Noch mehr Ärger für Claudia Nielsen wegen einer Chefbeamtin

Rosann Waldvogel steht wieder in der Kritik: Die Chefin der Altersheime der Stadt Zürich veranstalte nutzlose Weiterbildungen, herrsche autoritär und vergraule zu viel Personal.

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Es klang wie eine Drohung: «Wenn nötig, werde ich mich weiterhin unbeliebt machen», sagte Rosann Waldvogel dem «Tages-Anzeiger». Das war vor sechs Jahren. Kurz darauf trat sie ihre Stelle als Chefin der städtischen Alterszentren (ASZ) an.

Nun hat Rosann Waldvogel die Drohung umgesetzt: Sie macht sich wieder unbeliebt – unter Politikern und unter Kadermitarbeitern, die ihren Job in Unfrieden verlassen haben. Es geht um Weiterbildungen, die Kritiker als unnötig ansehen. Es geht auch um Waldvogels Führungsstil, den manche als autoritär und manipulativ verurteilen.

Die Vorwürfe hat man ähnlich schon gehört. Waldvogel, von 2001 bis 2010 Chefin der Sozialen Dienste, galt als rechte Hand der früheren Sozialvorsteherin Monika Stocker (Grüne). Kritiker machten sie mitverantwortlich für die Sozialhilfeskandale der späten Nullerjahre und warfen ihr Selbstherrlichkeit vor. Ein parlamentarischer Untersuchungsbericht bemängelte ihren Führungsstil. Umstritten war auch Waldvogels harter Umgang mit Esther Wyler und Margrit Zopfi, die Mängel öffentlich gemacht hatten.

2010, knapp zwei Jahre nach Stockers Rücktritt, verliess Waldvogel das Sozialdepartement, nach offizieller Version aus eigener Entscheidung. 2011 ernannte Stadträtin Claudia Nielsen (SP) Waldvogel zur Chefin der Alterszentren, eine Wahl, die vor allem bürgerliche Politiker unverständlich fanden.

Seither ist es ruhig geblieben. Bis im letzten Sommer. Da reichten FDP und Grüne in seltener Harmonie zwei kritische Anfragen zu Rosann Waldvogels Projekt Werte ein. Mit diesem will die 57-Jährige in den 24 städtischen Altersheimen einen «Kulturwandel» auslösen.

Die FDP hält das Vorhaben für «fragwürdig» und zu teuer. Deswegen forderte sie in der Budgetdebatte vom Dezember, 50 000 Franken aus dem Programm zu streichen. Der Gemeinderat unterstützte die Kürzung deutlich, nur die SP stimmte geeint dagegen.

Hotelmanager als Vorbild

Als ein Vorbild für den Kulturwandel bei den Alterszentren diente Bodo Janssen. Der 43-Jährige ist ein Star unter den deutschen Unternehmensberatern. Mit gut 30 Jahren erbte Janssen die Hotelkette des Vaters, dort markierte er den strengen Chef, bis er begriff, dass dies die Angestellten vergraulte. Also gab er Kontrolle ab, gewährte mehr Mitsprache. Die Lockerung funktionierte, seither gibt Janssen Kurse, schreibt Bücher und sagt Sätze wie: «Die Ergebnisse kümmern sich um sich selbst, wenn wir uns um die Menschen kümmern.»

Laut ehemaligen Mitarbeitenden schwärme Rosann Waldvogel für den Hotelbesitzer und eifere ihm nach. Sie selber bezeichnet ihn als Inspiration unter vielen, sie stehe mit einigen «spannenden Führungsleuten» in Kontakt.

Das Werte-Projekt startete 2015 und dauert bis heute an. Es besteht aus Retraiten, Kursen, Workshops und richtet sich an alle Mitarbeitenden, besonders aber an das Kader. Viele Schulungen finden in Deutschland statt – etwa im Benediktinerkloster von Würzburg – und dauern bis zu drei Tage. Kürzere Kurse werden in Zürich durchgeführt.

Wie Bodo Janssen ist Rosann Waldvogel dazu übergegangen, einen Teil der Kurse selber zu geben. «Dabei sind fünf Hierarchiestufen präsent, nach zwei Stunden ist das nicht mehr spürbar, weil wir uns als Menschen begegnen», sagte Waldvogel 2016 zur «Hotel Revue».

In den Kursen wird gemeinsam diskutiert, getrommelt, meditiert, geatmet oder «an sich selber gearbeitet». In einem Modul für Gruppenleiter geht es laut interner Ausschreibung unter anderem darum, «mich und andere besser zu verstehen», «zu entdecken, was für mich wesentlich ist», oder den «persönlichen Energiehaushalt zu reflektieren».

Ein Gesamtbudget für alle Kurse gibt es nicht, da es sich um einen «langfristigen Prozess» handle. In seiner Antwort schätzt der Stadtrat die Gesamtkosten 2015 und 2016 auf 233 000 Franken. Eine PR-Agentur, die das Konzept mitentwickelte, erhielt 32 000 Franken. Die dreitägigen Retraiten in Deutschland belaufen sich auf 1500 Franken pro Person. Kritiker vermuten, dass die wahren Kosten deutlich höher liegen.

Laut Stadtrat kommt das Projekt gut an. Eine «klare Mehrheit der ASZ-Führungskräfte» begrüsse es als «wertvolle Chance». Der Stadtrat räumt aber ein, dass nicht alle die Begeisterung teilten. Deshalb bot Claudia Nielsen, Rosann Waldvogels Vorgesetzte, den Mitarbeiterinnen vor gut einem Jahr an, Bedenken anonym bei der städtischen Ombudsfrau Claudia Kaufmann vorzutragen. Zu diesen Rückmeldungen könne sie sich wegen der Geheimhaltungspflicht nicht genauer äussern, sagt Kaufmann. Aber nicht alle seien negativ ausgefallen. Im Frühling habe sie Nielsen über das Echo informiert. Dieses Vorgehen sei sinnvoll und ein Zeichen von Stärke.

Mitreden kann gefährlich sein

Nicht alle sahen das so. Weil sie die Ombudsstelle als wirkungslos empfanden, haben Unzufriedene bei der Gewerkschaft VPOD Hilfe gesucht. Mit dem TA wollte keine(r) der Betroffenen direkt reden, die derzeit bei den Alterszentren arbeiten. Zu gross ist die Angst, als Whistleblower abgestraft zu werden. Hingegen hat der VPOD die Vorwürfe gesammelt. Das Projekt Werte sei nicht viel mehr als eine teure Show, so das Fazit.

Die Kritikerinnen gehen noch weiter: Sie deuten das Programm als Teil von Waldvogels «autoritärem Führungsstil». Tagesanzeiger.ch/newsnet hat mit mehreren ehemaligen, oft langjährigen Kadermitarbeitenden gesprochen. Vielen gefiel ihr Job, sagen sie. Lange hätten sie bleiben wollen, es aber nicht mehr ausgehalten unter Waldvogel. Die Schilderungen der Ehemaligen stimmen bis in Details überein. Waldvogel führe nicht, sie herrsche, strebe nach absoluter Macht, sagen sie.

Rosann Waldvogel habe einen Kreis aus loyalen Leuten um sich geschart, diese würde sie bevorzugt behandeln. Wer nicht dazugehöre, bekomme keine Informationen mehr, werde abgenabelt, isoliert, teilweise blossgestellt. Die meisten würden irgendwann aufgeben.

Waldvogel hatte es angeblich vor allem auf die Bisherigen abgesehen. Vom Kader, das sie bei ihrem Amtsantritt am Hauptsitz vorfand, sind fast alle gegangen, viele wegen der neuen Chefin. In zwei Fällen zahlte die Stadt eine Abgangsentschädigung.

Aber auch von den Neuen haben einige rasch wieder gekündigt. Wer es wage, die Arbeit von Waldvogel oder ihrer Günstlinge zu kritisieren, falle in Ungnade – auch wenn man vorher selbst zu den Günstlingen gehört habe. «Zynisch» finden es die angefragten Ehemaligen, dass Rosann Waldvogel das Projekt als basisdemokratische Mitmachaktion darstelle. Das Umgekehrte treffe zu: Viele würden aus Furcht schweigen.

Viele Mitarbeitende begeistert

Die hohen Abgangszahlen scheinen die Version der Ehemaligen zu stützen: In den Jahren 2011 bis 2017 verliessen 39 Kadermitglieder oder Zentrumsleiterinnen die ASZ, bei sieben Fällen handelt es sich um Pensionierungen.

Doch längst nicht alle teilen die Abneigung gegen die Chefbeamtin. Die Auskunftspersonen sagten auch, dass Rosann Waldvogel viele Mitarbeitende zu begeistern vermöge. Sie könne überzeugend und gewinnend auftreten. Bei manchen Workshops mit den Mitarbeitenden der Alterszentren würde ihr beinahe zugejubelt.

«Entweder man ist auf ihrer Seite oder nicht. Es gibt kein dazwischen», heisst es. Das Projekt Werte diene dazu, diesen Graben zu vertiefen.

Der Betrieb in den Alterszentren scheint bisher nicht unter Waldvogels umstrittenem Führungsstil zu leiden. Im Gegenteil. In einer Befragung der Uni Zürich erteilten die Bewohnerinnen den Heimen gute Noten.

Die Angestellten der Alterszentren kündigen ihre Jobs zwar deutlich öfter als jene anderer städtischer Abteilungen. Zwischen 2012 und 2016 betrug die Fluktuationsrate auf allen Hierarchiestufen (nicht nur in den Kaderpositionen) 9,7 Prozent. Bei der gesamten Stadt sind es 5,9 Prozent. Überdurchschnittlich hoch liegt auch die Anzahl der Angestellten, die sich mit Problemen an die Ombudsfrau wenden. Beides erklären Experten aber vor allem mit der körperlich belastenden Pflegearbeit.

In der internen Umfrage zur Jobzufriedenheit, die alle städtischen Abteilungen jährlich durchführen, liegen die Alterszentren im Schnitt. Unter «Identifikation mit der Arbeitgeberin» schneiden sie sogar besonders gut ab.

Der Frust betreffe vor allem die engere Umgebung von Waldvogel, sagen die Kritikerinnen. Daher schlage er statistisch nicht durch. Die Alterszentren seien «Selbstläufer», die schon vor Waldvogels Amtsantritt gut funktionierten.

Heikel für Claudia Nielsen

Die Skepsis gegenüber Waldvogel kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Ihrer Chefin, Claudia Nielsen, wird vorgeworfen, die Stadtspitäler schlecht zu managen. Das soll auch an Nielsens hohem Verschleiss von Personal liegen.

Video – Claudia Nielsen im Interview zu den Stadtspitälern

«Frau Nielsen, hat man Ihnen Aufpasser zur Seite gestellt?» Die Stadträtin über Schieflage der Stadtspitäler. (Video: Tamedia/pu)

Die Grünen und der VPOD halten sich wegen der kommenden Wahlen vom 4. März zurück mit öffentlicher Kritik. Noch vor Wochen forderten einige Exponenten in Gesprächen mit dem TA harte Massnahmen, sie haben auch persönlich bei Claudia Nielsen vorgesprochen. Derzeit lässt sich von den Grünen jedoch niemand zitieren. Man möchte den Verdacht vermeiden, die links-grüne Mehrheit im Stadtrat zu gefährden.

Bei den Bürgerlichen hingegen wird man deutlicher. FDP-Gemeinderat Raphael Kobler findet: «Nielsen zeigt erneut Führungsschwäche. Wir verlangen, dass sie die Kritik an der Amtsführung von Frau Waldvogel endlich ernst nimmt und die Situation klärt.»

Claudia Nielsen selber war in der letzten Woche nicht erreichbar, die SP-Parteileitung wollte sich nicht äussern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2018, 07:08 Uhr

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