Touristen warnen vor der Langstrasse

Bars, Discos, Galerien: Der Kreis 4 ist der Place to be – sagen Zürcher. Viele Touristen sind da ganz anderer Meinung. Sie fürchten sich und warnen im Internet vor der Langstrasse.

Hat in internationationalen Reiseforen keinen guten Ruf: Die Zürcher Langstrasse.

Hat in internationationalen Reiseforen keinen guten Ruf: Die Zürcher Langstrasse. Bild: Tages-Anzeiger Archiv

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User Pemat aus New York schreibt: «Befolgt meinen Rat: Wenn ihr in Zürich übernachten müsst, steigt auf keinen Fall irgendwo in der Nähe der Langstrasse ab.» Seine Notiz bei Tripadvisor, einer Reiseplattform im Internet, betitelt er mit: «Grossartige Lage, wenn man denn Prostituierte mag». Pemat ist mit seinem vernichtenden Urteil über Zürichs Trendmeile nicht allein. Weitere Einträge lauten: «schlimmster Stadtteil», «Cracksüchtige auf den Strassen» oder «nachts sehr gefährlich».

Donnerstagnachmittag im Langstars Hostel, die Backpacker checken ein. Während die 26-jährige Ayuka aus Japan Name und Passnummer auf einem kleinen, weissen Zettel notiert, fahren draussen zwei Kastenwägen der Stadtpolizei vorbei. Eine Dirne aus Osteuropa unterhält sich wild gestikulierend mit ihrer Kollegin auf der anderen Strassenseite. Es ist verhältnismässig ruhig. Sie habe beim Buchen nicht gewusst, in welcher Zürcher Gegend sich ihr Schlafsaal befinde, sagt Ayuka. Die Willkommensschoggi und das Passwort fürs drahtlose Internet scheinen sie aber zu beruhigen. Morgen will sie aufs Jungfraujoch.

Langstrasse ist nicht unsicher

Hostel-Chef Lukas Hofstetter weiss, dass er gegen Windmühlen kämpft. Trotzdem wiederholt er sein Mantra bei jeder Ankunft eines neuen Gastes: «Die Langstrasse ist ein sicherer Ort.» Gerade weil hier praktisch rund um die Uhr Menschen unterwegs sind und die Polizei präsenter ist als in allen anderen Stadtkreisen. Die Traveller glauben ihm nicht – und stellen die Quittung ins Internet. Auf Hostelworld ist die Langstrasse die grösste Hypothek des Langstars: Die Lage bekommt im Schnitt nur 76 von 100 möglichen Punkten. Zum Vergleich: Hofstetter und seine Crew bekommen 90, die Atmosphäre im Haus 86 Punkte.

Die Stadtpolizei führt keine Statistik über Verbrechen, deren Opfer Touristen waren. Laut Sprecher René Ruf ist die Langstrasse zwar ein Brennpunkt, aber «nicht unsicher». Wo viele Leute seien, herrsche eben ein entsprechend grösseres Konfliktpotenzial.

Ärger über Zürich Tourismus

Lukas Hofstetter betreibt das Langstars seit bald einem Jahr. In dieser Zeit sei keinem seiner Gäste jemals etwas Ernsthaftes zugestossen. Deshalb ärgert es ihn, dass er von Zürich Tourismus nicht mehr Unterstützung bekommt. Von Gästen weiss er, dass man am HB den Ankommenden manchmal sogar abrät, im Kreis 4 zu nächtigen, weil es dort angeblich zu gefährlich sei. Kathrin Sommerauer vom benachbarten Hotel Rothaus pflichtet dem bei: «Es gibt überhaupt keine Unterstützung. Am Bahnhof warnen sie vor dem Kreis 4.» Lilian Spörri von Zürich Tourismus sagt dazu: «Wir weisen die Touristen nicht aktiv darauf hin, dass die Langstrasse ein gefährlicher Ort ist.» Buche jemand an dieser Adresse, sage man bloss, dass es sich um das Rotlichtviertel von Zürich handle.

Laut Hofstetter unternimmt Zürich Tourismus zu wenig, um der Langstrasse im Ausland zu einem positiveren Image zu verhelfen. «Man will Zürich als Destination für gehobene Ansprüche positionieren. Der Kreis 4 passt da nicht ins Bild.» Aus diesem Grund überlegt er sich, den Verein zu verlassen. Jährlich bezahlt Hofstetter einen Mitgliederbeitrag von 300 Franken plus 2.50 Franken Kurtaxe pro Übernachtung. «Dafür schicken sie zu wenig Leute.» Erst wenn die Jugi in Wollishofen und das City Backpacker im Niederdorf ausgebucht seien, komme das Langstars zum Zug. «Mit dem gesparten Geld könnte ich eine zusätzliche Arbeitskraft einstellen.»

Festnahmen vor der Lobby

Mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat das Hotel Rothaus gleich gegenüber an der Kreuzung Militär-/Langstrasse. Betreffend Lage schreibt ein ehemaliger Gast dieses Hauses aus Kanada auf Tripadvisor: «Man sollte zurück im Hotel sein, bevor es dunkel wird.» Wenn jemand mit anderen Vorstellungen gebucht habe und dann erschrecke, wenn er mit seinen Koffern in Zürichs Multikultiquartier ankomme, zeige man sich kulant, sagt Rothaus-Geschäftsführerin Kathrin Sommerauer: «Gäste, die sich unwohl fühlen, müssen nicht bei uns übernachten.»

Obwohl sie finde, dass die Langstrasse «die sicherste Gegend» sei. Ein Ärgernis seien die betrunkenen Nachtlebentouristen, die am Wochenende bis 6 Uhr morgens Bierdosen vor ihrem Hotel herumschleudern würden. Ebenfalls zu schaffen macht ihr und ihren Gästen, dass die Polizei öfters Personenkontrollen direkt vor dem Eingang zum Rothaus durchführt. «Solche Szenen irritieren.» Mehrmals habe sie sich bei der Stadtpolizei beschwert. Dann sei es jeweils für zwei Monate besser geworden, ehe alles wieder beim Alten gewesen sei.

Aufwertung der Langstrasse dauert zu lange

Auch vor Lukas Hofstetters Hostel passiert oftmals mehr Action, als diesem lieb ist. Etwa, wenn während der Frühstückszeit ein Dealer auf dem Trottoir gefilzt wird und die Beamten dessen Tascheninhalt auf einem der kleinen Langstars-Bistrotische ausbreiten. Gemäss Sprecher René Ruf versucht die Polizei ihre Aktionen so diskret wie möglich durchzuführen. Speziell Rücksicht auf Hotels oder Läden könne man nicht immer nehmen.

Dennoch: Rothaus-Geschäftsführerein Kathrin Sommerhalder hat Spass an ihrem Hotel an der Langstrasse. Obwohl ihr die Aufwertung der Nachbarschaft zu langsam geht. «Zwar sind in vielen Liegenschaften Cabarets von hippen Bars abgelöst worden, am Strassenbild hat sich in den letzten Jahren jedoch kaum etwas verändert», sagt sie.

Und auch Lukas Hofstetter trotzt der schwierigen Lage. Im Langstars sind stets zwischen 80 und 90 Prozent der Betten belegt. In einem Monat plant er die Eröffnung zweier weiterer Stockwerke in der Liegenschaft. Die Anzahl günstiger Übernachtungsmöglichkeiten im Hostel steigt dann von 26 auf 48. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2012, 06:53 Uhr

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