Überschritt die Justiz die rote Linie?

Sollten die Vorwürfe im Fall Carlos zutreffen, sind Konsequenzen unausweichlich.

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Der als Carlos landesweit bekannt gewordene, inzwischen gut 21 Jahre alte Schweizer ist vom Bezirks­gericht Zürich wegen versuchter schwerer Körper­verletzung zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt worden. Dieses Urteil straft all jene Lügen, die im August 2015 nach der letzten Bestrafung gehofft hatten, Carlos sei noch jung, er werde die Justiz nun nicht mehr beschäftigen.

Er hat sie weiter beschäftigt. Allerdings droht nun aus dem Fall Carlos ein Fall Justiz zu werden. Es ist sonnenklar, dass der junge Mann ein ganz mühsamer Zeitgenosse ist, der sich schnell aufregen kann und nicht zuletzt deshalb Vorstrafen sammelt wie andere Leute Ferienfotos. Doch wenn es zutrifft, was er und sein Verteidiger vor Bezirksgericht ausführten, hat die Justiz im Umgang mit dem renitenten Mann eine rote Linie überschritten.

Weil Carlos im Umgang mit Gefängnispersonal ­jedes bekannte und tolerierbare Mass überschritten haben soll, griff die Gefängnisleitung offenbar zu Mitteln, die man in der Schweiz für nicht ­möglich hält: Während Wochen soll Carlos bei Wasser und Brot in einer unbeheizten Zelle unter­gebracht worden sein, wo er auf dem Boden schlafen musste und ihm als Kleidung nur ein langes Hemd ohne Unterwäsche gelassen wurde. Solche Massnahmen haben in einer Sicherheitsabteilung nichts zu suchen, auch nicht in einer Bunkerhaft, wo verschärfte Bedingungen üblich sind. Das ist ein Verstoss gegen Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention: «Niemand darf (...) unmensch­licher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden.»

Die Justizdirektion wird die Vorwürfe von einer Person untersuchen lassen, die nicht in der Zürcher Justiz tätig ist. Sollten die Vorwürfe zutreffen, sind Konsequenzen unausweichlich. Wer einem 21-Jährigen sagt, wenn er die harte Tour wolle, könne er sie haben, ist definitiv am falschen Ort. Und bei Carlos definitiv an den Falschen geraten. Das beeindrucke ihn nicht, er habe gelernt zu kämpfen, meinte der junge Mann. Genau diese Lektion sollte er nicht im Gefängnis lernen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.03.2017, 23:26 Uhr

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