Über Wollishofer Wasser spazieren

Der Seesteg bei der Roten Fabrik ist endlich offen – wegen Nachbarn mit Verspätung. Er bietet ein grossartiges Erlebnis.

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Diese Weite! Das Gefühl, mitten im See zu stehen, lässt einen tiefer atmen und die Augen weiten. Was etwas merkwürdig aussieht, wenn einem ständig Leute mit aufgerissenen Augen entgegenkommen, doch ein Seesteg ist kein Laufsteg. 100 Meter führt der Wollishofer Steg in den Zürichsee hinaus, 284 Meter ist er lang. Das ist viel zu kurz, man möchte noch viel weiter gehen auf diesem Band zwischen Land und Wasser. Vor einem entweder das Alpenpanorama, näher als von der Quaibrücke aus, oder die Stadt, breiter und weiter weg als gewohnt.

Kontrast zur Roten Fabrik

Der Steg mit Namen Cassiopeia schliesst die Lücke im Uferweg zwischen Roter Fabrik und Hafen Wollishofen. Jetzt lässt sich fast das ganze städtische Seeufer abschreiten, von Tiefenbrunnen bis Kilchberg. Das bedeutet über eine Stunde Flaniergenuss und Wellengeplätscher. Was von gesundheitspolitischer Bedeutung ist, denn plätscherndes Wasser beruhigt das urban-nervöse Gemüt – sofern das Smartphone ausgeschaltet ist. Es empfiehlt sich, den Weg von rechts nach links zu machen, sich den Seesteg als Schaumkrönchen zum Schluss aufzubewahren. Erst im Kontrast entfaltet er seine volle Wirkung.


Bis zu 100 Meter führt der Cassiopeiasteg zwischen der Roten Fabrik und dem Hafen Wollishofen in den Zürichsee hinaus. Foto: Urs Jaudas


Nach der Landiwiese führt der See­uferweg etwas gekünstelt über die Werft der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft, wo unter einem – sofern man Pech hat – die Panta Rhei dümpelt, das hässlichste Boot der Welt. Dann wird die Ambiance mit den Silos und Förderbändern der Kibag industriell, wobei einen schon dort das gesprayte «Fuck Cops» auf das folgende Gebäude vorbereitet: das Kulturzentrum Rote Fabrik. Dann beginnt der Steg, leichtfüssig auf schlanken Stahlpfosten stehend, der Boden aus robusten Eichenbalken, der Handlauf aus heller Lärche, ein schmaler Handlauf zur Uferseite, ein breiter zum Aufstützen auf der Seeseite. Zwei Bänke werden noch hinzukommen. Das Geländer darunter ist ein schön geflochtener Maschendraht. Eleganz aus robusten Materialien. Ein Toast auf das Tiefbauamt! Ein Toast auf die Gestalter Raderschallpartner aus Meilen!

4,7 Millionen Franken hat der Steg gekostet, bewilligt vom Gemeinderat im Oktober 2008. SVP und FDP waren wegen der Kosten dagegen, weshalb sie jetzt den Steg meiden sollen. Sie wollten der Stadtbevölkerung einst auch die Weite des Sechseläutenplatzes vorenthalten und geniessen ihn nun trotzdem. Da hapert es mit der Konsequenz. Immerhin lag es nicht an den Bürgerlichen im Parlament, dass der Steg fünf Jahre Verspätung hat. Es waren die Nachbarn in den drei Villen zwischen Roter Fabrik und Badi Wollishofen, die alle Rechtsmittel in Bewegung setzten, um den Steg zu verhindern. Zweimal bemühten sie gar das Bundesgericht.

Als einfacher, vom Steg beglückter Fussgänger staunt man über diesen unverfrorenen Egoismus: Wie so wenige so vielen das Seeerlebnis nicht gönnen wollten. Nächtliche Lärm- und Abfall­exzesse brachten sie vor, als Anstösser der Roten Fabrik vom Ruhebedürfnis der heutigen Jugend offenbar nicht überzeugt. Eine «Rennbahn für Zweiradfahrzeuge» befürchteten sie auf dem 2,8 Meter breiten Steg. Aber die Gerichte entschieden anders: Nachtruhestörung könne zwar nicht ausgeschlossen werden, doch genüge eine blosse Befürchtung nicht, um den Steg zu verbieten. Sollte es zu Exzessen kommen, muss die Stadt Massnahmen ergreifen, zum ­Beispiel Bussen verteilen oder den Steg nachts schliessen. Nächstens wird noch die Tafel «Allgemeines Fahrverbot» montiert. Fischen dagegen ist nicht ­verboten.

Der Zorn des Poseidon

Als einfacher, vom Steg entzückter Spaziergänger staunt man nachträglich auch über die kantonale Natur- und Heimatschutzkommission, die den Steg im Voraus als «massiven Eingriff in das Orts- und Landschaftsbild» kritisiert hat. Die Funktionalität der geschützten Bootshäuser müsse erhalten bleiben; das Strandbad würde seinen «einmaligen, situativen Wert verlieren». In Wirklichkeit wirkt der vierfach geknickte Steg so leicht und selbstverständlich, als ob er immer schon da gewesen wäre. Auch das Bundesgericht erkannte: Wegen der schlanken, lichtdurchlässigen Konstruktion beanspruche das Bauwerk die Seefläche nur geringfügig. Wichtiger als der bedingungslose Naturschutz sei, die Bucht der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, zumal sich der Steg in «relativ grossem Abstand» zu den Villen befinde. Dank Durchfahrten von 1,5 Meter Höhe kann er von kleinen Booten passiert werden. «Save the Whales» ist auf eines der Bootshäuschen gesprayt. Mögen die Villenbesitzer trotz Steg ihre Ruhe finden, doch zur Strafe für die fünf Jahre, die sie uns den Steg vorenthalten haben, erscheint ihnen jeden Monatsersten im Traum ein Wal mit langen Zähnen, der sie in die Zehe zwickt.

Cassiopeia heisst der Steg, benannt nach dem Sternbild. Es hat wie der Seesteg mehrere Knicks und ist von ihm aus nachts zu sehen – vorausgesetzt der Himmel ist klar. Glärnischsteg hätte sich als Name auch angeboten, weil der eine Ast des Steges genau in Richtung Vrenelisgärtli führt. Doch Cassiopeia passt durchaus: Cassiopeia war in der griechischen Mythologie die Gattin des Königs von Äthiopien, die in ihrer Eitelkeit behauptete, sie sei schöner als die 50 wunderschönen Töchter des Meergottes Nereus. Das hätte sie besser nicht gesagt, denn es erzürnte Poseidon, den Gott aller Meere, worauf er Äthiopiens Küste verwüsten liess. Möge es auf dem Cassiopeiasteg weniger wüst zugehen. Der schönste ist er, aber man muss es ja nicht die ganze Welt wissen lassen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.05.2015, 23:24 Uhr

Das Ufer für alle befindet sich links des Zürichsees

Parkanlagen am Wasser, wie in der Stadt Zürich üblich, sind rund um den Zürichsee eher die Ausnahme. Am rechten Seeufer – Hochburg des Privateigentums – ist einzig am Küsnachter Horn ein Stückchen von ein paar Hundert Metern erwanderbar. Ein einigermassen schönes immerhin: Von der öffentlichen Anlage Ermitage führt der Weg zum Teil über einen Holzsteg vorbei am Romantikhotel Sonne zum Schiffsteg und durch den Park am Küsnachter Horn. Dann ist für lange Zeit Schluss. Es empfiehlt sich die Weiterfahrt per Schiff oder Zug nach Rapperswil.

Dort, wo der Zürichsee am engsten und seichtesten ist, schwingt sich die 841 Meter lange Holzbrücke Rapperswil–Hurden über den See – die längste der Schweiz. Das untiefe Wasser und die beim Bau 2001 aufgeschütteten Kiesinseln sind ein Paradies für Wasservögel, der Steg deshalb auch eines für Ornithologen, die hier nicht nur in der Brutzeit anzutreffen sind. Weiter führt der Weg über den Seedamm mit seinen Schilfgürteln bis nach Pfäffikon am linken Ufer.

Dort sieht es besser aus als am rechten. Vor allem seit der Eröffnung des Seeuferwegs zwischen der Richterswiler Mülenen und der Halbinsel Giessen in Wädenswil 2013. Für 7,6 Millionen Franken wurde der früher eher trostlose Streifen Land zwischen Bahntrassee und See zur Erholungslandschaft für den Menschen und zum vielfältigen Lebensraum für Tiere umgestaltet. Der Weg verläuft zu grossen Teilen als Steg auf Pfählen, manchmal mit Geländer über das offene Wasser. Zum Abschnitt gehören Bänke, Grill- und Badeplätze und sogar eine behindertengerechte Unterführung unter dem SBB-Trassee.

Springbrunnen als Wegmarke
Fehlte nicht das kleine Stück von der Halbinsel Giessen bis zum Bahnhof Wädenswil, der neue Abschnitt wäre zusammen mit dem bereits früher angelegten bis zum Horgener Springbrunnen das längste durchgehende Stück Uferweg am Zürichsee, ausgedehnter noch als die Zürcher Seeanlagen – mit Möglichkeiten zum Baden, Einkehren oder Feuermachen. Höhepunkt: die Halbinsel Au mit Schloss, Park und Naturweiher. Zwischen Horgen und der Zürcher Stadtgrenze ist es dann wieder schlechter bestellt um den Seezugang. Ein paar öffentliche Uferanlagen in Oberrieden, ein Stückchen Seeuferweg in Thalwil und in Kilchberg machen Lust auf mehr. Lorenzo Petrò

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