Trinken statt tanzen

Die Street-Parade durchlebt alljährlich eine Metamorphose: Am späten Nachmittag beginnt die Stimmung zu kippen. Der Zeitpunkt ist fast jedes Jahr derselbe.

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«Hey, fass mich nicht an, du Schwein!» – «Fick dich!» Die beiden Männer stehen sich am Samstagabend kurz vor 17 Uhr Stirn an Stirn in einer Seitenstrasse beim Paradeplatz gegenüber. Ihre Augen glühen vor Wut. Obwohl sie sich fast berühren, schreien sie einander an. So laut, dass sich trotz der Bassklänge vom Seebecken alle nach ihnen umdrehen. Freunde versuchen, sie zurückzuhalten. Aber die beiden gehen immer wieder wie wild gewordene Stiere aufeinander los.

Die Szene ist sinnbildlich für den Moment, den es an jeder Street-Parade auszumachen gibt. Der Augenblick, in dem die Stimmung von «ausgelassen» auf «ausfallend» kippt. Wenn die fröhliche Partylaune durch zu viel Alkohol und Drogen absumpft und lähmender Müdigkeit oder aufkeimender Aggression Platz macht – im schlimmsten Fall sogar in einem Kollaps endet. Ein schleichender Prozess.

Die Hände gehen in die Höhe, alles tanzt

Doch wann beginnt sich die Laune zu trüben – und warum? Gehen wir zurück zum Start. Ans Zürcher Seebecken. Zum Restaurant Frascati, wo kurz nach 14 Uhr ein MC die 22. Street-Parade unter tosendem Applaus aller Umstehenden einläutet. Die Bässe dröhnen, der Beat beginnt und die Euphorie schwappt in Wellen durch das Publikum. Die Hände gehen in die Höhe und alles fängt an zu tanzen. Ein wirklich grossartiges Gefühl.

Im Takt des Technos lässt es sich dann entspannt der Seepromenade entlang in Richtung Bellevue spazieren. Ausgelassene Stimmung, lachende Menschen allenthalben. Allerdings sind die Vorzeichen für den Absturz schon deutlich erkennbar: Wer Durst hat, trinkt Bier. In fast jeder Hand steckt eine Dose oder eine Flasche mit Alkohol. Und wird gerade kein Bier getrunken, trägt man es in Kisten oder Kühltaschen mit sich herum. Oder gönnt sich einen grossen Schluck aus der PET-Flasche mit dem Mixgetränk, das man bereits zu Hause für sich und die Kumpels abgefüllt hat.

Die Jungs werden forscher

Um 15.30 Uhr werden die Jungs bereits etwas forscher. Vorerst sind es noch lockere Sprüche, die vorbeilaufenden Schönheiten nachgerufen werden. Die ebenfalls schon leicht beschwipsten Mädchen quittieren die Anmache mit Kichern oder parieren mit ein paar noch einigermassen sicher sitzenden Sätzen. Bald bleibt es nicht mehr nur bei den Sprüchen. Es geht handfester zu.

Nach 16 Uhr kocht es am Seebecken. Die ersten Love-Mobiles haben das Kongresshaus passiert. Auf der Quaibrücke und dem Bürkliplatz drängen sich die halbnackten Leiber. Alles tanzt, schwitzt – und trinkt noch immer Bier. Das Scheppern leerer Dosen ist häufiger zu hören, genauso wie das Klirren von Glasscherben und das Martinshorn. Die Bewegungen werden fahrig, die Zunge schwer, die Konsonanten schleifend.

Rausch ausschlafen in den Seitenstrassen

An den Rändern der Parade sind die ersten Opfer des sinnlosen Besäufnisses zu sehen. Einer von ihnen versucht, eine Wurst zu essen. Weil es im Stehen nicht klappt, setzt er sich auf den Randstein. Beim Eintunken der Wurst in die Sauce rutscht ihm die Hand aus, er verliert das Gleichgewicht und kippt auf die Seite, wo er reglos liegen bleibt. Es ist inzwischen 16.30 Uhr und die Seitenstrassen sind immer mehr mit erschöpften Menschen gepflastert. Einige ruhen sich nur kurz aus. Andere sinken ganz weg. Selbst die Beats vom Seebecken können sie nicht aus ihrem Delirium wecken.

«Um diese Zeit müssen wir plötzlich mehr Leute behandeln. Die Fälle nehmen zu», sagt auch Urs Eberle, Sprecher von Schutz und Rettung Zürich. Mit Schnittverletzungen, Insektenstichen, aber vor allem auch übermässigem Alkohol- und Drogenkonsum haben es die Rettungssanitäter vor Ort zu tun. «In diesem Jahr liegt die Zahl der Behandlungen, die wir bis 16.30 Uhr gemacht haben, sogar noch etwas höher als im Vorjahr», so Eberle. Insgesamt 160 Personen wurden bis zu diesem Zeitpunkt behandelt – 30 von ihnen wegen zu viel Alkohol und Drogen.

«Es kommt plötzlich der Moment, wo es zu viel wird»

Wie lässt es sich erklären, dass just um diese Zeit eine solche Metamorphose im Partyvolk stattfindet? «Es kommt eben plötzlich der Moment, wo es zu viel wird», sagt Eberle. Wer schnell viel trinkt, überholt seinen eigenen Körper. Entfaltet der ganze Alkohol seine Wirkung, ist es schon zu spät zum Bremsen. «In diesem Jahr kommt noch die Hitze hinzu», meint Eberle. Zwar herrschen nicht mehr 34 Grad wie noch vor einigen Tagen. «Aber mit 25 Grad ist es immer noch sehr warm – vor allem, wenn man in der Menschenmasse und an der prallen Sonne tanzt.»

Und so ist es in diesem Jahr wie in den Vorjahren auch: Die Party hört für viel zu viele Street-Parade-Besucher auf, noch bevor das letzte Love-Mobile am Mythenquai angekommen ist. Selbst warnende Sätze der Organisatoren wie «wer sich im Übermass mit Alkohol in Stimmung bringt, verpasst viel Schönes und hält nicht die ganze Parade durch» oder «die Atmosphäre in Zürich ist auch ohne übertriebenen Alkoholgenuss unbeschreiblich, einmalig und faszinierend» scheinen offenbar nicht zu fruchten.

Erstellt: 10.08.2013, 21:05 Uhr

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