«Uber hat mehr als 1000 Fahrer in Zürich»

Uber-Schweiz-Chef Rasoul Jalali reagiert erstaunt auf die Kritik des Taxigewerbes. Er sagt, sein Dienst schaffe eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit für professionelle Fahrer.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer das Schweizer Hauptquartier von Uber betritt, wähnt sich in einer Studenten-WG: Umzugskartons und ungewaschenes Geschirr stapeln sich neben einer abgewetzten Polstergruppe. Die Kaffeemaschine unter der Yucca-Palme ist von einer breiten Auswahl alkoholischer Getränke gesäumt. Der Pegelstand der Flaschen verrät: Hier, an der General-Wille-Strasse in Zürich, wird nicht nur hart gearbeitet, sondern gelegentlich auch gefeiert. Grund dazu gibt es: 2013 startete Uber Schweiz mit drei Angestellten in einem 19-Quadratmeter-Büro in Zürich-Tiefenbrunnen. Inzwischen ist der Ableger des US-Konzerns auf sieben Festangestellte gewachsen und ans obere Seeende gezogen. Die Wand der Erholungszone ist mit einem Motivationsspruch verziert: «In order to succeed, we must believe that we can» – «Um Erfolg zu haben, müssen wir an unsere Fähigkeit glauben».

Herr Jalali, wieso glauben Sie an Ihren Erfolg?
Wir verdoppeln die Anzahl der Fahrten alle sechs Monate, das ist ein sehr schnelles Wachstum. Zurzeit sind vier Stellen in Zürich und Genf ausgeschrieben, und wir müssen vermutlich schon bald wieder in neue Räume ziehen. Erfolg bedeutet für uns aber vor allem, eine zufriedene und stetig wachsende Nutzergemeinschaft zu haben. Und da sind wir überall in der Schweiz auf einem sehr guten Weg.

Ihr Vorteil ist für andere ein Nachteil. Heute startet die nationale Taxi-Union die Kampagne «Dumping-Uber-Stoppen». Sind Sie beunruhigt?
Ich verfolge die Proteste mit einem gewissen Erstaunen. Denn in Wahrheit schaffen wir eine zusätzliche Verdienstmöglichkeit für professionelle Fahrer. Taxilenker nutzen Uber, um an neue Kundengruppen heranzukommen und ihre Standzeiten zu reduzieren. Dieser Aspekt ist zu wenig bekannt. Wir sollten das deutlicher kommunizieren.

Die meisten Taxifahrer sehen das anders. Sie beklagen sich über den Preiszerfall, seit Uber auf den Markt gestossen ist, und sie befänden sich auf direkter Fahrt in den Ruin.
Es ist falsch, zu behaupten, dass tiefere Preise zu einem tieferen Umsatz und weniger Einkommen führen. Tiefere Preise vergrössern den Markt. Sehr viele Leute, denen die Taxipreise bis dahin zu hoch waren, bestellen dank Uber nun regelmässig Fahrten. Wer leistet sich heute noch die hohen Taxipreise? Vor allem Touristen und Geschäftsleute, für die sind die Preise ja auch gemacht. Wir wollen, dass sich auch der normale Bürger eine Fahrt leisten kann.

Umfrage

Nutzen Sie Uber?




Doch was bringt es dem Fahrer eines normalen Taxiunternehmens, wenn er stundenlang ohne Kunden am Hauptbahnhof steht?
Das ist der entscheidende Punkt. Taxis haben frustrierend lange Stillstandzeiten, die sie produktiver einsetzen könnten, zu ihrem eigenen Wohl und zum Wohl der Konsumenten. Stattdessen befinden sie sich in einem Leerlauf, in dem sie nichts oder zu wenig verdienen. Fahrer sollten umdenken: In der Zeit, in der sie rumstehen, sollten sie zusätzliche Plattformen nutzen, die sich ihnen bieten.

Mit anderen Worten: Alle sollten für Uber fahren?
Nicht nur. Denn in Zürich ist der Taximarkt seit längerem liberalisiert. Kein Fahrer ist an ein bestimmtes Unternehmen gebunden und könnte sich frei auf verschiedenen Plattformen bedienen: Er fährt auf freier Basis für seine Stammkundschaft, stellt sich in den Dienst einer Taxizentrale und nutzt die Digitalplattformen von Uber und weiterer ­Anbieter. Taxifahrer können jederzeit für Uber fahren. Die Realität sieht aber ­anders aus: Die Fahrer stehen mehr als 70 Prozent der Zeit herum. Verlorene Zeit, die letztlich der Konsument bezahlt, weil sie im Fahrpreis eingerechnet wird. Dieser Systemfehler sollte be­hoben werden. Welchen Sinn ergibt es, sich über zu geringe Nachfrage zu beschweren und gleichzeitig die Preise hoch halten zu wollen?

Die Taxizentralen erlauben kaum, dass ihre Fahrer mit Uber zusammenarbeiten.
Tatsächlich erteilen fast alle Zentralen ein Konkurrenzverbot. Zusätzlich müssen die Fahrer den Taxiunternehmen eine Gebühr von monatlich rund 1000 Franken für einen Anschlussvertrag entrichten. Dieses Zahlungsverhältnis läuft auch weiter, wenn sich die Fahrer einmal in die Ferien verabschieden wollen oder krank sind. Bei Uber zahlt der Fahrer nur, wenn er auch etwas verdient, also pro tatsächlich vermittelte Fahrt.

Wie viele Fahrer hat Uber in Zürich?
Mehr als 1000. Dem gegenüber stehen über 100'000 Nutzer. Im vergangenen Jahr konnte die Zahl der Fahrten um das Vier- bis Fünffache gesteigert werden.

Rund 1000 Fahrer, die nicht versichert sind. Der Kanton Zürich forderte jüngst eine Nachdeklaration. Weshalb weigern Sie sich so vehement, Sozialabgaben zu entrichten?
Unsere Partner sind Selbstständigerwerbende, keine Angestellten. Sie verdienen genug, damit sie die Kostenab­deckungen selbst machen können. Es ist wichtig, zu verstehen, dass wir keine Taxizentrale sind, sondern eine Technologieplattform. Wenn ich bei Ebay etwas verkaufe, bin ich nicht automatisch bei E-Bay angestellt. Dies sollten die Behörden berücksichtigen. Abgesehen davon: In Zürich sind die meisten Taxifahrer selbstständigerwerbend.

In den meisten Branchen sind Sozialabgaben eine Selbstverständlichkeit. Die Suva hat zudem entschieden, dass Uber-Fahrer als Angestellte gelten.
Wir erfüllen gar nicht die Voraussetzungen, um als Arbeitgeber zu gelten: Der Fahrer fährt, wann und wie oft er möchte, und kann jede Bestellung ablehnen. Es ist wichtig, dass die Behörden die Unterschiede des digitalen Modells berücksichtigen. Falls dies nicht geht, muss letztlich ein Gericht entscheiden. Doch lieber wäre mir eine pragmatische Lösung.

«Die Fahrer sind unsere Kunden, ohne sie würde die Plattform nicht funktionieren.»Rasoul Jalali, Uber-Schweiz-Chef

Sie nutzen das Mittel der Technik, um sich aus der Verantwortung zu nehmen.
Uns wird laufend vorgeworfen, dass wir kein Interesse an den Fahrern hätten. Das stimmt nicht. Die Fahrer sind unsere Kunden, ohne sie würde die Plattform nicht funktionieren. Sie bezahlen uns, damit wir ihnen eine möglichst effiziente Technologie zur Verfügung stellen, mit der sie ihre Umsätze maximieren können. Ausserdem erleichtern wir unseren Partnerfahrern die Selbstständigkeit, indem wir ihnen die notwendige Infrastruktur für eine einfache Abgabe der Sozialkosten zur Verfügung stellen: ein digitales und damit übersichtliches Zahlungssystem. Kein Cash, keine un­nötige Bürokratie.

Hinter der App steht mit Uber ein Konzern, der dank seinen Fahrern viel Geld verdient. Weshalb sollte er als Gegenleistung nicht mehr Verantwortung tragen?
Mit der App schaffen wir eine Win-win-Situation für Nutzer und Anbieter. Wenn wir jetzt anfangen, aus Technologieanbietern Arbeitgeber zu machen, getraut sich vielleicht keiner mehr, eine App zu entwickeln. Die Realität von heute und morgen ist: Die Menschen verlangen immer flexiblere Arbeitsmodelle. Sie wollen nicht an einen einzigen Arbeitgeber gebunden sein. Es ist wichtig, dass wir diese Diskussion nun endlich anstossen.

Wer bürgt für die Integrität der Uber-Fahrer? In Ländern wie Indien oder den USA kam es zu Übergriffen auf Fahrgäste.
Zum einen prüfen wir im Vorfeld alle Dokumente der Fahrer. Die meisten Fahrer besuchen uns einmal im Büro. Unser Image steht und fällt mit den Fahrern. ­Zudem bietet die App eine zusätzliche Transparenz und Qualitätskontrolle. Dank unserer Technologie ist jederzeit nachvollziehbar, wer mit wem wann unterwegs war. Der Fahrgast sieht Bild, Namen und Nummernschild des Fahrers, bevor er einsteigt. Nach der Fahrt kann der Nutzer eine Bewertung und einen Kommentar hinterlegen. Kommt es zu Fehlverhalten, wird das also sofort deutlich. Die Technologie führt aber nicht nur für den Fahrgast zu mehr Sicherheit: Es gibt Fahrer, die an gewisse Fahrgäste nicht mehr vermittelt werden wollen.

Es gäbe eine Lösung, die Ihnen gefallen dürfte: selbstfahrende Autos. Ein Thema bei Uber?
In den USA haben wir Abteilungen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Das selbstfahrende Auto ist eine Technologie, gegenüber der wir uns nicht verschliessen sollten und die sich wohl auch unabhängig von Uber durchsetzen wird. Die Entwicklung kommt nicht von heute auf morgen, aber irgendwann wird sie da sein und uns helfen, uns sicherer auf den Strassen zu bewegen, und zwar als Fahrer wie auch als Fussgänger.

Sie sind zurzeit in Zürich, Genf, Lausanne und Basel vertreten. Sehen Sie weiteres Ausbaupotenzial in der Schweiz?
Im Moment wollen wir uns auf diese Städte konzentrieren. Wir sehen ein riesiges Potenzial im Ride-Sharing und Pooling – wenn sich mehrere Leute ein Auto und den Fahrpreis teilen, weil sie dieselbe Strecke fahren. In San Francisco macht dieser Uber-Service schon fünfzig Prozent aller Fahrten aus. So können gleichzeitig Stau-, Parkplatz- und Umweltprobleme gelöst werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2016, 23:31 Uhr

Rasoul Jalali

Uber-Schweiz-Chef

Rasoul Jalali (33) ist bei Uber verantwortlich für die Märkte Schweiz, Deutschland und Österreich. Davor war er Unternehmensberater bei The Boston Consulting Group und Arthur D. Little. Er studierte Maschinenbau an der ETH in Zürich, hat ein Semester in Berkeley verbracht und besitzt einen MBA von der London Business School. Uber ist ein Technologieunternehmen, das mithilfe einer Smartphone-App Passagiere mit Fahrern in Kontakt bringt. Uber ist in über 400 Städten in 70 verschiedenen Ländern aktiv. In der Schweiz startete die App in Zürich im Juli 2013. (mrs)

Video: «Mit Uber fühle ich mich sicherer»

Artikel zum Thema

Das subversive Taxi

Kommentar Uber will nicht nur die Taxibranche ausradieren, sondern den ganzen Personentransport umpflügen. Mehr...

Schweizer Taxifahrer demonstrieren gegen Uber

In Bern gehen Taxifahrer gegen die ungeliebte Konkurrenz aus dem Silicon Valley auf die Strasse. Das ist ihre Forderung. Mehr...

Die Suva bittet Uber zur Kasse

Sind Fahrer von Uber Angestellte? Diese Gretchenfrage wird die Zukunft des Taxi-Dienstes in der Schweiz entscheiden. Für die Suva ist die Antwort klar. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Fanliebe: Kurz vor dem sechsten Spiel des NBA Finals zwischen den Toronto Raptors und den Golden State Warriors herrscht im Fansektor grosse Anspannung. (Toronto, 13. Juni 2019)
(Bild: Chris Helgren ) Mehr...