Trügerische Idylle an der Westtangente

Die Beruhigung der Durchgangsstrasse bringt Gewinner und Verlierer hervor. Aktivisten störten die gestrige Eröffnungsfeier. Die Aufwertung habe die Hälfte aller Mieter vertrieben, kritisieren sie.

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Amolk Singh steht vor seinem indischen Restaurant am Brupbacherplatz. Mit der Hand streicht er über seinen langen Bart und blickt zufrieden über den neuen Kiesplatz mit den frisch gepflanzten Rosskastanien und Robinien. Dieser Platz wird sein Geschäft ankurbeln, ist Singh überzeugt. Der Inder zeigt auf Bodenmarkierungen vor dem Restaurant: «Hier werde ich bald Tische hinstellen.» Bis vor kurzem hätte niemand freiwillig an diesem Ort Platz genommen: Vor dem Restaurant donnerten täglich 45'000 Autos vorbei.

Zwei neue Begegnungsorte

Seit dem 3. August 2010 ist die Weststrasse vom Durchgangsverkehr befreit. Die Transitlawine rollt über die Westumfahrung und durch den Uetlibergtunnel, ein Teil durch die Seebahnstrasse. Die ehemalige Westtangente entlang der Bullinger-, Sihlfeld- und Weststrasse ist nach dem Umbau kaum wiederzuerkennen: Tempo-30-Zonen, Alleen, Plätze, schmale Strassen und breite Trottoirs.

Der neu geschaffene Brupbacherplatz liegt am Beginn der Weststrasse bei der Verzweigung Sihlfeldstrasse. Er zeigt eindrücklich, wie sich die ehemalige Stadtautobahn zur Quartierstrasse gewandelt hat. Stadträtin Ruth Genner (Grüne) war beim gestrigen Eröffnungsfest voll des Lobes. Die neue Verkehrsführung habe sich bewährt. Das Quartier habe mit dem Brupbacher- und dem kleineren Anny-Klawa-Platz zwei neue Begegnungsorte erhalten. Nach 40 Jahren Westtangente sei alles noch ungewohnt, doch bald werde man Plätze und Bäume für selbstverständlich nehmen.

Neu und ungewohnt ist die Situation offenbar auch für die Bäume. Bei einem Dutzend Eichen an der Sihlfeldstrasse sind nur dürre, braune Blätter zu sehen. Laut Grün Stadt Zürich ist dies normal. Die Wurzeln seien noch nicht genügend weit ins Erdreich vorgedrungen, um sich mit viel Wasser zu versorgen.

Protest mit Buttersäure

Die Befreiung der Weststrasse hat einen Bau- und Sanierungsboom ausgelöst. Rund ein Dutzend Baustellen gibt es zurzeit an der Weststrasse. An der Ecke Stationsstrasse montieren Handwerker Küchen und Bäder für neu erstellte Eigentumswohnungen. 2,9 Millionen Franken kostete die Attika-Wohnung. Im starken Kontrast zum Neubau steht in unmittelbarer Nähe eine verlotterte Liegenschaft mit russgeschwärzter Fassade. Das Haus ist seit einigen Monaten besetzt. Der Eigentümer sagt, ihm gehöre das Gebäude seit vielen Jahren, lange bevor sich das Ende der Westtangente abgezeichnet hatte. Er will das Haus noch dieses Jahr abreissen lassen und Eigentumswohnungen bauen.

Pete Mijnssen vom Quartiernetz 3 schätzt, dass an der Weststrasse jeder zweite Mieter seine Wohnung räumen muss. Weil zahlreiche einkommensschwache Familien verschwanden, wurden im Schulhaus Zurlinden Klassen zusammengelegt.

Die Sexclubs laufen besser als zuvor

Eine Gruppe Stadtaktivisten protestierte gestern während der Eröffnungsfeier gegen den Verlust von günstigem Wohnraum. Nach einem Buttersäureanschlag wurde das Festprogramm unterbrochen. Die Polizei nahm einige der Demonstrierenden fest. Als Zeichen des Protestes hing gestern auch eine offiziell wirkende «Donald-Trump-Platz»-Tafel beim Brupbacherplatz.

Glücklich über den Wandel sind dagegen viele Gewerbetreibende. In den Sexclubs laufe das Geschäft besser als zuvor, sagt die Geschäftsführerin des Pascha. Die Kunden fühlten sich beim Betreten der Etablissements nicht mehr durch die in der Kolonne stehenden Autofahrer beobachtet. Im Restaurant Zum guten Glück ist die stellvertretende Geschäftsführerin Vera Lüthi froh darüber, in der Küche wieder das Fenster öffnen zu können. Vorher war dies wegen des Feinstaubs verboten. Auch das Geschäft laufe in diesem vierten Betriebsjahr besser als zuvor.

Bruno Imbach, Besitzer des gleichnamigen Army-Shops, führt einen Total-Ausverkauf durch. Die Aufgabe habe mit seinem Alter und nicht mit dem Geschäftsgang zu tun, sagt Imbach. Er sei zufrieden, der Umzug von der Bäcker- an die Weststrasse sei geglückt.

Wirt ohne Stammgäste

Doch es gibt auch Verlierer. Zu denen zählt Donato Stasi und sein Polstermöbelgeschäft. Seit der Verkehr nicht mehr durch die Weststrasse ströme, fehle ihm die Kundschaft. Viele Leute seien bei der Durchfahrt auf seinen Laden aufmerksam geworden. Bis Ende August will er seinen Lederpolstermöbel-Ausverkauf fortführen. Der Westtangente trauert auch der Wirt des Restaurants Uto nach. Er sitzt während der Mittagszeit auf den Stufen seines Betriebes und wartet vergeblich auf Kundschaft. Viele Stammgäste aus dem Quartier würden wegziehen.

Mit einem anderen Problem schlägt sich die Autohilfe Zürich beim Brupbacherplatz herum. Ihre Garagenausfahrt, die früher in die Weststrasse mündete, führt direkt auf den neuen Platz. Offenbar sei ihr Geschäft bei der Planung vergessen worden, sagt ein Angestellter. Jetzt würden sie über den Platz fahren, weil es keine andere Möglichkeit gebe. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.05.2012, 10:23 Uhr

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