UBS macht Schluss mit dem persönlichen Pult

2400 Personen ziehen ins neue UBS-Gebäude an der Europaallee. Einige Mitarbeiter murren, weil sie keine fixen Arbeitsplätze mehr haben. Die Bank beschwichtigt – und gewährt dem TA einen Blick hinter die Kulissen.

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Es hat etwas von einer Zeitreise, wenn man die neuen Büros der UBS an der Europaallee hinter der Sihlpost betritt. Eine elegante Mischung aus Moderne und Retrochic empfängt einen – fast, als wäre man in einem 40 Jahre alten Science-Fiction-Film gelandet. Die dominierenden Farben sind Weiss, Grau und Bronze, eine Farbe, die in den 70er-Jahren angesagt war und heute ein Revival erlebt. Die Arbeitswelt allerdings hat nichts mit Revival zu tun: «Workplace for the Future», (Arbeitsplatz für die Zukunft), heisst das Konzept, das die UBS hier konsequent durchgezogen hat.

Das heisst: Bis auf ganz wenige Ausnahmen hat niemand mehr einen eigenen Arbeitsplatz, auch die Chefs nicht. Auf rund 2400 Mitarbeitende gibt es noch 2000 klassische Schreibtischarbeitsplätze mit Bildschirm. Statistisch und ökonomisch gesehen macht das Sinn. Untersuchungen zeigen, dass in traditionellen Büros jeweils mindestens jeder fünfte Platz unbesetzt ist, weil Mitarbeitende in den Ferien sind oder unterwegs von Sitzung zu Sitzung. Rund 100 Millionen Franken spart die UBS pro Jahr, indem sie vom Prinzip «Eine Person, ein Schreibtisch» abweicht.

«Wie eine Nummer»

Nur: Was statistisch und ökonomisch vernünftig klingt, das kann die Betroffenen überfordern. «Man fühlt sich wie eine Nummer, nicht als Mensch», kritisiert eine UBS-Mitarbeiterin das neue Arbeitsplatzkonzept. «Es ist alles bis ins Detail reglementiert, man darf nicht einmal ein persönliches Bild aufhängen.» Jeden Abend müsse sie alle ihre Unterlagen, Laptop, Computermaus und Tastatur in ein fahrbares Schränkchen räumen, jeden Morgen ein anderes Pult suchen und für sich einrichten: «Das ist völlig ineffizient. Das kostet mich bis zu eine halbe Stunde pro Tag.»

Peter Stipp, Immobilienchef der UBS, hat für diese Kritik bis zu einem gewissen Grad Verständnis: «Die neuen Konzepte bringen so massive Veränderungen, dass manche Leute Monate, wenn nicht gar Jahre brauchen, um sich daran zu gewöhnen.» Dennoch ist er überzeugt davon, dass die UBS auf dem richtigen Weg ist. So überzeugt, dass die UBS den TA exklusiv zu einer Besichtigung der neuen Räumlichkeiten einlädt. «Wir nehmen den Leuten zwar etwas weg, indem wir ihnen keinen eigenen Arbeitsplatz mehr zur Verfügung stellen. Und wir schreiben ihnen viel vor, das stimmt», sagt Stipp, «aber wir bieten ihnen dafür mehr Flexibilität und einen qualitativ hochwertigen Arbeitsplatz.»

Den Vorwurf der Mitarbeiterin, sie müsse jeden Tag ihren Arbeitsplatz neu einrichten, lässt er nicht gelten: Bankangestellte dürften aus Gründen der Vertraulichkeit abends ohnehin nichts auf ihrem Pult liegen lassen. Das gelte auch dort, wo die Mitarbeitenden ihre eigenen Arbeitsplätze hätten. Überdies komme es dem Brandschutz und der Hygiene zugute, wenn die Arbeitsplätze täglich geräumt und gereinigt würden.

Teambereich statt eigenes Büro

Wie der Konzeptverantwortliche Marco Huber erklärt, hat im neuen Gebäude jedes Team seinen eigenen Bereich, in dem sich die Mitglieder in der Regel aufhalten. Dieser Bereich ist in verschiedene Zonen unterteilt – wie genau diese aussehen, können die Teams mitbestimmen. Neben klassischen Schreibtischen in Grossraumanordnung gibt es verglaste Rückzugsboxen für ungestörtes Arbeiten, Konferenzräume und -tische, aber auch Sofas mit hohen Rücken- und Seitenlehnen und sogar Lounges mit vielen Grünpflanzen. «Je nach Stimmung und Art der Arbeit kann ich mir den Platz suchen, der gerade Sinn macht für mich», sagt Huber. «Ich kann mit meinem Laptop sogar ins hauseigene Café gehen oder ein Mitarbeitergespräch auf einem der Sofas durchführen.»

Gerade Letzteres muss sich allerdings erst einspielen. Die zitierte UBS-Mitarbeiterin etwa kann dem gar nichts abgewinnen; in ihrem Aufgabenbereich sässen die Leute ohnehin den ganzen Tag an ihrem Platz. Ein anderer UBS-Mitarbeiter sagt: «Es braucht Zeit, bis wir das Potenzial der neuen Büros zu nutzen wissen.» So hätten viele Menschen anfangs Hemmungen, sich auf ein Sofa zu setzen. Insgesamt gefällt ihm sein neuer Arbeitsort. Was er besonders schätzt: «Ich muss nicht mehr jeden Tag acht Stunden an meinem Pult verbringen.» Das fördere Flexibilität und Offenheit.

Weltweit flexibel

Laut Peter Stipp und Marco Huber überwiegen die zufriedenen Stimmen die skeptischen bei weitem. Das zeigen die Erfahrungen in den fünf kleineren Häusern, in denen das Konzept testweise bereits umgesetzt worden ist. «Wir machen sowohl vor als auch sechs Monate nach dem Umzug eine Umfrage, eine weitere folgt ein Jahr danach», so Stipp. «Und unsere Beobachtung ist, dass bereits sechs Monate nach dem Umzug die Akzeptanz merklich zugenommen hat.» Anders sehe es dort aus, wo die Teamleiter selbst Mühe hätten mit dem neuen Konzept. Und es gebe durchaus auch berechtigte Kritik: «Wenn etwa ein Mitarbeiter besonders laut telefoniert, kann das stören. Dann müssen wir eine Lösung finden. Unser Konzept ist nicht in Stein gemeisselt.»

Der neue Sitz an der Europaallee ist das sechste und bislang grösste Gebäude, das die UBS nach dem neuen Konzept einrichtet. In den nächsten Jahren will die Grossbank alle grossen Offices in der Schweiz und wenn möglich sogar weltweit auf flexible Arbeitsplätze umrüsten. Und das nicht nur aus Kostengründen, wie Stipp und Huber betonen. «Ginge es uns nur darum, Geld zu sparen, dann könnten wir die Leute einfach so eng wie möglich zusammensetzen», sagt Stipp. «Unser Ziel ist es aber, dass sich die Angestellten wohlfühlen und deshalb effizient arbeiten können.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.06.2013, 06:49 Uhr

Informatikfirmen als Vorreiter

Es ist schon fast 18 Jahre her, seit die Firma IBM in Zürich als erste grosse Firma das sogenannte Desk-Sharing, zu Deutsch Schreibtisch-Teilen, einführte. Das Experiment stiess damals in den Medien auf grosse Resonanz, zahlreiche Journalisten besuchten die IBM und fragten Angestellte nach ihren Befindlichkeiten. Der Unterton in den Artikeln ist immer derselbe: erstaunen, dass so etwas klappen kann. Aufbruchstimmung. Aber auch Unsicherheit. Die bange Frage, ob in 20 Jahren niemand mehr sein eigenes Pult hat.

Doch der grosse Aufbruch blieb aus; es waren seither hauptsächlich Informatikfirmen wie beispielsweise Google und Microsoft, die auf flexible Arbeitsplätze setzten. Erst in den letzten Jahren bekam das neue Konzept wieder Schwung, Banken und Versicherungen setzen es heute vermehrt ein, vielfach auch aus finanziellen Gründen. Wer ein Fünftel weniger Pulte und damit weniger Fläche braucht, spart Geld.

So konsequent wie die UBS setzen allerdings nur wenige Betriebe auf flexible Arbeitsplätze. Die Credit Suisse etwa hat zwar schon vor einem Jahr den Standort Uetlihof 2 eingeweiht, wo ebenfalls kein Mitarbeiter mehr einen fixen Arbeitsplatz hat. Gemäss Angaben der Bank soll das Konzept bei Neu- und Umbauten bankweit umgesetzt werden. Eine Sprecherin schränkt jedoch ein: «Wir prüfen bei jeder Einführung, ob unser Konzept betrieblich geeignet und sinnvoll ist.» Im Uetlihof arbeiteten IT und Produktentwicklung, die sich in wechselnden Projektgruppen organisieren. Andere Bereiche seien hingegen auf eine fixe Infrastruktur am eigenen Arbeitsplatz angewiesen, so etwa Juristen, die sehr viele Akten zu bearbeiten hätten, oder Börsenhändler.

Die Rückmeldungen der Mitarbeiter im Uetlihof seien durchwegs positiv, sagt die Sprecherin der Bank. Allerdings sind im Internet auch kritische Stimmen zu finden. So schrieb ein «Rudy» auf dem Finanznachrichtenportal Finews.ch zur Einweihung des neuen Gebäudes: «Da wird mir zu verstehen gegeben, dass ich zwar geduldet bin (wenigstens bis zur nächsten Reorganisation), aber nicht unbedingt willkommen.»

Die dritte grosse Bank auf dem Platz Zürich, die Zürcher Kantonalbank, verzichtet ganz auf flexible Arbeitsplätze. Das sei ein kulturell bedingter Entscheid, sagt Sprecher Diego Wider: «Die Anforderungen an einen Arbeitsplatz bei einem global tätigen Unternehmen und bei der Zürcher Kantonalbank, die vornehmlich im Wirtschaftsraum Zürich tätig ist, unterscheiden sich grundlegend.»

Zukunftsmusik ist das Desk-Sharing bei der Zürich-Versicherung. Im neuen Hauptsitz in Oerlikon, der in gut einem Jahr bezogen wird, ist eine Mischung aus fixen und flexiblen Arbeitsplätzen vorgesehen. Auch hier bestimmt das Jobprofil, wer welche Art von Pult zugeteilt bekommt. Konsequentes Desk-Sharing ist nicht vorgesehen. (leu)

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