Tumult an einer Veranstaltung mit Alice Schwarzer im Kaufleuten

Eine Diskussionsrunde zum Islam mit der Feministin ist von einer Gruppe Frauen gestört worden.

Pöbeleien aus den Rängen: Tumult an einer Podiumsdiskussion mit Alice Schwarzer. (Video: Charlotte Theile)

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«Raus hier, aber sofort», schrie ein Mann aus dem Publikum aufgebracht. Gleichzeitig versuchte ein Sicherheitsmann, einer Frau ein Gerät aus den Händen zu nehmen, aus dem ein altes deutsches Lied schepperte. Immer lauter werdende Buhrufe aus dem Publikum, Unruhe auch auf dem Podium des proppenvollen Kaufleuten, in dem Moderator Matthias Daum («Die Zeit») versuchte, die Situation unter Kontrolle zu bringen. «Gehen Sie doch gleich alle zusammen», rief Alice Schwarzer in Richtung einer Gruppe von Frauen, die schon zuvor mit Zwischenrufen aufgefallen war und der 73-jährigen Feministin wiederholt Sätze aus ihrem Buch «Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen» von 1975 um die Ohren schlugen.

Unklar blieb, wer diese vielleicht 15 Frauen waren, welche die Veranstaltung am Samstagabend störten. Sie waren mehrheitlich über 50 Jahre alt und militant, lässt sich sagen. Und sehr konservativ gekleidet und frisiert. Auf die Frage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet nach der Veranstaltung, ob sie diese Gruppe kenne, antwortete Schwarzer: «Nein, klar ist aber, dass sie organisiert waren.» Sogar die streitbare Buchautorin und Herausgeberin der Frauenpostille «Emma» hat noch nie eine derartige ­Aktion erlebt. Die Spekulationen von Schwarzers Umfeld über die Urheberschaft gingen von den türkischen Grauen Wölfen bis zu evangelikalen Aktivistinnen. Jemand berichtete, die Frauen hätten geschrien, dass Schwarzer mit ihrer Emanzipationsbewegung den Teppich gelegt habe für die Ereignisse in Köln.

Die sexuellen Übergriffe auf Hunderte Frauen durch nordafrikanische Männer in der Silvesternacht waren auch Ausgangspunkt gewesen für eine Diskussion über den Islam, das Burkaverbot und die Rolle der Geschlechter. Eingeladen war am gestrigen Abend neben Schwarzer, die zu den Kölner Ereignissen im Frühling das Buch «Der Schock» herausgegeben hat, Saïda Keller-Messahli, bekannt als Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam.

Burka: «Leichentuch der Frau»

Schwarzer deutet die Nacht in der Rheinstadt quasi als Kriegserklärung gegen die Frauen und den Westen. «In Köln wurde erstmals im Westen der sexuelle Terror gegen Frauen geprobt», sagte sie. Das Fernziel der Aggressoren sei einerseits, Frauen von der Öffentlichkeit fernzuhalten. Anderseits sollten deren Männer gedemütigt werden. Die Botschaft: «Ihr seid ja nicht mal fähig, eure eigenen Frauen zu schützen.» Keller-Messahli schlug den grösseren Bogen: Die erkämpften Frauenrechte sollten rückgängig gemacht werden. Die 59-jährige Schweiz-Tunesierin berichtete, dass viele schlecht gebildete Männer in Nordafrika arbeitslos seien und deren Frauen fürs Überleben sorgten, was jene wiederum entwürdige.

Die beiden Frauen waren sich in vielen Themen einig oder unterschieden sich nur in Nuancen. So fand Schwarzer, dass man übers Kopftuch, das in Deutschland ohnehin nur eine von vier Musliminnen trage, reden könne. Keller-Messahli wiederum lehnt es kategorisch ab. Dass die Burka oder der Nikab verboten gehört, ist für beide klar. «Ich kann nicht glauben, dass wir überhaupt über das Verbot diskutieren», sagte Schwarzer. Unter frenetischem Applaus des mehrheitlich weiblichen Publikums erklärte sie, die Burka sei kein Kleidungsstück, sondern die «Flagge des politischen Islam» und ein schwerer Verstoss gegen Menschenwürde, gleichwohl das «Leichentuch der Frau». Konfrontiert mit einem Urteil des Menschengerichtshofs, dass es ein Recht gebe, öffentlich nicht kommunizieren zu müssen, quittierte Schwarzer gewohnt angriffig: «Diese Richter sollen zu Hause bleiben.»

Als Minarettbefürworterin Keller-Messahli gefragt wurde, ob ihr wohl sei, die Burka mit denselben Kreisen zu bekämpfen, welche das Minarettverbot durchbrachten, antwortete sie mit einem Bekenntnis: «Ich bin klüger geworden. Heute weiss ich, dass die Gefahr von den Moscheen ausgeht.» Dutzende radikale Imame würden «importiert», sehr viel Geld fliesse aus Saudi­arabien und der Türkei in die Schweiz. So seien millionenteure Moscheen in Volketswil, Netstal und Wil gebaut worden. «Wir müssen uns mit dieser Moscheenlandschaft befassen, bevor wir irgendwelche Konzessionen an die muslimischen Gemeinschaften machen», sagte Keller-Messahli.

Erstellt: 04.09.2016, 23:37 Uhr

Hier war alles noch ruhig: Saïda Keller-Messahli (links) und Alice Schwarzer auf der Kaufleuten-Bühne. (Bild: Reto Oeschger)

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