichnet. Über 700 haben einen Kommentar abgegeben oder ihre Erlebnisse geschildert.

Ins Leben gerufen hat sie Tobias Zehnder. Als er vom tödlichen Unfall erfuhr, wollte er etwas tun. Der 31-Jährige schickte den Link zur Petition per E-Mail an lediglich zehn Freunde. Trotzdem verbreitete sich das Anliegen im Netz rasant. «Die Geschwindigkeit und die vielen Geschichten haben mich positiv überrascht», sagt Zehnder. Es zeige, dass das Thema viele bewege. Nun hofft der Zürcher, mit der Petition ein Zeichen zu setzen. Dass sich mit Pascal Zuber der Freund des Opfers ebenfalls beteiligt, freut Zehnder.

«Gefühlte Sicherheit hat sich nicht erhöht»

Unsichere Velowege beschäftigten Zehnder nicht zuletzt, seit er selber verunfallte – an einer Stelle, welche die Stadt für sicher hielt: Die Kreuzung Hubertus in Albisrieden. Als er sich beim Tiefbauamt von Ruth Genner (Grüne) meldete, prüfte die Stadt den Ort nochmals. «Sie gab zu, dass die Verkehrsführung nicht optimal ist», sagt Zehnder. Neue Markierungen sollen die Situation jetzt entschärfen.

Auf seinem Arbeitsweg von Albisrieden ins Seefeld fährt er an diversen Signalen und Markierungen vorbei, die erst kürzlich angebracht worden sind. Er begrüsst solche Schritte, doch das Hauptproblem sei damit nicht gelöst: «Die gefühlte Sicherheit hat sich alles andere als erhöht.» Noch immer sei für viele Velofahrer der Stadtverkehr so abschreckend, dass sie nicht aufs Rad steigen – obwohl sie gerne würden. Es habe zu viele Lücken im Velonetz und an den gefährlichsten Stellen fehle eine sichere Streckenführung.

Kein Unfall registriert

Das Tiefbaudepartement hat keine Freude an der Verbindung des tragischen Ereignisses und der Forderung nach raschen Lösungen des Veloproblems. Laut Sprecher Mike Sgier bedauere man den schrecklichen Unfall sehr. «Falls die Untersuchung zeigt, dass die Stelle durch Massnahmen wesentlich entschärft werden kann, wird entsprechend reagiert.» Allerdings gibt er zu bedenken, dass in den letzten zehn Jahren an diesem Ort kein Unfall registriert wurde.

Der Freund des Opfers sieht es anders: «Auch wenn die Unfallstelle in der Statistik bisher nicht aufgefallen sein mag, so ist sie für den Veloverkehr dennoch gefährlich und bedarf entsprechender Korrekturen», sagt Zuber.

Laut Sgier verstehe man das Anliegen, doch er mahnt zur Geduld: «Der Masterplan Velo ist letztes Jahr angelaufen und braucht seine Zeit.» Man könne nicht ganze Strassen nur für neue Velowege umbauen. Bei grösseren Vorhaben sei das nur verhältnismässig, wenn gleichzeitig andere Bedürfnisse realisiert würden. «Diese Vorhaben brauchen ihre Zeit», sagt Sgier. Es sei klar das Ziel von Zürich und des Masterplans Velo, die subjektive und objektive Sicherheit für Velofahrende zu erhöhen.

Velotour mit Frau Genner

Initiant Zehnder will 4000 Unterzeichner zusammenbringen. «Dann wollen wir Ende November die Petition dem Stadtrat übergeben, gerne auch in Kombination mit einer Velotour mit Frau Genner und den Verantwortlichen des Masterplans.»

Auf Anfrage sagt Genner, sie begrüsse die Onlinepetition, «da sie das zentrale Anliegen des Masterplans Velo nach sicheren Velowegen unterstützt». Sie erklärt, die Petition könne bei entsprechender Anmeldung bei der Stadtkanzlei offiziell übergeben werden. Die Übergabe findet in der Regel an einem Mittwoch vor dem Rathaus statt. Ob Genner persönlich erscheint, hängt von ihrem Terminplan ab. Der Stadtrat hat danach sechs Monate Zeit, die Petition mit einem Brief zu beantworten.

Erstellt: 06.10.2013, 17:14 Uhr

Velofahrer fühlen sich unsicher

Bei einer Umfrage des «Tages-Anzeigers» zu den gefährlichen Stellen im Velonetz wurde der Ort des tödlichen Unfalls zwar nicht explizit hervorgehoben. Doch bei der Erhebung im Juli bezeichneten viele den Bereich Bahnhofquai als Unfallschwerpunkt.

Von den 1517 Teilnehmern waren 13 Prozent gar selber in Velounfälle verwickelt, die an neuralgischen Stellen auf Zürichs Strassen passierten. Dazu gehören vor allem die Verkehrsknoten Bellevue, Buchegg- und Bürkliplatz sowie das Gebiet Josefstrasse/Hardbrücke. 65 Prozent der Velofahrer fühlen sich im Stadtverkehr generell unsicher. 81 Prozent sind der Meinung, dass es zu wenig Velowege gibt, und 59 Prozent finden, dass die bestehenden Wege zu wenig sichtbar sind. Auch die Anzahl der Veloabstellplätze wird von 63 Prozent als ungenügend beurteilt. (ep)

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